Meinungsforscher ordnet Vertrauensverlust in der Kirche ein

"Ein neuer Tiefstwert"

In einer aktuellen Umfrage hat Forsa nach dem Vertrauen zu weltanschaulichen Institutionen gefragt. Die katholische Kirche hat dabei denkbar schlecht abgeschnitten. Peter Matuschek von der Forsa Gesellschaft ordnet die Statistik ein.

Holzkreuz in der Hand / © PKStockphoto (shutterstock)

DOMRADIO.DE: Sie haben nach dem Vertrauen zu weltanschaulichen Institutionen gefragt. Wie dramatisch schätzen Sie denn den Vertrauensverlust der katholischen Kirche ein?

Dr. Peter Matuschek (Forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen): Der ist schon sehr dramatisch. In den letzten drei oder vier Jahren lag das Vertrauen schon unter 20 Prozent bei der katholischen Kirche, aber jetzt ist es auf einen Wert von acht Prozent gesunken.

Die katholische Kirche liegt damit in etwa gleichauf mit dem Islam, der immer ein geringeres Vertrauen in der bundesdeutschen Gesellschaft genossen hat. Das ist schon ein neuer Tiefstwert, den wir hier gemessen haben für die katholische Kirche.

Dr. Peter Matuschek (Forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen)

"Interessant ist aber schon, dass es bei Vertrauensbrüchen in der Regel immer ein vorgelagertes Ereignis oder eine vorgelagerte konkrete Entwicklung gab, die man relativ gut zuordnen kann."

DOMRADIO.DE: Ist es nur der Skandal um sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche, der zu diesem enormen Vertrauensverlust geführt hat?

Matuschek: Ich glaube, man muss da zwei Entwicklungen unterscheiden. Das sehen wir auch bei anderen Institutionen, wenn wir uns das Vertrauen über einen langen Zeitraum anschauen. Es gibt natürlich bestimmte Entwicklungen gesellschaftlicher Art, die sich gerade bei den weltanschaulichen Institutionen bemerkbar machen. Interessant ist aber schon, dass es bei Vertrauensbrüchen in der Regel immer ein vorgelagertes Ereignis oder eine vorgelagerte konkrete Entwicklung gab, die man relativ gut zuordnen kann.

Bei der katholischen Kirche war tatsächlich noch mal ein Einbruch festzustellen nach 2010 mit dem Öffentlichwerden der Missbrauchsfälle in der Kirche. Dann gab es eine gewisse Phase der Erholung und dann brach das Vertrauen ab 2018 wieder deutlich ein.

Bei der evangelischen Kirche haben wir auch einen deutlichen Vertrauensrückgang seit 2018, allerdings ist das Vertrauen bei der evangelischen Kirche immer noch auf einem viel höheren Niveau. Da haben wir auch nicht annähernd diese Sprünge oder diese Brüche, wie wir sie in der katholischen Kirche haben. Also da ist schon ein Großteil auf solche Vorfälle wie die Missbrauchsskandale, aber auch andere Dinge innerhalb der Kirche zurückzuführen.

Vertrauen zu weltanschaulichen Institutionen 2005 bis 2023 (Forsa)
Vertrauen zu weltanschaulichen Institutionen 2005 bis 2023 / ( Forsa )

DOMRADIO.DE: Schauen wir mal auf den Papst. Ihm haben 2015 noch 60 Prozent der Menschen vertraut. Das Vertrauen ist dann auch bis 2019 auf hohem Niveau geblieben. Aber dann folgte der Absturz. Wie lässt sich das erklären?

Matuschek: Da vollzog sich in der Tat eine gewisse Wellenbewegung. Das Vertrauen ging 2005 mit der Wahl Benedikts XVI. zunächst mal deutlich nach oben, sank dann wieder ab auf einen neuen Tiefststand 2013 und ging dann massiv nach oben mit der Wahl des aktuellen Papstes, der sich in der Tat über einen längeren Zeitraum auch auf diesem Vertrauensniveau gehalten hat.

Dann kamen natürlich verschiedene Vorfälle wie etwa das Aufleben der Missbrauchsfälle wieder hinzu, weil auch das Vertrauen in den Papst im Grunde fast parallel rückläufig ist. Seit 2018/19 ist das noch mal deutlich, wie auch das Vertrauen in die katholische Kirche insgesamt. Das ist eine Entwicklung, die hier in dem Fall Hand in Hand geht.

DOMRADIO.DE: Sie fragen nach dem Vertrauen zu weltanschaulichen Institutionen. Wie stehen denn da die religiös geprägten Institutionen insgesamt da? Gibt es mehr Vertrauen in andere Institutionen?

