Nach 45 Jahren sprechen Augenzeugen über das Attentat auf den Papst

Als die Schüsse auf dem Petersplatz fallen

13. Mai 1981, Generalaudienz. Der Papst fährt eine zweite Runde über den Petersplatz. Das Papamobil stoppt. Er nimmt ein kleines Mädchen entgegen, segnet es und gibt es zurück an seine Mutter. In diesem Moment drückt der Attentäter ab.

Autor/in:
Tobias Fricke
Ali Ağca zielt mit einer Pistole am 13.5.1981 auf Papst Johannes Paul II. / ©  Wolfgang Hartmann / Picture Alliance (dpa)
Ali Ağca zielt mit einer Pistole am 13.5.1981 auf Papst Johannes Paul II. / © Wolfgang Hartmann / Picture Alliance ( dpa )

Zum Anschlag auf Papst Johannes Paul II. ist aktuell ein True Crime-Podcast in Arbeit, von den Machern des DOMRADIO-Konklave Podcasts und mit den Stimmen der Augenzeugen. Unter diesem Kanal bald mehr. Hier gibt es einen ersten Vorgeschmack:

Es ist ein sonniger Mittwochnachmittag im Vatikan. Tausende Pilger und neugierige Besucher mit ihren Fotoapparaten drängen sich an den Absperrgittern auf dem Petersplatz. Sie freuen sich auf den vitalen, fast sportlichen Papst, der gleich auf seinem weiß lackierten Fiat Campagnola durch die Reihen fahren wird. 

Das Papamobil ist ein umgebauter Pickup, der zwischenzeitlich in den vatikanischen Gärten genutzt wird, um Blumenerde zu transportieren. Johannes Paul II. steht im Rahmen der Generalaudienzen auf der Ladefläche. Daneben sein Papstsekretär Stanisław Dziwisz. Er soll sich schon mal über Reste von Blumenerde auf der Plattform des Pickups beschwert haben. 

13. Mai 1981, der Papst fährt bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz mit dem Papamobil durch die Reihen und segnet Kinder / © picture-alliance / dpa (dpa)
13. Mai 1981, der Papst fährt bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz mit dem Papamobil durch die Reihen und segnet Kinder / © picture-alliance / dpa ( dpa )

In der Kommentatorenkabine von Radio Vatikan bereitet sich ein junger Redakteur von Radio Vatikan auf seinen Einsatz vor. Der Ire Sean Patrick Lovett ist 23 Jahre alt. An diesem 13. Mai 1981 ist er dafür eingeteilt, die päpstliche Generalaudienz für die englischsprachigen Zuhörer zu kommentieren. Aus der erhöhten Position an den Kolonnaden überblickt er den gesamten Platz. Die Kolonnaden sind die beiden gewaltigen, halbkreisförmigen Säulengänge, die den Petersplatz nach der Vorstellung von Papst Alexander VII. (1599-1667) wie mütterliche Arme umschließen sollen.

Die Kolonnaden mit Säulen und Heiligenstatuen rahmen den Petersplatz ein / © ViaggioMoments (shutterstock)
Die Kolonnaden mit Säulen und Heiligenstatuen rahmen den Petersplatz ein / © ViaggioMoments ( shutterstock )

Auf dem Petersplatz warten viele polnische Reisegruppen. Die Polen wollen den Mann erleben, der vieles in sich vereint: Mit bürgerlichem Namen Karol Wojtyła ist er der erste nicht-italienische Papst seit 455 Jahren. Eine Sensation. Er fährt Ski, er sympathisiert mit der Solidarność-Bewegung in seiner Heimat, unterstützt oppositionelle Kräfte im Ostblock moralisch und stellt für das kommunistische Regime in Polen ein Problem dar. 

Hoffnungsträger und Risiko

Hans Roggen hat längst die letzte Eintrittskarte für die Generalaudienz kontrolliert, als sich der kleine Tross um das Papamobil in Bewegung setzt. Der Unteroffizier ist häufig in Zivil im Einsatz, trägt heute aber seine schwarz-rote Uniform, um sich als Ticketkontrolleur sichtbar zu machen. Er beobachtet aufmerksam das Treiben auf dem Petersplatz. Dass er die repräsentative, aber umständliche, 1914 designte Uniform heute noch verwünschen wird, ahnt er zu dem Zeitpunkt nicht.

