Über Jahrzehnte kaum Mitgefühl für die Opfer, stattdessen vor allem den Schutz des kirchlichen Ansehens im Blick: Dies ist ein zentraler Vorwurf des neuen Zwischenberichts der Missbrauchskommission im Bistum Rottenburg-Stuttgart. Die Kommission arbeitet an einer Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im kirchlichen Raum sowie an Empfehlungen für die Prävention.
"In früheren Jahren spielten Betroffene sexualisierter Gewalt und ihre Anliegen kaum eine Rolle. Es gab kaum Bemühungen, ihre Perspektive einzunehmen oder ihre Situation wahrzunehmen, geschweige denn, ihnen echte Hilfe und Unterstützung zukommen zu lassen", heißt es in dem am Montag veröffentlichten Jahresbericht 2025 der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Diözese Rottenburg-Stuttart.
Langsamer Wandel ab 2002
Stattdessen sei vielfach versucht worden, die Glaubwürdigkeit von Betroffenen zu diskreditieren, formuliert die Kommission. Teilweise sei es zu einer "Täter-Opfer-Schuld-Umkehr" gekommen, bei der Betroffene die Verantwortung für den erlittenen Missbrauch zugeschoben hätten. Erst mit Gründung der ersten Rottenburger Kommission sexueller Missbrauch (KsM) im Jahr 2002 seien Betroffene "zwar langsam, aber immerhin zunehmend wahrgenommen worden".
Der Jahresbericht 2025 geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Betroffenen um ein Vielfaches höher ist als die Zahl der bekannten Betroffenen. Wegen der schlechten Aktenlage sei eine "abschließende Bewertung" zu Ausmaß und Schwere des Missbrauchs wohl nie möglich.
Keine neuen Bistumszahlen seit Ende 2024
Ende 2024 hatte die südwestdeutsche Diözese die bis dahin bekannten Fallzahlen vorgelegt: Demnach sind zwischen 1946 und September 2024 im Bistum Rottenburg-Stuttgart 241 beschuldigte und 454 betroffene Personen dokumentiert.
Der Jahresbericht 2025 der vom Bistum unabhängigen Kommission legt jetzt keine neue Statistik vor, sondern beschreibt die Ergebnisse von eigenen Zeugenbefragungen und Aktenrecherchen. Der Kommission gehören zwei Betroffenenvertreter, drei vom Land Baden-Württemberg benannte Experten sowie drei kirchliche Mitarbeiter an. Die Kommission plant, Anfang 2027 ihren Abschlussbericht zu veröffentlichen. Bis dahin sind weitere Interviews und Aktenuntersuchungen geplant.
Hinweise auf Missbrauchs-Hotspots
Der neue Zwischenbericht beschreibt auch, dass sich die bekannten Tatorte für sexualisierte Gewalt und Missbrauch nicht gleichmäßig über das Diözesangebiet verteilen, sondern dass es Hotspots gegeben habe. Die Ursachen hierfür müssten noch weiter untersucht werden. Möglich sei aber beispielsweise, dass problematische Traditionen von Jugendarbeit Missbrauch begünstigt haben. So sei bei zwei überführten Tätern bekannt, dass sie sich bereits während ihrer Priesterausbildung bei Jugendfreizeiten missbräuchlich verhalten haben.
Die Kommission führt auch aus, dass Missbrauchstaten eventuell durch aufmerksame Kirchengemeinden, Vorgesetzte und Kollegen hätten verhindert werden können. "Solche Akteure mögen an Hotspots gefehlt haben", heißt es in dem Bericht. Immer wieder gebe es in den untersuchten Akten klare Hinweise darauf, dass "der Schutz von Tätern und der Institution" ein Motiv des kirchlichen Handelns gewesen sei. Noch in den 1990er Jahren seien Täter versetzt worden, ohne die betroffenen Pfarreien zu informieren, so die Kritik.
Täter konnten ins Ausland wechseln
Der Bericht legt auch dar, dass sich in den 1970er Jahren "einige Intensiv-Täter" einer Aufarbeitung entziehen konnten, indem sie - von den Vorgesetzten schnell genehmigte - Auslandseinsätze begannen. Mehrfach hätten Betroffene der Kommission berichtet, dass sich die Täter durch gute Netzwerke und Beziehungen in der Diözese geschützt gefühlt hätten.