Dritter Sonntag der Osterzeit, 11. Mai 2025
An all die Straßensperren, die Menschenmassen, die Warteschlangen und das Verkehrschaos, die einen erwarteten, sobald man aus dem Haus trat, hatte ich mich fast gewöhnt. Oder doch nicht? Ehrlich gesagt: Manchmal konnte einem der Zirkus gewaltig auf den Senkel gehen. Zumal er kein Ende mehr zu nehmen schien.
An diesem Sonntag sollte Papa Leone zum ersten Mal das traditionelle Mittagsgebet auf dem Petersplatz sprechen. Eigentlich hatte ich gehofft, dass sich der Ausnahmezustand rund um den Vatikan nach dem Konklave legen würde. Doch ich hatte mich getäuscht. Er wurde faktisch institutionalisiert und nahm von Seiten der besorgten italienischen Sicherheitskräfte teils absurde Züge an.
Etwa wenn man sich als Anlieger mit einem Polizisten streiten musste, der einem wie wild mit der Trillerpfeife hinterherpfiff, nur weil man gerade unter dem gelben Absperrband durchhuschen wollte, um sich beim Pizzabäcker fünf Meter auf der anderen Straßenseite eine Jause (Anmerkung der Redaktion: Zwischenmahlzeit) zu holen.
Kaum ließ sich der neue Papst irgendwo blicken, kam es zu Szenen von Massenhysterie. Wie gestern, als er in der Generalkurie seiner Augustiner zu Mittag aß, wo der Geburtstag des scheidenden Generaloberen gefeiert wurde. Für mich, der um die Ecke wohnte, bedeutete das konkret: Jeder Einkauf, jede Besorgung, jeder Kaffee an der Bar wurde zu einem wahren Hindernislauf. Der stinknormale Alltag wurde zum täglichen Wahnsinn. Das war der Preis, so nah dran zu sein.
Einmal mehr kämpfte ich mich an diesem späten Vormittag unter unvermeidlichem körperlichem Einsatz zur Journalisten-Schleuse neben dem Heiligen Offizium durch. Der Platz war proppenvoll wie am Abend der Papstwahl. Ganz Rom schien heute hier zu sein. Es war ein strahlend schöner Tag, der weiße Marmor und Travertin der Domfassade zeichneten sich in klaren Konturen vom tiefblauen Himmel ab. Entgegen der Tradition sollte der Pontifex das Gebet nicht vom ikonischen Fenster des Apostolischen Palastes aus leiten, sondern wegen des Andrangs noch einmal von der Mittelloggia.
Für liturgisch Interessierte: Es handelte sich nicht um das zu normalen Zeiten des Jahreskreises übliche Angelus-Gebet, den "Engel des Herrn", jenes dreifach akklamierte "Ave Maria", das älteste überlieferte Mariengebet der katholischen Kirche. Denn wir befanden uns noch immer in der österlichen Festzeit, jenen glorreichen fünfzig Tagen zwischen der Auferstehung Christi am Morgen des Ostersonntags und der Niederkunft des Heiligen Geistes an Pfingsten.
In dieser Periode des liturgischen Kalenders wird der Angelus durch den Hymnus "Regina Coeli" ersetzt, im deutschen Sprachraum bekannt als "Freu Dich, Du Himmelskönigin". Ein kollektiver Jubelgesang über die Auferstehung aus den frühen Anfängen der Christenheit.
Papa Leone trat auf den Balkon und winkte der Menge zu, als hätte er in seinem Leben nie etwas anderes getan. Es ist schon erstaunlich, wie sehr "das Sein das Bewusstsein prägt", um mit Karl Marx zu sprechen. Oder in diesem Fall: Wie der Heilige Geist dem von Gott Auserwählten hilft, die richtigen Gesten, Worte und Zeichen auszusenden. Oder theologisch ausgedrückt: ihn zur rechten Zeit mit dem entsprechenden Charisma erfüllt. Ich hatte dies bereits vor dreizehn Jahren bei Joseph Kardinal Ratzinger beobachtet.
Auch wenn er als einer der Topfavoriten für die Nachfolge des verstorbenen Sankt Johannes Paul II. gegolten hatte, konnte sich kaum jemand diesen zurückhaltenden, fast scheuen, professoralen und glaubensstrengen "Diener im Weinberg des Herrn" (so Benedikt XVI. über sich selbst) in den Schuhen des Fischers vorstellen.
Dann sprang er förmlich auf den Balkon, riss die Arme empor und winkte beherzt und fröhlich nach allen Seiten, strahlte eine Aura von Warmherzigkeit, Milde und Menschenfreundlichkeit aus und ließ zuweilen sanfte Ironie und Witz durchblitzen. Er küsste Babys (nein, das war keine Erfindung von Franziskus, sogar von Pius XII. existieren entsprechende Aufnahmen), trug coole Pilotenbrillen und moderne weiße Steppjacken und ließ Kameras für Homestorys in seine Gemächer, wo er abends vor dem Fernseher die Beine hochlegte. Die kühle Unnahbarkeit des obersten Hüters der katholischen Dogmen war plötzlich von ihm abgefallen, er wirkte wie ausgetauscht.
Güte, Wärme, Milde und Humor, dazu ein unwiderstehliches, verschmitztes Lächeln, wurden bereits wenige Tage nach seiner Wahl zu Leos Markenzeichen. "Ich verliebe mich jeden Tag mehr in diesen Papst", gestand ich einem Kollegen. Er blickte mich ein wenig erstaunt an, dann erhob er den Zeigefinger und antwortete: "Na, na, na!" Wir prusteten los vor Lachen.
Doch ich war beileibe nicht der Einzige, der ins Schwärmen geriet. "Oh Gott, was für eine wunderschöne Stimme er hat, zum Verlieben", rief eine deutschsprachige Kollegin, die neben mir stand, völlig verzückt aus, als Papa Leone das Regina Coeli mit kräftiger, glockenklarer und notensicherer Baritonstimme sang, statt zu sprechen. Ich reagierte meinerseits mit einem gespielt strengen "Na, na, na!"
Zum Autor:
Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren.
Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.
Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.