Ein Besuch in Syriens Kloster Deir Mar Musa al-Habasch

Die Stille der Wüste

Hoch über der syrischen Wüste erinnert sich die Glaubensgemeinschaft von Deir Mar Musa an ihre Berufung. Zehn Jahre Krieg haben bei den Christen in Syrien tiefe Spuren hinterlassen.

Autor/in:
Karin Leukefeld
Kloster Dair Mar Musa al-Habaschi in Nabek in Syrien / © Jean-Matthieu Gautier (KNA)
Kloster Dair Mar Musa al-Habaschi in Nabek in Syrien / © Jean-Matthieu Gautier ( KNA )

Heiß ist es am frühen Nachmittag, am Kontrollpunkt der Armee am Ortseingang von Nbak. Ein verwittertes blaues Schild weist hier auf Deir Mar Musa al-Habaschi, das Kloster des heiligen Mose von Abessinien hin. Der Bau liegt am östlichen Ausläufer des Qalamoun-Gebirges etwa 80 Kilometer nördlich von Damaskus.

Um dorthin zu gelangen, folgt man einer schmalen, teilweise von Raketeneinschlägen zerstörten Straße durch das Gebirge. Die Bewohner von Nbak haben die Hochebene während des Syrien-Krieges in eine Müllkippe verwandelt. Das meiste wurde inzwischen beseitigt, doch der Wind zerrt noch immer an den unzähligen schwarzen Plastiktüten, die sich im trockenen Gestrüpp der Ebene verfangen haben.

"Schwarze Plastikblumen"

"Schwarze Plastikblumen", sagt Joseph, der vor dem Krieg ein gut gehendes Tourismusbüro führte und in seiner Kindheit stets die heißen Sommermonate in Mar Musa und seiner Gebirgswelt verbrachte. Mitte der 80er Jahre half er als Knirps beim Wiederaufbau der Ruine, die einst ein römischer Militärposten gewesen war.

Er erlebte die ersten christlichen Gruppen, die aus Homs und Aleppo kamen, um beim Aufbau zu helfen. Gemeinsam mit muslimischen Arbeitern aus Nbak entstanden Schlafräume, Bäder, eine Küche, eine Bibliothek. Zahlreiche Nebengebäude wurden errichtet, die Kirche wurde restauriert.

Damals lernte der kleine Joseph den großen Paolo kennen. Paolo Dall'Oglio war ein willensstarker Italiener, der als Jesuit nach Syrien gekommen war. In Damaskus hatte man ihm gesagt, er solle zu den Höhlen von Deir Mar Musa al-Habaschi gehen, wenn er Gott finden wolle.

Pilgerort Mar Musa

Paolo Dall'Oglio war den steilen Berg hinaufgestiegen und erlebte dort die "Stille der Wüste", wie er viele Jahre später 2012 in einem Interview berichtete. Diese Stille sollte Dall'Oglio nie wieder loslassen. Mar Musa wurde zu einem Pilgerort für Suchende aus aller Welt.

360 Stufen waren gebaut worden, um den Aufstieg zu erleichtern. Im Tal entstand ein Parkplatz, darauf ein kleiner Laden, in dem man Käse, Kräuter und Marmeladen aus Deir Mar Musa kaufen konnte. Ab Mitte der 2000er Jahre gehörte ein Besuch im Kloster zum festen Programm vieler Touristengruppen.

Über den Höhlen von Deir Mar Musa war ein großes Wohngebäude entstanden, wo internationale Konferenzen zum interreligiösen Dialog stattfanden. Paolo Dall'Oglio hatte den Jesuitenorden verlassen und war der syrisch-katholischen Kirche beigetreten; Mar Musa gehörte zum Bischofssitz in Homs.

Armeeposten vor dem Tor

Heute wird der Aufstieg zu Deir Mar Musa von einem Armeeposten bewacht. Angemeldeten Besuchern schließt der wachhabende junge Offizier das Tor zu den Stufen auf und winkt ihnen hinterher, wenn sie langsam den Aufstieg beginnen. Es ist still und heiß, Echsen huschen über die Steine. Nur wenige Grillen zirpen; das Tal ist von Kräuterduft erfüllt.

Das Kloster liegt wie eine Festung viele Meter über dem Wanderer; majestätisch ragt das Konferenzgebäude in den Himmel. Die anderen Nebengebäude sind mit Baugerüsten versehen. Nach einer halben Stunde steht man vor der kleinen Eingangstür im Hof. Werkzeug und Werkbänke, Holzpaneelen, Sandberge deuten auf Renovierungsarbeiten hin.

Pere Jacques und sein Freund Joseph

Man muss sich tief ducken, um durch die niedrigen Türen ins Innere des Klosters zu gelangen. "Herzlich willkommen", sagt der Priester Jacques Mourad strahlend und schließt Joseph in die Arme. Die beiden kennen sich seit 35 Jahren. Pere Jacques bereitete sich auf das Priesteramt vor, als er Ende der 80er Jahre nach Mar Musa kam.

Er und Paolo Dall'Oglio bauten die Glaubensgemeinschaft auf. Später übernahm Jacques Mourad das Kloster Deir Mar Elian bei Qaryatain, das ebenfalls neu auf- und ausgebaut wurde. 2015 wurde Qaryatain von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) überfallen. Deir Mar Elian wurde zerstört, Mourad mit 250 Christen aus Qaryatain vom IS entführt und in der Wüste gefangen gehalten.

Nach Monaten der Ungewissheit kamen er und die anderen frei. Auf Anordnung der Kirche verließ Mourad Syrien und kam erst im März 2020 zurück. Er habe den großen Wunsch verspürt, nach Syrien und nach Mar Musa zurückzukehren, erzählt er.

Oliven und Auberginen

Monate habe es gedauert, bis er von der Kirche schließlich die Erlaubnis erhielt. "Nun bin ich hier und sehr froh, als einfacher Mönch wieder meiner Arbeit nachgehen zu können." Sprechen möchte Mourad über diese Jahre nicht. Ein einfaches Mittagessen erwartet den Besucher. Der große Tisch steht im Schatten.

Es gibt Reis, Gemüse und Salat. Brot wird verteilt, eingelegte Oliven und Auberginen. Elf Nonnen und Mönche gehören heute zur Glaubensgemeinschaft von Deir Mar Musa. Wegen der Corona-Pandemie bleibt das Kloster bis auf weiteres für eine breitere Öffentlichkeit geschlossen. Als sollten Wunden nicht berührt werden, wird über Paolo Dall'Oglio nicht gesprochen.

Der Priester verschwand 2013 weit im Osten Syriens, als er helfen wollte, Geiseln aus der Gewalt des IS zu befreien. Über ihm und seinem Schicksal liegt die Stille der Wüste.


Blick von der maronitischen Kathedrale von Aleppo in Syrien / © Jean-Matthieu Gautier (KNA)
Blick von der maronitischen Kathedrale von Aleppo in Syrien / © Jean-Matthieu Gautier ( KNA )
Quelle:
KNA