Meist fallen Kirchen auf, weil sie die Häuser in der Umgebung überragen, im neuen Lyoner Quartier im Frankfurter Stadtteil Niederrad ist es umgekehrt. Zwischen vielgeschossigen Wohn- und Bürogebäuden ist durch eine kleine Grünfläche und Parkplätze ein freier Platz entstanden.
Genau dort, gegenüber der Arbeitsagentur, hat die Tiny Church ihren Standplatz gefunden. Die Mini-Kirche irritiert und fällt auf, weil sie weit und breit das kleinste Gebäude ist.
Kirche auf 17 Quadratmetern
Ganze 17 Quadratmeter Innenraum hat die Tiny Church zu bieten. Außen zeigen sich dunkles Holz und gelbe Fenster- und Türrahmen, im Inneren ist der Hauptraum, an den sich eine winzige Teeküche anschließt, mit hellem Holz verkleidet. Eine etwa 2,5 Quadratmeter große Terrasse schafft die Verbindung nach außen. Die Kirche hat keinen Turm und weder Altar noch Taufbecken.
Am Eingang bilden lediglich die Streben zwischen den beiden Türen architektonisch ein Kreuz, und wenn es dunkel ist, gibt ein LED-Kreuz an der Rückwand den Hinweis, dass es sich hier um etwas Christliches handelt. "Das ist kein Missionsgebäude", sagt denn auch Anja Bode, Pfarrerin der evangelischen Schöpfungsgemeinde im Stadtteil Niederrad.
Es gehe vor allem um Begegnung. "Wir wollen als Kirche einfach da sein", betont Bode. Da sein, die Menschen hören und offen sein für das, was sie in dem neuen Quartier brauchen. Zugezogen seien in das junge Viertel bislang etwa 7.800 Menschen, 12.000 sollen es werden, sagt der katholische Projektreferent George Kurumthottikal von der Pfarrei Sankt Jakobus. Viele Menschen kämen aus beruflichen Gründen und blieben nur auf Zeit. So wie die kleine Kirche möglicherweise auch.
Tiny Church ist ein Experimentierfeld
Das ökumenische Projekt ist erst einmal für fünf Jahre geplant, danach zieht die auf einem Anhänger stehende Tiny Church vielleicht um in einen anderen Stadtteil. "Das ist hier ein Experimentierfeld", beschreibt es der Soziologe Kurumthottikal. Mit dem Projekt Tiny Church komme die Kirche zu den Leuten und biete gleichzeitig einen Begegnungsort, an dem die Menschen auch miteinander in Kontakt kommen.
Träger des Projekts sind die katholische Stadtkirche Frankfurt und die Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach. Gekostet hat der Bau der Tiny Church durch ein Freiburger Unternehmen 122.000 Euro, den laufenden Unterhalt finanzieren die evangelische Schöpfungs- und die katholische St. Jakobus-Gemeinde.
Reduktion auf das Wesentliche
Bevor die mobile Kirche auf ihrem Anhänger im Januar in Frankfurt angekommen ist, hatten die Kirchengemeinden im vergangenen Jahr unter anderem an dem künftigen Standort bereits zu einem Poetry-Slam eingeladen, eine Fahrrad-Werkstatt angeboten und im Dezember mit einem evangelischen Chor, einer Feuerschale sowie Glühwein und Punsch "Weihnachten in das Viertel gebracht", erinnert sich der Projektreferent.
Mehr als Gesang, Feuer und die Getränke habe es nicht gebraucht, um die weihnachtliche Atmosphäre herzustellen, sagt Anja Bode. Die Reduktion auf das Wesentliche gelte eben nicht nur für das Gebäude.
Vorhandes Gemeindeangebot nicht ins Quartier verlagern
Vorstellen können sich die Pfarrerin und der Soziologe für die Zukunft einen Mix aus geselligen und kulturellen Angeboten wie Lesungen, Fahrrad-Werkstatt, Gesprächsrunden, Musik und auch Andachten. Was sie nicht wollen, ist eine Verlagerung dessen, was in den vorhandenen Kirchengemeinden funktioniert, in das Lyoner Quartier. "Wir wollen unseren Gemeinden ja nicht das Wasser abgraben", sagen beide. Neue Gemeindemitglieder seien dort jederzeit willkommen.
Für das Projekt Tiny Church hoffe man zunächst einmal, dass sich die Menschen einbringen werden. Was das für das künftige Programm bedeutet, werde sich zeigen. «Vielleicht lernen wir mit dem Projekt ja auch, wie die Kirche sich verändern muss, um überlebensfähig zu bleiben", überlegt George Kurumthottikal.
Offiziell eröffnet wird die Tiny Church am Freitag, 27. März, ab 16 Uhr. Angekündigt sind neben Snacks und Getränken ein Kinderprogramm und ab 18 Uhr Musik der "Tiny Bigband".