Die jüngste Gewaltwelle in Mexiko trifft ein Land, das seit Jahren unter einer strukturellen Krise leidet. Während die Regierung von einer Beruhigung der Lage spricht, wächst vielerorts die Unsicherheit. Mitten in dieser Situation steht die katholische Kirche: als Schutzraum für Betroffene – und zugleich selbst im Fadenkreuz der Gewalt.
Kirche als Zufluchtsort in einer Menschenrechtskrise
Für viele Menschen ist die Kirche dort präsent, wo staatliche Strukturen fehlen oder das Vertrauen in Sicherheitskräfte gering ist. Sie unterstützt besonders schutzbedürftige Gruppen wie Migrantinnen und Migranten, Geflüchtete und Menschen mit wenigen Ressourcen. Kirchliche Einrichtungen bieten Schutzräume und konkrete Hilfe für Opfer von Gewalt.
Rebekka Konté, Mexikoreferentin des Lateinamerikahilfswerks Adveniat, berichtet, dass die Kirche damit keinesfalls auf akute Eskalationen reagiere. Sie versteht die Situation eher als langfristige Menschenrechtskrise. Um nachhaltige Veränderungen zu erreichen, seien tiefgreifende gesellschaftliche Reformen notwendig, nicht allein militärische Maßnahmen.
Ein zentrales kirchliches Projekt ist der Nationale Friedensplan, der 2022 nach der Ermordung zweier Jesuiten ins Leben gerufen wurde. Beteiligt sind die Bischofskonferenz, die Ordensoberenkonferenz und der Jesuitenorden.
Der Plan umfasst unter anderem die Unterstützung von Gewaltopfern, die Schaffung von Dialogräumen zwischen gesellschaftlichen Akteuren und Friedenserziehung in Schulen. Auch der Einsatz für Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit sowie die Stärkung des sozialen Zusammenhalts sind Ziele des Friedensplans. Die Kirche setzt damit auf langfristige Friedensarbeit und strukturelle Veränderungen.
Kirche selbst Ziel der Gewalt
Dieses Engagement ist in Mexiko riskant. Seit 2006 wurden 52 Kleriker getötet. Das letzte Opfer war 2024 Pater Marcelo Pérez. Er wurde ermordet, da er sich öffentlich und gesellschaftlich positioniert hatte.
Wer sich in Mexiko für Menschenrechte, Friedensarbeit oder Umweltfragen engagiert, lebt gefährlich. Kirche ist daher nicht nur Akteurin im Friedensprozess, sondern selbst das Ziel von Gewalt. Auslöser der aktuellen Eskalation war die Tötung von Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, genannt "El Mencho", dem Anführer des Drogenkartells Jalisco Nueva Generación (CJNG). Er wurde bei einem Militäreinsatz im Bundesstaat Jalisco verwundet und starb später auf dem Luftweg nach Mexiko-Stadt.
Bei dem Einsatz kamen mindestens sechs weitere mutmaßliche Kartellmitglieder und sieben Nationalgardisten ums Leben, zwei Personen wurden festgenommen. Die Gegenreaktion folgte umgehend: Mehr als 250 Straßenblockaden in 20 von 32 Bundesstaaten, brennende Fahrzeuge, dichter Rauch etwa in Puerto Vallarta. Mindestens 74 Menschen starben bei Kämpfen zwischen Kartellmitgliedern und Sicherheitskräften.
Vor Ort herrscht große Verunsicherung. Unklar ist, ob weitere "Vergeltungsschläge" folgen oder ob sich die Lage tatsächlich beruhigt, wie staatliche Organisationen behaupten.
Das Kartell bleibt mächtig
Mit dem Tod des Anführers ist die Struktur des CJNG nicht zerschlagen. Das Kartell verfügt weiterhin über enorme finanzielle Mittel, militärische Ausrüstung und mehr als 18.000 Mitglieder.
Wie ein Krake ohne Kopf fängt es an, um sich zu schlagen. Es besteht das Risiko interner Machtkämpfe um das entstandene Vakuum an der Spitze. Damit hat Mexiko früher schon Erfahrung gemacht. Nach der Verhaftung von "El Chapo" im Jahr 2016 startete ein Krieg im Sinaloa-Kartell, der bis heute wütet. Die Leidtragenden sind immer die Zivilbevölkerung, um die sich besonders die Kirche kümmert.
Schwieriges Verhältnis zwischen Kirche und Staat
Historisch ist das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Mexiko angespannt, da viele Gräueltaten der spanischen Kolonialherren von der Kirche unterstützt, legitimiert oder mindestens geduldet wurden.
Grundsätzlich besteht ein gemeinsames Interesse an mehr Sicherheit und Frieden. Doch das Verhältnis zwischen Kirche und Staat ist weiter angespannt. Präsidentin Claudia Sheinbaum distanziert sich wiederholt von kirchlicher Kritik und bezeichnet sie als Einmischung. Zugleich wird der Regierung vorgeworfen, die Gewaltproblematik teilweise herunterzuspielen. Ob die aktuelle Situation zu einer stärkeren Zusammenarbeit führt, bleibt offen, sagt Rebekka Konté.
Das Vertrauen in staatliche Akteure ist vielerorts gering. Menschenrechtsverletzungen werden immer wieder Sicherheitskräften zugeschrieben. Zudem bestehen Verbindungen zwischen kriminellen Strukturen und staatlichen Institutionen. "El Mencho" selbst war früher Polizist.
Die Entsendung von rund 10.000 Soldaten und Polizisten in die Karibikregion zum Schutz von Urlaubsorten wie Cancún, Tulum und Isla Mujeres könnte negativ aufgefasst werden, sagt Konté. Dadurch könne der Eindruck verstärkt werden, wirtschaftliche Interessen würden dem Schutz der Bevölkerung vorgezogen.
Internationale Reaktionen und offene Fragen
International, besonders von Seiten der USA, wurde die Tötung des Kartellchefs als bedeutender Schritt gewertet. Gleichzeitig warnten Botschaften, darunter auch die deutsche, vor Unruhen und Straßensperren. Einige Fluggesellschaften strichen Verbindungen in betroffene Städte.
Auch internationale Großereignisse wie die Fußball-WM der Männer, die im Juni und Juli teilweise auch in Mexiko stattfindet, könnten Sicherheitsrisiken bergen. Ob Kartelle solche Ereignisse ins Visier nehmen, ist unklar.
Mexiko steht an einem unsicheren Wendepunkt. Die militärische Ausschaltung eines Kartellchefs beendet die Gewalt nicht automatisch. Die Kirche versucht durch Schutz, Dialog und Friedensarbeit Stabilität zu fördern und bewegt sich dabei selbst in einem Umfeld, das von Bedrohung und Unsicherheit geprägt ist.