Ökumenischer Patriarch Bartholomaios besucht erstmals Taize

"Kleiner Frühling" in schwieriger Zeit

An diesem Dienstag besucht ein außergewöhnlicher Gast die ökumenische Gemeinschaft von Taize: Erstmals macht das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, seine Aufwartung.

Autor/in:
Alexander Brüggemann
Jugendliche halten Kerzen beim Taizé-Abendgebet  / © Mercedes Herran (KNA)
Jugendliche halten Kerzen beim Taizé-Abendgebet / © Mercedes Herran ( KNA )

In seinem Heimatland Türkei weht derzeit ein ziemlich rauer Wind. Anders in der ökumenischen Gemeinschaft von Taize in Burgund, die Papst Johannes XXIII. einst als "kleinen Frühling" bezeichnete. Den kann Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, gut gebrauchen, wenn er an diesem Dienstag erstmals in seiner über 25-jährigen Amtszeit diese so unscheinbare Keimzelle der Ökumene besucht.

Bartholomaios I. will ein paar Stunden in Taize verbringen und zusammen mit Vertretern verschiedener christlicher Gemeinschaften am Mittagsgebet in der Versöhnungskirche teilnehmen. Der Prior der Gemeinschaft, der deutsche Frere Alois, wird den Patriarchen persönlich begrüßen. Zum Abschluss will der 77-Jährige dann das Wort an die Jugendlichen richten.

Treffpunkt für Jugendliche aus aller Welt

Taize zählt zu den wichtigen Orten der ökumenischen Bewegung. Der kleine Ort in Burgund ist Sitz einer Bruderschaft, die in den vergangenen fünf Jahrzehnten zum Treffpunkt für Jugendliche aus aller Welt wurde. Ihr gehören rund 100 Männer aus mehr als 25 Ländern an, die aus verschiedenen evangelischen Kirchen und aus der katholischen Kirche kommen.

Die ersten Kontakte zwischen der Brudergemeinschaft und dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel knüpfte in den 1960er Jahren der Taize-Gründer Frere Roger (1915-2005). Im Februar 1962 besuchte er mit einem weiteren Bruder Bartolomaios' Vorvorgänger, Patriarch Athenagoras (1886-1972), in Istanbul. Weitere Begegnungen gab es bei der Jahrtausendfeier des Berges Athos in Griechenland und 1970 wieder in Istanbul. Bis heute steht in Frere Rogers Zimmer eine Mutter-Gottes-Ikone, die Athenagoras ihm bei diesem letzten Treffen schenkte.

An Weihnachten 2005, einige Monate nach Frere Rogers Tod, besuchte der neue Prior Frere Alois mit zwei Brüdern der Gemeinschaft Bartholomaios I. in Istanbul. Der Patriarch empfing sie nach Aussage der Bruderschaft herzlich und zeigte großes Interesse an den Jugendtreffen von Taize. Als Zeichen der Gemeinschaft schenkte ihm Frere Alois einen Schal, den Frere Roger oft getragen hatte. 2011 lud Bartholomaios Frere Alois ein, mit einigen der Brüder und mit 100 Jugendlichen nach Istanbul zu kommen.

Befürworter der ökumenischen Arbeit

Wie sehr Bartholomaios I. die ökumenische Arbeit von Taize schätzt, spricht aus der Grußbotschaft, die der Patriarch 2010 zum fünften Todestag Frere Rogers sandte: "Durch Frere Roger und die Brüder, die seine Vision teilten, wurde Taize zu einem wahren Zentrum, zu einer Stätte der Begegnung. Taize ist ein Ort der Vertiefung im Gebet, des Zuhörens und der Demut. Es ist ein Ort des Respekts für die Tradition und Anerkennung anderer, ihres Antlitzes und ihres Seins. Um das Abbild dessen zu lieben, der uns "ohne Grenzen" liebte, sind diese Elemente von großer Bedeutung."

Am kommenden Freitag reist Bartholomaios nach Kairo und trifft dort mit Papst Franziskus und dem Großimam der Al-Azhar-Universität, Ahmed Mohammed al-Tayyeb, zusammen. Alle drei sprechen nach Angaben des Internportals "Vatican Insider" auf einer Konferenz zum Thema Frieden.

Und nicht nur diese Reisen unterstreichen, dass Bartholomaios I. seinen Ehrentitel "Ökumenischer Patriarch" wirklich verdient: Nur einen Monat später, Ende Mai, besucht er zum Reformationsgedenken die Lutherstadt Wittenberg und den Evangelischen Kirchentag in Berlin.

Anschließend reist er nach Tübingen weiter, wo er die Ehrendoktorwürde der dortigen Evangelisch-Theologischen Fakultät erhält - für seine Verdienste um den Dialog der Religionen in Europa.


Bartholomaios I. während eines Interviews / © Sean Hawkey (KNA)
Bartholomaios I. während eines Interviews / © Sean Hawkey ( KNA )
Quelle:
KNA