Der Papst grüßt die Menge mit erhobener rechter Hand. Es ist kein Winken im herkömmlichen Sinn. Sondern nur ein leichtes Hin- und Herdrehen aus dem Handgelenk. 

Das Papamobil hat seine obligatorische zweite Runde fast vollendet. Es erreicht die Kolonnaden, quasi die Zielgerade zur Audienzplattform, auf der Johannes Paul II. gleich die Pilger aus aller Welt begrüßen will.

Die letzten Minuten

Ein neunjähriger Junge sieht, wie das Fahrzeug näherkommt und ihn ein zweites Mal passieren wird. Mit einer Baseballkappe schützt er sich gegen die Sonne. 

David DePerro ist Sohn eines US-Armeeangehörigen, der in Würzburg stationiert ist. Mit seiner Schwester und seinen Eltern hatte David schon einmal eine organisierte Pilgerreise nach Rom unternommen. Er weiß, wer der Papst ist. 

Seine Reisegruppe hat die Fotoapparate startklar. 

Nachdem der Papst das Mädchen zurück in die Hände der Mutter gibt, fallen die Schüsse / © Bundle Reuters Marketplace - ZUMA Picture (Reuters)
Nachdem der Papst das Mädchen zurück in die Hände der Mutter gibt, fallen die Schüsse / © Bundle Reuters Marketplace - ZUMA Picture ( Reuters )

Rose, eine 21-Jährige aus Massachusetts, reckt sich nach dem abgewendeten Papst, in der rechten Hand ihre Kamera. Mit dem linken Arm stützt sich die Ehefrau eines evangelischen Pfarrers auf der Schulter einer Ordensschwester ab, stabilisiert sich so, um ihr Foto nicht zu verwackeln.

Das Papamobil stoppt. Die Personenschützer des Papstes achten darauf, dass auch auf den letzten Metern niemand über die Absperrung springt. Der Nachmittag scheint ruhig zu verlaufen.

Hunderte von Flügelschlägen

In der Sprecherkabine von Radio Vatikan plaudert Sean Patrick Lovett mit seinem italienischen Kollegen Benedetto Nardacci. Er kennt die Routine des Papstes, vor der Generalaudienz durch die Reihen der Gläubigen zu fahren. Er legt die Blätter seines Manuskripts ein letztes Mal bündig übereinander, spürt trotz der Routine etwas Adrenalin aufkommen, kurz vor seinem Einsatz als Kommentator.

Das Papamobil stoppt, weil eine Mutter dem Papst ihre 18 Monate alte Tochter Sara reichen möchte. Der Papst auf der offenen Ladefläche des Fiat Campagnola öffnet seine Arme, nimmt das Mädchen entgegen, das einen Luftballon in der Hand hält. Er lächelt, segnet Sara und reicht das Lockenbündel zurück in die Hände seiner Mutter. Es ist 17 Uhr 17.

Tauben / © iampaese (shutterstock)

Aufgescheuchtes Flattern.

Die Tauben und Möwen, die die Kolonnaden ihr Zuhause nennen und dauerhungrig auf den Proviant von Pilgern und Petersplatzbesuchern spekulieren, verlassen fluchtartig ihre Behausung. Sie waren aufgeschreckt worden.

Der Priester in der Reisegruppe des kleinen David DePerro sieht im selben Augenblick, wie jemand einen dunklen Gegenstand gegen den Papst reckt. Es ist keine Kamera. 

Hört Sean Patrick Lovett die Fehlzündung eines Motors?

Hört David das Knallen von Feuerwerkskörpern?

Rose hat schlagartig ihre stabile Position auf der Schulter der Ordensschwester aufgegeben. Ihr aufgestützter Ellenbogen brennt gewaltig.

Der Schweizergardist Hans Roggen merkt, dass etwas nicht stimmt.

Todeskampf

Der Papst sinkt in die Arme seines Privatsekretärs Stanisław Dziwisz. Lebensbedrohlich von zwei Kugeln aus dem Lauf einer halbautomatischen Browning Hi-Power getroffen. Eine belgische Waffe, die für ihre Zeit außergewöhnlich viel Munition fasst – 13 Patronen. Mit einer weiteren Kugel im Lauf wären insgesamt 14 Schuss möglich. Anhand der Seriennummer 76C23953 wird sie später als eine Pistole identifiziert, die von der Schweiz zusammen mit anderen Faustfeuerwaffen per Post nach Wien geschickt wurde. 

