Menschenrechtlerin Nadia Murad fordert mehr Hilfe für Jesiden

"Die dunkelsten Seiten der menschlichen Natur kennengelernt"

Noch immer werden rund 3.000 jesidische Frauen und Kinder im Irak vermisst. Auch die Jesidin Nadia Murad wurde von der Terrormiliz "Islamischer Staat" verschleppt. Seit ihrer Flucht kämpft sie dafür, die IS-Terroristen zur Verantwortung zu ziehen.

Jesidisches Mädchen / © Boris Roessler (dpa)
Jesidisches Mädchen / © Boris Roessler ( dpa )

epd: Frau Murad, Sie haben Unvorstellbares erlebt. In Ihrem neuen Buch "Ich bin eure Stimme", das jetzt im Münchner Knaur Verlag erschien, schildern Sie, wie sechs Ihrer Brüder von der Terrormiliz im Irak hingerichtet wurden und Sie selbst als Sexsklavin unzählige Male brutalst vergewaltigt wurden. Was hilft Ihnen, mit diesen furchtbaren Erfahrungen weiterzuleben?

Nadia Murad (Jesidin und Menschenrechtlerin): Ich habe stets diejenigen Frauen und Kinder vor Augen, die noch vermisst werden oder in Gefangenschaft sind. Was ich tue, tue ich nicht für mich selbst, sondern für mein Volk. Und immer wieder gibt es Grund zur Freude, wenn Angehörige zusammengeführt werden können, Menschen heiraten, Kinder geboren werden. Das macht mir Hoffnung und zeigt mir, dass diejenigen, die uns dies angetan haben, nicht unsere Zukunft bestimmen.

epd: Wie geht es den Jesiden derzeit im Irak?

Murad: Ihre Lage ist furchtbar. Tausende gelten als Binnenflüchtlinge, und diejenigen, die in ihre Häuser zurückgekehrt sind, haben keinerlei Infrastruktur und können sich nicht sicher fühlen. Noch immer sind viele Orte vermint.

epd: Was schätzen Sie: Wie viele jesidische Frauen sind weiterhin in der Hand des Islamischen Staates?

Murad: Wir gehen davon aus, dass noch immer 3.000 Frauen und Kinder vermisst oder gefangen gehalten werden. Jetzt, da der 'Islamische Staat' besiegt ist, sollte die irakische Regierung und die internationale Gemeinschaft alles tun, was sie kann, um diese Personen zu retten.

epd: Im Vorwort des Buches spricht Ihre Anwältin Amal Clooney davon, dass der UN-Sicherheitsrat im September eine richtungsweisende Resolution verabschiedet hat: Eine Ermittlungsgruppe soll beauftragt werden, Beweise für die vom IS im Irak begangene Verbrechen zu sammeln. Was erhoffen Sie sich davon?

Murad: Wir hoffen, dass diese Ermittlungskommission in der Lage sein wird, die Überreste von Getöteten in Massengräbern zu identifizieren, und Beweise zu sammeln, um die Täter zur Rechenschaft ziehen zu können.

epd: Reicht dies aus oder müssten noch weitere Schritte unternommen werden?

Murad: Es müsste noch viel mehr geschehen. Beispielsweise wurden viele jesidische Kinder vom IS entführt. Viele von ihnen wurden bereits wieder zurückgekauft. Teils haben aber auch muslimische Familien, die den IS unterstützt haben, diese Kinder bei sich behalten. Die Regierung sollte dies untersuchen, und die vermissten Kinder finden. Außerdem ist unsere Heimat dem Erdboden gleichgemacht.

Die Menschen werden nicht zurückkehren können, wenn nicht ihre Häuser wieder aufgebaut werden.

epd: Sie kamen gemeinsam mit mehr als Tausend, hauptsächlich jesidischen Frauen und Kindern, über ein Sonderkontingent nach Baden-Württemberg. Wie geht es Ihnen in Ihrer neuen Heimat?

Murad: Ich fühle mich in Sicherheit, und versuche, einen ganz normalen Alltag zu haben. Ich gehe einkaufen, spazieren... Diese Freiheit weiß ich sehr zu schätzen. Aber natürlich vermisse ich meine große Familie um mich herum, und das irakische Essen, das ich von Kind auf gewohnt bin.

Deutschland bin ich sehr dankbar für alle Unterstützung, das wird mein Volk und ich niemals vergessen. Außerdem ist Deutschland ein einflussreiches Land, und tut bereits sehr viel für Minderheiten, Jesiden und Kurden im Nordirak. Aber natürlich gibt es immer Luft nach oben; ich würde mich freuen, wenn viele andere dem deutschen Vorbild folgen würden, und die deutsche Regierung auch andere dazu ermutigen würde.

epd: Sie sind die erste UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel. Was wollen Sie in diesem Amt erreichen?

Murad: Was Frauen wie mir und meinem Volk geschehen ist, ist exemplarisch für das, was Menschen anderen Menschen antun können. Ich habe die dunkelsten Seiten der menschlichen Natur kennengelernt. Mit meinen Worten, meinem Buch und meinem Einsatz möchte ich dazu beitragen, dass dieses Grauen nicht verschwiegen wird - und alles dafür getan wird, um dies in Zukunft zu verhindern.

Das Gespräch führte Judith Kubitscheck.

Die Jesidin Nadia Murad im Europaparlament / © Patrick Seeger (dpa)
Die Jesidin Nadia Murad im Europaparlament / © Patrick Seeger ( dpa )
Papst Franziskus trifft die ehemalige IS-Gefangene Nadia Murad / © L'Osservatore Romano (dpa)
Papst Franziskus trifft die ehemalige IS-Gefangene Nadia Murad / © L'Osservatore Romano ( dpa )
Quelle:
epd