Besuch in der zweitältesten Kirche des Christentums

Menschen hoffen auf ein besseres Jahr

Nach dem verheerenden Bürgerkrieg suchen christliche Gemeinden in Syrien nach Frieden und Erholung. Das Leben der orthodoxen Gemeinde im südlich gelegenen Izra ist nicht leicht. Doch die Hoffnung ist ungebrochen.

Außenansicht der Kirche Sankt Georg in Izra (Syrien) / © Karin Leukefeld (KNA)
Außenansicht der Kirche Sankt Georg in Izra (Syrien) / © Karin Leukefeld ( KNA )

Die Kirche des heiligen Georg in Izra wirkt wie eine Festung. Hinter den hohen Mauern aus dem schwarzen Lavastein des Hauran-Landstrichs ragt die Kuppel eines grauen Doms empor.

Es ist der erste Sonntag im neuen Jahr. Der Gottesdienst ist vorbei, auf dem Hof stehen noch einige junge Leute und unterhalten sich. In Nebengebäuden, die den Kirchhof umgeben, haben sich Trauernde versammelt. Schwarz gekleidet sitzen jeweils Männer und Frauen in getrennten Räumen zusammen, um einer Familie Trost zu spenden, die einen hochbetagten Angehörigen verloren hat.

Priester Elia Tanfakji leitet die griechisch-orthodoxe Gemeinde des Heiligen Georg. Der Priester stammt aus dem Libanon und lebt seit 16 Jahren mit Frau und Kindern in Izra. Während des Krieges seien sie geblieben, sagt er, und er freue sich jeden Morgen über den neuen Tag und dass er in Izra, im Hauran, seinen Dienst tun könne. 

Mit Muslimen in guter Nachbarschaft

Die Kleinstadt liegt unweit der syrisch-jordanischen Grenze in der Provinz Daraa. Vor dem Krieg lebten in dem Ort mehrheitlich griechisch-orthodoxe und katholische Christen. Mit den Muslimen, die sich südlich des alten Ortskerns angesiedelt haben, leben sie bis heute in guter Nachbarschaft. 660 christliche Familien sind geblieben, erklärt Priester Elia - 170 katholische und 490 griechisch-orthodoxe Familien.

"Vor dem Krieg zählten wir pro Familie fünf Personen und hatten mehr als doppelt so viele christliche Familien in Izra. Heute besteht eine Familie nur noch aus Mutter, Vater und einem Kind", erklärt der Priester weiter. Das Leben sei teuer geworden; es fehle an Gas, Strom, Benzin, Heizöl.

Weil die Grenzen um Syrien - außer in den Libanon - in den letzten Jahren fast immer geschlossen waren, hätten viele Händler ihre Geschäfte schließen müssen und ihre Arbeit verloren. "Die Christen wollen ihren Kindern eine gute Zukunft bieten, das ist kaum noch möglich", fährt er fort. "Die Eltern können heute nur noch ein Kind gut unterstützen. Wenn die jungen Leute dann die Schule beendet haben, studieren sie in Damaskus, oder sie verlassen Syrien. Die einen, weil es keine Arbeit gibt, die anderen, weil sie keinen Militärdienst absolvieren wollen."

Um den Priester haben sich derweil einige Jugendliche geschart und folgen neugierig dem Gespräch. "Hier ist unsere Jugend", sagt Priester Elia und legt einem der Jungen die Hand auf die Schulter. "Es sind gute Jungen, warum können sie nicht hier ihr Leben aufbauen?"

Am Dom und an der Außenmauer der Sankt Georgs-Kirche sind weihnachtliche Sterne und Fenster befestigt, ein hoher Weihnachtsbaum aus grünem Metall steht davor, an dem rote Glocken und Geschenkpakete hängen. An der Eingangstür zur Kirche lehnt ein weißer, vielzackiger Stern, durch den die Besucher hindurchsteigen müssen, um in das Innere der Kirche zu gelangen.

Zweitälteste christliche Kirche überhaupt

Voller Stolz führt der Priester um und durch die alte Kirche, die 515 nach Christi Geburt gebaut wurde und als zweitälteste christliche Kirche überhaupt gilt. Sie stelle eine herausragende architektonische Leistung dar: gebaut in einem Achteck, Oktogon, mit vier Nischen jeweils zu den Himmelsrichtungen. Vertiefungen im schwarzen Lavagestein des Bodens weisen auf die Kultstätte eines Tempels hin, auf der die Kirche errichtet wurde. "Hier wurden Tiere geschlachtet", erklärt Priester Elia, "durch die Rinnen konnte das Blut ablaufen."

Erklärend führt er durch das Kirchenschiff, hinter den Altar, in die Seitenräume, zum Taufbecken. Er spricht von dem Erdbeben, das 1899 den steinernen Dom zerstörte, der mit Hilfe des russischen Zaren Nikolaus II. 1906 aus Holz neu errichtet wurde. Schließlich bleibt er im unteren Teil des einfachen Kirchturms stehen, wo jeweils am Freitag und Sonntag die Glocken geläutet werden. Wenn es die Zeit der Besucherin erlaube, wolle er noch eine persönliche Bemerkung machen.

"Wir Christen haben den Eindruck, dass die europäischen Länder und die Amerikaner nicht wollen, dass wir hier bleiben. Seit zehn Jahren haben sie eine Blockade gegen uns verhängt, die das Leben hier unmöglich macht. Und die Syrer, die in der Diaspora leben, können nicht zurückkehren, weil das Leben hier so schwer ist. Warum fragt man uns nicht, was wir wollen? Europa und Amerika sollten uns nicht aufzwingen, was sie für das Richtige halten."

Er wolle nicht falsch verstanden werden, fügt der Priester hinzu: "Wir lieben die Menschen aus Europa und aus Amerika. Und ja, sie genießen politische Freiheit. Sie könnten doch herkommen und hören was wir uns wünschen und unser Leben hier kennenlernen. Sie sind willkommen."

Priester Elia Tanfakji vor der einfachen Krippe in der Kirche Sankt Georg in Izra (Syrien) / © Karin Leukefeld (KNA)
Priester Elia Tanfakji vor der einfachen Krippe in der Kirche Sankt Georg in Izra (Syrien) / © Karin Leukefeld ( KNA )
Autor/in:
Karin Leukefeld
Quelle:
KNA