Heute ein Museumsstück - die Browning HP, mit der Ali Ağca auf den Papst schoss / © Reuters (Reuters)
Heute ein Museumsstück - die Browning HP, mit der Ali Ağca auf den Papst schoss / © Reuters ( Reuters )

Das Fahrzeug, sonst im Schritttempo unterwegs, hat es jetzt sehr eilig. 

Wenngleich es auf dem Petersplatz eine medizinische Bereitschaft gibt, ist niemand auf einen solch ernsten Notfall eingestellt. Am 13. Mai 1981 befindet sich keine sofort verfügbare Ambulanz in der Nähe des Papamobils.

Papst Johannes Paul II. nach dem Mordanschlag 1981 / © Ansa (dpa)
Papst Johannes Paul II. nach dem Mordanschlag 1981 / © Ansa ( dpa )

Der weiße Fiat mit dem stark blutenden Johannes Paul II. auf der Ladefläche rast quer über den Petersplatz hinter die Kolonnaden auf sicheres vatikanisches Gebiet. Dort erst kann der Papst in einen vatikanischen Krankenwagen umgeladen werden. 

Hans Roggen, der Wachmann der Schweizergarde, sieht, wie der Schütze flieht. Er steht zu weit von ihm weg. Muss ein Absperrgitter überwinden, die Gardistenuniform ist aber nicht für derartige Kletteraktionen ausgelegt. Er hat Mühe, aber schafft es.

Er sieht, wie Zivilisten, darunter die italienische Ordensschwester Lucia Giudici, den Flüchtigen zu Boden gerungen haben. Die Franziskanerin war vermutlich die erste, die den Attentäter an seiner Jacke festhielt. Roggen fixiert den Täter und muss ihn gemeinsam mit italienischen Polizisten vor der tobenden Menge schützen.

Gemelli-Klinik in Rom / © Stefano Tammaro (shutterstock)
Gemelli-Klinik in Rom / © Stefano Tammaro ( shutterstock )

Unterdessen rast die Ambulanz durch den römischen Verkehr. Unter Polizeischutz gelingt es, innerhalb von Minuten die Gemelli-Klinik zu erreichen.

"Terrorismus im Vatikan"

Auf dem Petersplatz sind chaotische Zustände ausgebrochen, der mutmaßliche Mordanschlag hat geschockte, panische Menschen zurückgelassen.

Sean Patrick Lovett hört seinen italienischen Kollegen Benedetto Nardacci ins Mikrofon sagen: "Zum ersten Mal können wir von Terrorismus im Vatikan sprechen".

In der Gemelli-Klinik hat der leitende Chirurg Professor Francesco Crucitti die Operation des Heiligen Vaters übernommen. Seit den zwei Schüssen des Attentäters hat der Papst so viel Blut verloren, dass sein Zustand hochkritisch ist. Die Kugel hatte im Bauchraum enormen Schaden angerichtet. Zunächst durchtrennte das Projektil mehr als nur eine Darmschlinge. Darüber hinaus riss es ein Loch in den Dickdarm. Doch die primäre, akut lebensbedrohliche Verletzung betraf große Blutgefäße im Bauchraum. Das war der Grund für die dramatische Blutung.

Wäre die Hauptschlagader selbst, die Aorta, nur angekratzt worden, wäre Johannes Paul II. noch auf dem Transportweg verblutet.

Dröhnendes Geräusch auf dem Petersplatz

Hans Roggen sorgt mit der italienischen Polizei dafür, dass der Attentäter zum Bronzetor an den Kolonnaden abgeführt wird. Dort befindet sich die nächstgelegene Polizeistation. Der Mann, der einen gefälschten türkischen Pass mit sich trägt, wird bald als Mehmet Ali Ağca entlarvt. Ein Rechtsterrorist, der zwei Jahre zuvor aus einem türkischen Militärgefängnis geschleust wurde und seitdem untergetaucht war.

