Ordensrecht-Experte bewertet Leitungsöffnung für Laien

Eigentlich selbstverständlich

Bisher ausschließlich von Klerikern geleitete Ordensgemeinschaften können in Ausnahmefällen künftig auch Laien als Obere ernennen. Was das bedeutet, erklärt der Franziskanerbruder Rafael Rieger.

Eine Ausnahmeregelung des Papstes bringt für viele Orden neue Möglichkeiten in der Leitung / © Odessa25 (shutterstock)
Eine Ausnahmeregelung des Papstes bringt für viele Orden neue Möglichkeiten in der Leitung / © Odessa25 ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Kann man denn jetzt als normaler Sonntags-Katholik Chef der Franziskaner werden?

Prof. Dr. Rafael Manfred Rieger OFM / © Constantin Schulte-Strathaus (KU Eichstätt)
Prof. Dr. Rafael Manfred Rieger OFM / © Constantin Schulte-Strathaus ( KU Eichstätt )

Prof. Dr. Rafael Manfred Rieger OFM (Lehrstuhl für Kirchenrecht und Kirchliche Rechtsgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Experte für Ordensrecht): Nein. Leitungsaufgaben in einer Ordensgemeinschaft, zum Beispiel bei uns Franziskanern kann nur jemand übernehmen, der selbst zu dieser Gemeinschaft dazu gehört.

DOMRADIO.DE: Welche Gemeinschaften betrifft das denn zum Beispiel? Der Vatikan spricht von "Instituten geweihten Lebens" und "Gesellschaften Apostolischen Lebens". Ist das etwas anderes als Franziskaner, Jesuiten, Kapuziner, Karmeliten?

Br. Rafael: Nein, das ist die Fachbezeichnung für verschiedene Gemeinschaften, die wir so landläufig als Ordensgemeinschaften bezeichnen.

Diese Regelung betrifft nur männliche Gemeinschaften. Das sind die bekannten Gemeinschaften wie Franziskaner, Benediktiner, Dominikaner, Jesuiten oder um eine Gesellschaft des Apostolischen Lebens zu nennen, das wären zum Beispiel die Pallottiner, auch eine bei uns in Deutschland durchaus bekannte Gemeinschaft.

DOMRADIO.DE: Welcher Laie kann so eine Ordensgemeinschaft jetzt leiten?

Br. Rafael: Ein Mitglied, das kein Priester oder kein Kleriker ist. In allen diesen Gemeinschaften gibt es in unterschiedlichem Maße Priester, die dort tätig sind, aber auch Laienbrüder. Bei uns Franziskanern gibt es traditionell sehr viele Laienbrüder, die mit verschiedenen Aufgaben tätig sind, die auch bislang schon Leitungsaufgaben übernommen haben.

Diese Laienbrüder, also diese Brüder, die nicht die Priesterweihe empfangen haben, können zukünftig auch höhere Leitungsaufgaben übernehmen bis hin zur Generalleitung einer solchen Gemeinschaft.

Prof. Dr. Rafael Manfred Rieger OFM

"Und diese Laienbrüder, also diese Brüder, die nicht die Priesterweihe empfangen haben, können eben zukünftig auch höhere Leitungsaufgaben übernehmen bis hin zur Generalleitung einer solchen Gemeinschaft."

DOMRADIO.DE: Wenn diese Gemeinschaften in ihrer Gründung beschließen, dass sie von Priestern, also Klerikern geleitet werden müssen, dann gibt es jetzt dafür Ausnahmen. Warum braucht es denn überhaupt so eine Ausnahmeregelung? War das ein drängendes Problem in der Ordenswelt?

Br. Rafael: Was heißt von ihrer Gründung her beschließen? Man muss die Geschichte von diesen Gemeinschaften etwas genauer anschauen. Benediktiner und Franziskaner sind  uralte Gemeinschaften, die es schon seit Jahrhunderten gibt. Da hat sich im Laufe der Zeit eine gewisse Klerikalisierung herausgebildet. Anfangs waren es einfach Brüder, die die Priesterweihe hatten und Brüder, die keine die Priesterweihe. Die lebten gemeinsam. Aber im Laufe der Zeit wurden dann die Leitungsämter immer mehr für Kleriker reserviert. Wir finden, dass das nicht mehr zeitgemäß ist.

Wir verstehen uns zum Beispiel als Franziskaner alle als Brüder und sind in allen unseren Rechten und Pflichten gleich, egal ob wir die Priesterweihe empfangen haben oder nicht. Daher ist es für uns eigentlich selbstverständlich, dass auch Brüder, die nicht die Priesterweihe empfangen haben, in gleicher Weise Leitungsaufgaben übernehmen können.

Prof. Dr. Rafael Manfred Rieger OFM

"Daher ist es für uns eigentlich auch selbstverständlich, dass auch Brüder, die nicht die Priesterweihe empfangen haben, in gleicher Weise Leitungsaufgaben übernehmen können"

DOMRADIO.DE: Dann bringen wir es doch mal auf den Punkt: Haben Sie sich über diese Nachricht gefreut?

Br. Rafael: Ja.

DOMRADIO.DE: Sie sind wahrscheinlich nicht die Einzigen. Hat das in der ganzen Ordenswelt für Jubel gesorgt?

Br. Rafael: Ja, es gab durchaus zustimmende Stimmen. Aus verschiedenen Kanälen hat mich das erreicht. Ein Benediktiner hat mir gleich geschrieben, dass das jetzt durch ist und auch einige Mitbrüder haben sich sehr positiv geäußert.

Unter anderen auch ein Mitbruder, der als Laienbruder in der Generalleitung bei uns in Rom viele Jahre tätig war und diesen Prozess schon seit mehreren Jahren aktiv mitgestaltet und begleitet hat, bis es jetzt zu dieser Entscheidung gekommen ist.

DOMRADIO.DE: Somit ist es keine reine Formalität vom Papst, sondern durchaus auch ein kirchenpolitisches Statement, richtig?

Br. Rafael: Ja, es ist durchaus ein Zeichen, dass die Belange der Ordensgemeinschaften wahrgenommen werden. Papst Franziskus ist sehr bemüht, deutlich zu machen, dass wirklich alle Glieder der Kirche an dem Auftrag der Kirche, also an der Sendung der Kirche beteiligt sind.

Er hat vor Kurzem eine ähnlich kleine Änderung vorgenommen, indem er das Amt des Akolythen und das des Lektors, das bislang nur männlichen Laien vorbehalten war, jetzt auch für Frauen geöffnet hat. Das ist wohl in der ähnlichen Linie zu sehen.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Katholische Orden in Deutschland

Zur Deutschen Ordensoberkonferenz (DOK) mit Sitz in Bonn gehören heute nach eigenen Angaben rund 400 Obere. Sie vertreten 17.000 Ordensleute. Darunter sind etwa 300 Frauengemeinschaften mit rund 13.500 Mitgliedern, die in 1.144 klösterlichen Niederlassungen leben.

 Ordensfrau im Weinberg
 / © Julia Steinbrecht (KNA)
Quelle:
DR
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