Münchner Missbrauchsgutachten wird vorgestellt

"Ab heute wissen wir: So war es"

Das Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München wird an diesem Donnerstag mit Spannung erwartet. Der Münchner Pfarrer Rainer Schießler betont, es gehe nicht darum, Verantwortliche "hinzurichten", sondern eine Grauzone zu beenden.

Münchner Missbrauchsgutachten wird mit Spannung erwartet / © Annnna_11 (shutterstock)
Münchner Missbrauchsgutachten wird mit Spannung erwartet / © Annnna_11 ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: In Köln hat ja die Veröffentlichung eines ähnlichen Gutachtens letztes Jahr für ein Beben gesorgt. Rechnen Sie damit, dass das Erzbistum München und Freising ähnlich erschüttert wird? 

Rainer Maria Schießler (Pfarrer in Sankt Maximilian in München): Eigentlich nicht. Wir haben aus Köln gelernt, dass ein Gutachten keine Hinrichtung ist, sondern eine Aufklärung. Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung hat einmal gesagt: "Der ganze Missbrauchsskandal ist der nicht mehr endende Karfreitag der katholischen Kirche." Dieses Gutachten möchte helfen, dass er endet, in dem alles offengelegt wird. Es geht ja nicht darum, jetzt in den Hinterhöfen Scheiterhaufen aufzurichten, sondern es geht darum, allen zu helfen. Nicht nur denen, die betroffen sind als Opfer, sondern auch denen, die darin verwickelt sind, sich hinzustellen und sagen zu können: Ja, das ist meine Schuld, das bin ich gewesen. Das kennen wir ja aus dem Bußsakrament. Das ist der erste große Schritt zur Veränderung. 

Pfarrer Rainer Maria Schießler

"Es geht nicht darum, in den Hinterhöfen Scheiterhaufen aufzurichten, sondern es geht darum, allen zu helfen."

DOMRADIO.DE: Für den emeritierten Papst Benedikt könnte es heute aber heikel werden, denn er war früher Erzbischof von München und Freising. Ist davon auszugehen, dass er Missbrauchsfälle vertuscht hat? 

Papst-Biograf: Ratzinger nicht in Missbrauchsfälle involviert

Papst-Biograf Peter Seewald hat den emeritierten Papst Benedikt XVI. gegen Vorwürfe der Fehler im Umgang mit sexuellem Missbrauch durch Priester aus seiner Zeit als Erzbischof von München (1977-1982) verteidigt. Im konkreten Fall um den Priester und Missbrauchstäter Peter H. etwa gebe es "keinerlei Belege dafür, dass Ratzinger involviert ist", sagte Seewald am Donnerstag im ARD-Morgenmagazin.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI bei einem Interview 2018 / © Daniel Karmann (dpa)

Schießler: Ich würde sagen, dass wir die Gesamtsituation neu sehen lernen, dass er damals als Erzbischof genauso in diesem leider Gottes unsäglichen System drin war, dass man zu oberflächlich, zu unstrukturiert mit solchen Fällen umgegangen ist. Ich würde es als große Chance ansehen, dass auch er mit seinem Amt sagen kann: Ja, das war mein Fehler. Das war ich, das habe ich gemacht. Aber ich glaube, niemand ist daran interessiert, ihn jetzt in einem Gefängnis zu sehen. 

DOMRADIO.DE: Der Münchner Kardinal Marx will das Gutachten heute ja nicht persönlich entgegennehmen. Finden Sie das geschickt? 

Schießler: Dafür hat er eine Amtschefin und einen Generalvikar. Er muss nicht immer in der ersten Reihe stehen. Ich glaube, es steht ihm zu, dass er es zunächst einmal in Ruhe anschauen kann und darauf reagieren kann. Nochmal: Hier wird nicht hingerichtet heute. Hier wird kein Schafott aufgestellt, sondern wir hören endlich einmal auf mit dieser Grauzone. Ab heute wissen wir: So war es. Und jetzt gehen wir rein in die Diskussion. 

Stadtpfarrer Rainer M. Schießler (KNA)
Stadtpfarrer Rainer M. Schießler / ( KNA )

DOMRADIO.DE: Marx hatte ja schon letztes Jahr seinen Rücktritt angeboten. Er wollte damit Konsequenzen aus dem Umgang seiner Kirche mit den Missbrauchsfällen ziehen. Franziskus hat das ja abgelehnt. Aber rechnen Sie denn jetzt mit einem erneuten Rücktrittsgesuch? 

Schießler: Kann ich natürlich nicht sagen, solange die Ergebnisse nicht da sind. Aber so wie ich meinen Erzbischof kenne, weiß ich, dass er absolut offen damit umgeht. Es gibt den schönen Satz von Margot Käßmann, den sie damals gesagt hat bei ihrem Rücktritt: "Wer keine Autorität hat, darf auch keine Macht mehr haben." So wie ich ihn kenne, weiß ich, wenn er in der Situation wäre, dann weiß er, was er tun muss. Aber Spekulationen verbieten sich uns ein paar Stunden vor der Veröffentlichung. 

DOMRADIO.DE: Wenn wir noch mal den Vergleich zu unserem Erzbistum hier in Köln suchen: Das Verhältnis zwischen Woelki und vielen Gläubigen gilt als erschüttert, einige sagen sogar zerrüttet. Wie ist das bei Marx? 

Schießler: Es ist nicht zerrüttet. Ich hätte ihn zum Beispiel gerne im November hier bei mir zur Firmung gehabt. Leider ist er dann an Corona erkrankt, was ihm unwahrscheinlich Leid getan hat. Und dann kam ein Brief meiner Firmlinge und ihrer Eltern an den Kardinal, den ich weitergegeben habe, wo sie ihm gute Besserung gewünscht haben und wo sie ihr Bedauern ausgedrückt haben, dass er sie nicht firmen konnte. Also, das drückt doch schon etwas aus, dass hier wirklich ein Miteinander gesucht wird. 

Das Interview führte Julia Reck.

Quelle:
DR