Schriftstellerin Lewitscharoff: Kirchen predigen zu lahm

"Mich stört dieser Kaugummiton"

Sibylle Lewitscharoff, Schriftstellerin, wirft den Kirchen vor, weithin "lendenlahm" zu predigen. "Als würde die Predigt in Lenor gewaschen", sagte sie am Freitag im Deutschlandfunk.

Die Kanzel: Häufig der Ort für die Predigt / © Uwe Aranas (shutterstock)
Die Kanzel: Häufig der Ort für die Predigt / © Uwe Aranas ( shutterstock )

"Mich stört dieser Kaugummiton, der da immer drin ist", ergänzte die 66-jährige Büchner-Preisträgerin. Auch habe die Religion jede Form von Schärfe eingebüßt. "Von Sünde redet doch kein Mensch mehr. Also, im Sinne davon, dass es schwerste Verfehlungen gibt. Und ausgerechnet nach den Katastrophen im 20. Jahrhundert und den Naziverbrechen, nicht mehr wirklich den Begriff Sünde zu kennen und Todsünde nicht mehr zu kennen, das geht mir wirklich auf die Nerven."

"Ich sage ja nicht, dass man ein Drohgewitter wie damals Abraham a Sancta Clara auf die Gemeinde loslässt. Das ist vielleicht auch von Übel", fügte sie hinzu. "Wir würden ja heute einen Menschen, der fremdgeht, jetzt nicht mehr gleich in die Hölle schicken wollen." Aber man müsse eben neue Begriffe für Verfehlungen finden.

Areligiöse Gesellschaft in den Kirchen

Auch die Corona-Krise wäre aus Sicht von Lewitscharoff thematisch eine Chance gewesen. Zwar werde in vielen Predigten das Gottvertrauen beschworen. Doch was Tod oder ein Leben nach dem Tod bedeuteten, werde kaum thematisiert. "Die verstehen ja vom Tod eigentlich gar nichts mehr. Die sind ja so aufs Diesseits fixiert", sagte sie mit Blick auf die Kirchen. "Im Grunde hat sich eine areligiöse Gesellschaft in den Kirchen breitgemacht, weil sie vom Jenseits überhaupt keine Vorstellung mehr haben."

Grundsätzlich finde sie die Kirche auch als Institution wichtig, sagte die 66-Jährige, die in ihren Büchern häufig geistig-spirituelle Themen anspricht. Eine frei flottierende Religiosität sage ihr nicht zu. "Es muss im Grunde an eine gewisse tradierte Vernunft gebunden sein. Sonst wirft sich jeder sozusagen in die Fänge einer Privatreligion." Deshalb sei sie auch nie aus der Kirche ausgetreten, "obwohl ich vieles in meiner Kirche geradezu verabscheue".

Mit dem Rauhaardackel gemeinsam gebetet

Im Rückblick auf ihre eigene religiöse Entwicklung berichtete Lewitscharoff, sie sei ein sehr frommes Kind gewesen. "Ich habe sogar meinen Rauhaardackel mit ins Bett genommen, habe ihm die Pfoten zusammengelegt und habe mit ihm gebetet." In der Pubertät habe sie sich dann eher für Spartakus, Bolschewiki und Leninisten interessiert.

"Aber das Thema hat mich sehr schnell wieder in Berlin eingeholt. Nicht umsonst habe ich Religionswissenschaft studiert." Dort habe eine spekulative Gottsuche wieder begonnen.

Quelle:
KNA
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