Die 21-jährige US-Amerikanerin Rose Hall (bandagierter Ellenbogen) besucht mit ihrem Ehemann und ihrer Mutter den Papst Tage nach dem Anschlag / © ZUMA Press Wire via Reuters Connect (Reuters)
Die 21-jährige US-Amerikanerin Rose Hall (bandagierter Ellenbogen) besucht mit ihrem Ehemann und ihrer Mutter den Papst Tage nach dem Anschlag / © ZUMA Press Wire via Reuters Connect ( Reuters )

Auf dem Petersplatz beginnt die Spurensuche, Zeugen werden befragt, Verletzte behandelt. Viele private Fotokameras werden beschlagnahmt. Die Familie um David DePerro wird ihren Film mit den Negativen niemals wiedersehen.

Und 45 Jahre später wird sich David an ein dröhnendes, verstörendes Geräusch, das den Platz erfüllte, erinnern. Er vermutet heute, dass der Rosenkranz über die Lautsprecher gebetet wurde.

Der junge Ire Seàn Patrick Lovett verlässt die Kommentatorenkabine an den Kolonnaden und eilt in die Redaktionsräume von Radio Vatikan zurück. Dort findet er schreiende und weinende Menschen vor. Sie denken, dass ihr Papst sterben wird.

Eine Durchsage, auch auf Deutsch, hallt über den Petersplatz: "Wie Sie wissen, ist der Heilige Vater verwundet worden. Man weiß noch nichts über die Schwere der Verwundung. Wir vereinigen uns um ihn im Gebet und beten auf Latein das Vaterunser, 'Gegrüßet seist du, Maria' und 'Ehre sei dem Vater'". 

Die nachfolgend gesprochenen Gebete wirken auf den verstörten 9-jährigen David wie ein dauerndes Dröhnen.

Kraft zur Vergebung

Der chirurgische Eingriff am polnischen Papst dauert bis tief in die Nacht. Dann kann der Papst auf die Intensivstation verlegt werden.

Das Papamobil auf dem Weg zur Ambulanz / © CPPIPA/Sipa USA via Reuters Connect (Reuters)
Das Papamobil auf dem Weg zur Ambulanz / © CPPIPA/Sipa USA via Reuters Connect ( Reuters )

Als Hans Roggen nach Hause zu seiner Frau kommt, ist er wütend, traurig, niedergeschlagen. Carol Roggen erinnert sich 45 Jahre später und sagt im britisch gefärbten Schweizerdeutsch: "Er trug seine Pistole immer bei sich, warf sie am Abend auf den Tisch und sagte: 'Das bringt nüt, ich ha das nöd chönne bruuche.'" Also trotz seiner Bewaffnung hat er den Mordanschlag auf den Papst nicht verhindern können.

Der Arzt Professor Francesco Crucitti wird drei Tage lang nicht zu seiner Familie zurückkehren, um den Papst weiter zu stabilisieren.

Vier Tage nach dem Attentat spricht Johannes Paul II. vom Krankenbett aus eine Botschaft auf Tonband, die um die Welt geht: "Ich bete für den Bruder, der mich getroffen hat, und dem ich aufrichtig vergeben habe. Verbunden mit Christus, dem Priester und Opfer, opfere ich mein Leiden für die Kirche und die Welt auf."

Der Papst erholt sich langsam in der Gemelli-Klinik / © REUTERS (Reuters)
Der Papst erholt sich langsam in der Gemelli-Klinik / © REUTERS ( Reuters )

Eine Kugel, die den Zeigefinger der linken Hand des Papstes zertrümmert hatte und abgeprallt war, hatte seinen rechten Arm gestreift. Dieses Projektil flog danach weiter in die Menge und war möglicherweise das Geschoss, das Rose am Ellenbogen verletzt hatte. Die US-Amerikanerin bekommt vom Papst schriftliche Genesungswünsche und besucht ihn etwas später in der Gemelli-Klinik.

David DePerro fährt mit seiner Reisegruppe weiter nach Assisi. Viel gesprochen wird nicht über das Attentat. Es verfolgt den Augenzeugen bis heute.

Ein in den Boden eingelassener Marmorstein markiert heute die Stelle des Anschlags / © ChiccoDodiFC (shutterstock)
Ein in den Boden eingelassener Marmorstein markiert heute die Stelle des Anschlags / © ChiccoDodiFC ( shutterstock )
Quelle:
DR

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