Nach einem Jahr Trump sind Kirchengemeinden verunsichert

Ernüchterung bei Latinos spürbar

Ein Jahr nach seinem Amtsantritt bereuen nicht wenige US-Bürger mit lateinamerikanischen Wurzeln, Trump gewählt zu haben. Sie halten seine Abschiebungspolitik für überzogen. Besonders besorgt ist die katholische Kirche.

Autor/in:
Bernd Tenhage
Ein Mann hält ein Schild mit der Aufschrift "Immigrants are not Criminals but the President is" (dt. Einwanderer sind keine Kriminellen, aber der Präsident ist es) bei einer Demonstration gegen den Autoritarismus und die Migrationspolitik der Regierung von US-Präsident Donald Trump, am 14. Juni 2025 in Miami Beach / © Tobias Käufer (KNA)
Ein Mann hält ein Schild mit der Aufschrift "Immigrants are not Criminals but the President is" (dt. Einwanderer sind keine Kriminellen, aber der Präsident ist es) bei einer Demonstration gegen den Autoritarismus und die Migrationspolitik der Regierung von US-Präsident Donald Trump, am 14. Juni 2025 in Miami Beach / © Tobias Käufer ( KNA )

Ohne das bemerkenswert gute Abschneiden bei der US-Bevölkerung mit lateinamerikanischen Wurzeln wäre Donald Trump kein zweites Mal ins Weiße Haus eingezogen. 48 Prozent der Stimmen holte er am 5. November 2024 in dieser wichtigen Wählergruppe – im Gegensatz zu 28 Prozent bei der Präsidentschaftswahl 2016. 

Viele katholische und evangelikale Latinos gaben dem Rechtspopulisten ihre Stimme. Sie hofften auf eine Stärkung konservativer Werte und eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage.

Ernüchterung spürbar

Rund ein Jahr nach Amtsantritt ist jedoch Ernüchterung spürbar – und messbar: Laut einer Erhebung des Washingtoner Pew Research Center von Ende 2025 unterstützen zwar noch 81 Prozent der Trump-Wähler unter den Latinos den Kurs des exzentrischen Staatsoberhaupts. Doch knapp jeder Fünfte ist nicht mehr damit einverstanden. 

Solidaritätskundgebung für Migranten in East Meadow (USA). / © Gregory A. Shemitz/OSV News (KNA)
Solidaritätskundgebung für Migranten in East Meadow (USA). / © Gregory A. Shemitz/OSV News ( KNA )

Denn die aggressive Abschiebungspolitik der neuen Regierung trifft nicht zuletzt die Latino-Gemeinden in den USA. Und sie erschüttert jene, die dachten, der Kandidat werde seine im Wahlkampf versprochene Abschiebe-Offensive nicht wirklich umsetzen.

Noch deutlicher ist die Ablehnung, wenn man die US-Latinos insgesamt betrachtet: 70 Prozent sind nicht damit einverstanden, wie Trump seine Amtsgeschäfte führt. Unter den Katholiken in der Bevölkerungsgruppe ist das Ergebnis noch deutlicher: Drei Viertel missbilligen die Amtsführung. Im Zentrum der Kritik steht die Einwanderungspolitik – 65 Prozent sind gegen die strikte Herangehensweise des Präsidenten. Und das, obwohl sie nicht grundsätzlich dagegen sind, illegal Eingewanderte abzuschieben. Sie halten das aktuelle Vorgehen schlicht für überzogen. 61 Prozent sagen überdies, Trumps Politik habe die wirtschaftliche Lage beeinträchtigt.

Gemeinschaft unter Druck

Die Pew-Studie zeichnet das Bild einer Gemeinschaft unter Druck: 68 Prozent der befragten Latinos geben an, die Lage ihrer Volksgruppe in den USA habe sich verschlechtert - 2021 waren nur 26 Prozent dieser Ansicht. Gestiegene Lebenshaltungskosten werden weiter als eines der drängendsten Probleme angesehen. Mehr als ein Drittel hat Schwierigkeiten, die eigenen Rechnungen zu bezahlen.

Was die Analyse nicht vollständig erfasst, ist die Atmosphäre der Angst, die sich in manchen Latino-Gemeinden ausgebreitet hat. 59 Prozent der Befragten geben an, dass sie kürzlich in ihrem Wohngebiet Razzien der Einwanderungspolizei miterlebt oder zumindest davon gehört hätten. Mehr als jeder Fünfte kennt demnach persönlich jemanden, der im vergangenen Jahr abgeschoben oder festgenommen wurde.

Furcht vor Abschiebung

Die Verunsicherung erreicht auch etliche Kirchengemeinden. Mehr als die Hälfte der katholischen Latinos (56 Prozent) und fast die Hälfte der Protestanten in der Gruppe (49 Prozent) befürchten, dass sie selbst, ein Familienmitglied oder enge Freunde abgeschoben werden könnten.

Neun Prozent der katholischen Latinos und sechs Prozent der protestantischen Latinos gehen seltener zum Gottesdienst, weil sie befürchten, dort ins Visier der Einwanderungspolizei zu geraten. In besonders betroffenen Regionen berichten Priester und Pastoren von signifikanteren Rückgängen bei den Gottesdienstbesuchern.

Proteste auf Long Island gegen die Migrationspolitik in den USA / © Gregory A. Shemitz/OSV News (KNA)
Proteste auf Long Island gegen die Migrationspolitik in den USA / © Gregory A. Shemitz/OSV News ( KNA )

Die katholische Kirche reagiert auf diese Entwicklung mit ungewöhnlicher Deutlichkeit. Zum Abschluss ihrer Herbsttagung veröffentlichte die US-Bischofskonferenz eine "besondere Botschaft". Darin kritisieren die Bischöfe die Einwanderungspolitik der Regierung und werfen ihr eine "wahllose Massenabschiebung" vor. Der aus den USA stammende Papst Leo XIV. begrüßte die Erklärung seiner Landsleute in Form und Inhalt. Er rief dazu auf, "aufmerksam auf das zu hören, was sie gesagt haben". Das US-Einwanderungssystem müsse dringend reformiert werden.

Einige Bischöfe setzen diese Worte in konkrete Taten um. Sie begleiten Betroffene etwa zu Gerichtsterminen, sammeln Spenden für Familien, die durch Abschiebung oder Arbeitsverbot in Not geraten sind, organisieren Mahnwachen und veröffentlichen eigene Stellungnahmen. Bemerkenswert ist, dass auch führende Geistliche der Evangelikalen mit lateinamerikanischen Wurzeln, die Trump nahe stehen, inzwischen offen Kritik üben.

Jeder dritte Latino denkt ans Auswandern

Die anhaltende Unsicherheit lässt manche Latinos über radikale Schritte nachdenken. 32 Prozent haben in den vergangenen Monaten laut der Pew-Umfrage erwogen, die USA zu verlassen. Von diesen wiederum nannten 46 Prozent die politische Situation als Grund. Aggressive Rhetorik und harte Durchsetzungsmaßnahmen der Regierung haben also Spuren hinterlassen - auch bei jenen, die legal im Land leben und arbeiten.

Vor diesem Hintergrund steht für die katholische Kirche und die evangelikalen Gemeinden einiges auf dem Spiel: Denn die Latinos bilden seit Jahren einen wachsenden und lebendigen Teil der Christenheit in den Vereinigten Staaten. Sollten sich viele von ihnen gezwungen sehen, das Land zu verlassen, hätte das gravierende Folgen für die religiöse Landschaft der USA. 

Quelle:
KNA