Matuschek: Wir haben da durchaus ein sehr großes Gefälle. Es gibt Institutionen, wo wir über viele Jahre ein wirklich kontinuierlich hohes Vertrauen haben. Das sind etwa Institutionen wie Universitäten, also die Wissenschaft, aber auch Ärzte, die staatlichen Ordnungsorgane wie die Polizei und auch Gerichte und der Bundespräsident bei den politischen Institutionen.

Die politischen Institutionen, also die Bundesregierung und der Bundestag, liegen auch immer noch über den weltanschaulichen Institutionen. Das ist ganz interessant. Das heißt, die weltanschaulichen Institutionen bewegen sich jetzt mittlerweile schon wirklich im unteren Drittel aller Institutionen, die wir regelmäßig bewerten lassen.

DOMRADIO.DE: Die evangelische Kirche hat auch Vertrauen verloren. Kann man da insgesamt von einer Krise der christlichen Institutionen überhaupt sprechen? Erreichen die Kirchen die Menschen nicht mehr?

Matuschek: Das sind natürlich grundlegende und strukturelle Probleme, die, denke ich, alle weltanschaulichen Institutionen haben, die sich aber natürlich im Hinblick auf die Bindung an Kirchen und auch die das Organisiertsein in weltanschaulichen Organisationen natürlich eher langsam vollziehen. Da besteht aber natürlich auch im Hinblick auf die Kirchenaustritte die Gefahr, wenn sich diese Zahlen verstetigen, die ja auch dramatisch zugenommen haben in den letzten Jahren, dann fallen natürlich auch Menschen weg, die man kennt und die noch in der Kirche sind.

Das führt natürlich dann zu einer weiteren Erosion der weltanschaulichen Institutionen, die sich aber langsamer vollzieht als jetzt solche Vertrauensrückgänge, die häufig durch konkrete Vorfälle und Ereignisse geprägt sind.

Dr. Peter Matuschek (Forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen)

"Wenn man sich die letzten 15 Jahre oder länger anschaut, in denen wir das erhoben haben, dann sieht man, dass sich Institutionen in ihrem Vertrauen auch wieder erholen können."

DOMRADIO.DE: Nun sind Sie vom Forsa-Meinungsforschungsinstitut nicht dazu da, den kriselnden Institutionen Ratschläge zu geben. Und doch kennen Sie sich gut aus, was die Stimmung in der Gesellschaft betrifft. Wie könnte die Kirche denn wieder rauskommen aus der Vertrauenskrise? Gibt es da Chancen?

Matuschek: Ich glaube, auch da muss man an zwei Stellen ansetzen. Das eine ist natürlich eine viel schwierigere Grundlagenarbeit, also zu versuchen, sich wieder in der Gesellschaft stärker zu verankern oder auch gegenüber der Gesellschaft sich in irgendeiner Form wieder stärker zu öffnen. Ich glaube, das betrifft die katholische Kirche noch mal deutlich stärker als die evangelische Kirche, die dann vielleicht wiederum andere Probleme hat.

Was man generell bei den Institutionen sagen kann, ist, dass wir keinen Trend haben auch in diesem Jahr, dass alle Institutionen in Folge der verschiedenen Krisen, die wir haben, im Moment an Vertrauen verloren hätten. Es gibt ja auch Institutionen, die an Vertrauen gewonnen haben.

Wenn man sich die letzten 15 Jahre oder länger anschaut, in denen wir das erhoben haben, dann sieht man, dass sich Institutionen in ihrem Vertrauen auch wieder erholen können. Das geht etwa durch eigenes Handeln und im negativen Falle auch durch das Abstellen von Missständen. So können sie dann auch wieder Vertrauen gewinnen. Insofern besteht durchaus Hoffnung. Aber diese langfristigen Trends, mit denen die Kirchen konfrontiert sind, die sind natürlich viel schwerer umzukehren als das Abstellen von einzelnen Missständen.

Das Interview führte Dagmar Peters.

Wichtige Daten der katholischen Kirche in Deutschland

Die katholische hat folgende Daten zum kirchlichen Leben im Jahr 2018 bekanntgegeben: - Aus der katholischen Kirche traten 216.078 Menschen aus, rund 29 Prozent mehr als im Vorjahr (167.504). - Zur katholischen Kirche und ihren 27 Bistümern gehören damit exakt 23.002.128 Mitglieder. Das sind 27,7 Prozent der Gesamtbevölkerung, von 83,02 Millionen Bundesbürgern. 2017 gab es 23,311 Millionen Katholiken (28,2 Prozent), 2016 23,58 Millionen (28,5 Prozent). Die Zahl der Katholiken sank also 2018 um knapp 309.000.

Die katholische Kirche in Deutschland (dpa)
Die katholische Kirche in Deutschland / ( dpa )
Quelle:
DR