Münchner Missbrauchsgutachten wird präsentiert

Ein Ex-Papst lässt sich ein

Es geht um die Verantwortung von kirchlichen Würdenträgern: Das neue Münchner Missbrauchsgutachten wird nicht nur in Deutschland mit Spannung erwartet. Schließlich steht mit Benedikt XVI. auch ein Ex-Papst im Fokus.

Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., 2017 / © Lena Klimkeit (dpa)
Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., 2017 / © Lena Klimkeit ( dpa )

Am Donnerstag wird in München Kirchengeschichte geschrieben: Wenn um 11 Uhr im Haus der Bayerischen Wirtschaft die Anwälte der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) nach fast zwei Jahren Arbeit ihr mehr als 1.000 Seiten starkes Missbrauchsgutachten vorlegen, dann gibt es darin auch 82 Seiten, die bis vor Kurzem so nicht vorstellbar waren. Ein Kirchenoberhaupt im Ruhestand, der emeritierte Papst Benedikt XVI., wird Stellung beziehen zu der Frage, wie er als Erzbischof Joseph Ratzinger von 1977 bis 1982 handelte, wenn es um Verbrechen an Kindern durch Priester ging.

Mit diesen umfangreichen Einlassungen wolle Benedikt XVI. zur Aufarbeitung beitragen, lässt dessen Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein via "Bild"-Zeitung wissen. Veröffentlicht nur wenige Minuten, nachdem die Anwälte am 13. Januar spätnachmittags die Öffentlichkeit zur Präsentation des Gutachtens einluden. Jeder Interessierte wird es im Livestream auf der Internetseite der Kanzlei verfolgen können.

Benedikt XVI.: Schicksale der Opfer gehen "sehr zu Herzen"

Der ehemalige Papst begrüße die Veröffentlichung, zitiert Gänswein seinen Chef. Die Schicksale der Missbrauchsopfer gingen Benedikt XVI. "sehr zu Herzen". Es war nicht die erste Wortmeldung aus dem Ruhesitz "Mater Ecclesiae" in den Vatikanischen Gärten. Denn schon Anfang des Jahres nahm die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" die Rolle von Joseph Ratzinger noch einmal unter die Lupe.

Dabei ging es vor allem um den Wiederholungstäter H. aus dem Bistum Essen. Dessen Fall zählt wohl zu den gravierendsten Tatkomplexen in der katholischen Kirche in Deutschland. Nachdem in den 1970er Jahren sexuelle Vergehen in seinem Heimatbistum aktenkundig wurden, sollte er nach München geschickt werden, um eine Therapie zu machen.

Der Fall Peter H. - Ein Priester als mehrfacher Missbrauchstäter

Mit dem Essener Diözesanpriester Peter H. verbindet sich einer der brisantesten Missbrauchsfälle der katholischen Kirche in Deutschland. Seit 2010 macht er immer wieder weltweit Schlagzeilen. Der Geistliche verging sich an Minderjährigen an mindestens vier Orten in Nordrhein-Westfalen und Oberbayern. Bisher haben sich rund 30 Betroffene gemeldet.

Symbolbild: Missbrauch in der katholischen Kirche / © Strong Pictures (shutterstock)

Missbrauchsfall H.: Mindestens 29 Betroffene

Damals war Ratzinger seit drei Jahren Erzbischof. Auf den 15. Januar 1980 ist jener Beschluss datiert, mit dem der Wechsel von H. an die Isar gebilligt wurde. Schon zu Beginn des Monats Februar wurde er wieder in der Seelsorge eingesetzt - und im Laufe der Jahre erneut übergriffig. Von insgesamt 29 Betroffenen an mehreren Orten sprechen die Verantwortlichen in München und Essen mittlerweile. Es könnten durchaus noch mehr sein, heißt es.

Erst 2010 wurde H. aus der Seelsorge abgezogen. Heute lebt er unter Auflagen im Bistum Essen. Diese würden auch kontinuierlich kontrolliert, heißt es dort. Außerdem laufe ein kirchenrechtliches Verfahren gegen den Geistlichen, das kurz vor dem Abschluss stehe.

Was wusste Ratzinger über H.'s Vorgeschichte?

Entscheidend an dem Fall ist die Frage, was Joseph Ratzinger über die Vorgeschichte von H. wusste, als dieser 1980 nach München kam. Der emeritierte Papst ließ Anfang des Jahres "Die Zeit" wissen, er habe zum damaligen Zeitpunkt keine Kenntnis davon gehabt. In einem internen Dekret des Münchner Kirchengerichts aus dem Jahr 2016 ist das Gegenteil vermerkt.

Fragen zum Fall H. gab es bereits zu Beginn des Missbrauchsskandals im Frühjahr 2010. Selbst die "New York Times" berichtete ausführlich. Damals zitierte das Erzbistum den 1980 amtierenden Generalvikar Gerhard Gruber mit der Aussage, er übernehme die alleinige Verantwortung dafür, dass H. schon unter Erzbischof Ratzinger wieder als Seelsorger arbeiten durfte.

Zweifel an dieser Version sind aber nie verstummt. Durch die neuerliche Berichterstattung der "Zeit" ist zudem ein Streit unter Kirchenrechtlern darüber entbrannt, inwieweit 1980 für solche Fälle eine Meldepflicht an die Glaubenskongregation bestanden habe.

Auch Kardinale Wetter und Marx hatten mit Fall H. zu tun

Allein der Fall H. soll einen Sonderband von 350 Seiten füllen, so berichtet es die "Bild" nun. Er wird sicher auch mit Blick auf die ebenfalls noch lebenden Nachfolger von Joseph Ratzinger als Erzbischöfe, die Kardinäle Friedrich Wetter und Kardinal Reinhard Marx, interessant sein. Denn auch sie hatten mit der Causa H. zu tun.

Zu welchen Schlüssen die Juristen kommen, ist offen. Selbst die Verantwortlichen des Erzbistums sollen erst am Donnerstag erfahren, was in dem Gutachten steht, wie die Anwälte betonen. Die Erzdiözese will sich erst eine Woche später in einer eigenen Pressekonferenz zu dem Konvolut eingehender äußern.

Personelle Folgen sind durchaus denkbar. Kardinal Marx wollte schon im vergangenen Frühsommer sein Amt niederlegen, um so Verantwortung zu übernehmen, explizit auch für mögliche Fehler seiner Vorgänger. Papst Franziskus verwehrte ihm das, Marx hat aber nicht ausgeschlossen, ihn erneut darum zu bitten. Sicher ist jedenfalls schon jetzt: Die Ergebnisse haben das Potenzial für internationale Schlagzeilen.

Autor/in:
Christian Wölfel
Quelle:
KNA