"Making of Leone": Journalist erlebt Wahl von Papst Leo XIV. vor Ort

"They have chosen an American cardinal"

Seit einem Jahr ist Leo XIV. Papst. Ein Journalist erlebte die Entstehung des Pontifikats aus nächster Nähe. Er beschreibt in seinem Tagebuch die finalen Stunden vor dem Auftritt und die Fröhlichkeit beim "Woodstock des Glaubens".

Autor/in:
Michael Feth
Der neu gewählte Papst Leo XIV. (r), der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan (dpa)
Der neu gewählte Papst Leo XIV. (r), der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan / ( dpa )

8. Mai 2025, zweiter Tag des Konklaves 

Würde am Ende des angebrochenen Tags ein neuer Papst auf dem Balkon stehen? 

Das war heute die alles dominierende Frage. Die Spekulationen in den Medien überschlugen sich, doch das Eis war ziemlich dünn: Wer von meiner Zunft heute behauptet, er habe die Entwicklung im Konklave genauso vorhergesehen, wie sie eingetreten ist, der lügt. Niemand konnte die Dynamik des heutigen Tages erahnen und schon gar nicht den Namen des neuen Pontifex. Für die beiden Wahlgänge am heutigen Vormittag erwartete sich kaum jemand einen Durchbruch.

Gegen Abend konnte es dagegen spannend werden, so tippten viele von uns. In der Tat, mittags um Zwölf presste das Kaminrohr erwartungsgemäß dichten schwarzen Qualm heraus. Das bedeutete konkret, in beiden Wahlgängen dieses Vormittags wurde nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit plus eine Stimme für einen Kandidaten erreicht. 

Eine Möwe und eine Drohne fliegen über dem Petersdom am zweiten Tag des Konklaves (dpa)
Eine Möwe und eine Drohne fliegen über dem Petersdom am zweiten Tag des Konklaves / ( dpa )

Wie viele Urnengänge würde es noch geben? Wie zersplittert waren die Kardinäle? Oder schälte sich unter Michelangelos "Jüngstem Gericht" schon ein künftiger Papst heraus? Zeit für die Meute der professionellen Beobachter, sich bei einer Pasta in den Lokalen im Umfeld des Vatikans die Köpfe heiß zu reden. Und auch beim Mittagessen der Papstwähler im Speisesaal der Casa Santa Marta dürfte es gerade hoch hergehen; man wollte da gerne mal Mäuschen sein. 

Ich war von einem Sender eingeladen, in einer Live-Strecke mit dem Moderator vor Ort die Lage zu analysieren. Ehrlich ausgedrückt: "herumzuschwadronieren". Anders konnte man es nicht nennen, was ich und zahlreiche andere Kollegen vor den Kameras auf den Dachterrassen rund um den Petersplatz taten. Ich nahm die Gelegenheit wahr, meinen persönlichen Favoriten zu hypen: Kardinal Pierbattista Pizzaballa, den politisch streitbaren Patriarchen von Jerusalem. 

Sollte es diesmal, nach fast einem halben Jahrhundert, tatsächlich auf einen Italiener zulaufen, dann auf ihn. So gab ich meiner Überzeugung Ausdruck. Vielsprachig, auf diplomatischem Parkett erfahren, Franziskanerpater, gerade mal 60 Jahre alt – eine tolle Mischung. "Wer Jerusalem kann, der kann auch Rom", so argumentierte ich einmal mehr. 

Sollten sich die Zuschauer auf einen Kardinal Pizzaballa in päpstlichem Weiß eingestellt haben, so werden sie mich noch am gleichen Abend verflucht haben. Der Petersplatz hatte sich inzwischen in eine Art Festivalgelände verwandelt. Auf den "Sampietrini", den charakteristischen dunklen Pflastersteinen, campierten Menschen jeglicher Herkunft. Sie machten Picknick, beteten, sangen, tanzten oder musizierten; ob römische Familien, Pilgergruppen, Seminaristen, Priester oder Ordensleute.

Wildfremde Personen kamen miteinander ins Gespräch, diskutierten, erzählten sich ihre Geschichten, teilten die gespannte Erwartung. Die Stimmung war von einer ansteckenden Fröhlichkeit, die ein unwillkürlich in den Bann zog. Protagonisten dieses "Woodstock des Glaubens" waren die auffällig vielen Jugendlichen, die das Konklave zu einem Happening machten. 

Die Kardinäle beim Konklave in der Sixtinischen Kapelle / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Die Kardinäle beim Konklave in der Sixtinischen Kapelle / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Wenn das die Zukunft der Kirche sein sollte, so dachte ich mir, dann brauchte einem nicht bange sein. So viel zu jenem jammervollen und händeringenden Kulturpessimismus, der sich insbesondere in Deutschland und Mitteleuropa so tief in die Reihen der katholischen Kirche eingeschlichen hat und jegliche Glaubensfreude unterhöhlt. 

Natürlich machten unter den Journalisten wieder allerhand Gerüchte die Runde. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sei aus dem Rennen, war eines davon. Kurienkardinal Luis Antonio Tagle stehe hoch im Kurs, ein anderes. Zu verifizieren war nichts davon. Eine Mehrheit von uns Korrespondenten war sich allerdings einig: Sollte es auch heute Abend keinen neuen Stellvertreter Christi auf Erden geben, dann wäre ab morgen jede Überraschung möglich, auch eine faustdicke. 

Je näher das erste Zeitfenster für den Rauch zwischen 17.30 Uhr und 18 Uhr rückte, umso mehr füllte sich die Piazza. Eine Gruppe von Nonnen stimmte den Rosenkranz an, der bald den ganzen Platz erfasste. Wieder starrten alle gebannt auf den Kamin, die Kameraleute und Fotografen oben auf der Tribüne waren in Bereitschaft. Wieder waren es die Möwen auf dem Dach der Sixtina, die uns mit ihren Kunststückchen die Wartezeit vertrieben. Doch es geschah nichts. 

Der Zeitpunkt für den ersten Rauch war weit überschritten, damit war auch die erste Abstimmung am frühen Nachmittag ergebnislos zu Ende gegangen. Deswegen mussten wir uns auf 19 Uhr einstellen. Um meine Genick- und Augenstarre ein wenig zu beruhigen, beschloss ich, an einer Bar um die Ecke einen Espresso zu trinken. Ich nutzte die kurze Atempause, um meine Mutter anzurufen, die wie ich wusste, das Konklave ununterbrochen am Bildschirm verfolgte und begierig auf neue Nachrichten war. 

Ich berichtete von der großartigen Stimmung, die hier so ganz anders sei, als man es aus dem oftmals miesepetrigen Deutschland gewohnt sei, und ließ ein paar Spekulationen freien Lauf. Wenn heute kein neuer Papst mehr auf den Balkon träte, so meine Theorie, dann würde ein Übergangskandidat ins Spiel kommen, dessen Pontifikat absehbar wäre. Nach ein paar Jahren würden die Karten dann neu gemischt, zumal sich die Zusammensetzung des Kardinalkollegiums in dem Zeitraum verändert haben dürfte. 

Wer kam als Pontifex in Frage, der im Bedarfsfall einen "sanften Übergang" moderieren sollte? An Fernando Filoni glaubte ich nicht. Denn wenn es die Italiener nicht schafften, in den ersten Wahlgängen eine Einigung unter sich herzustellen, dann würden sie auch keinen aus ihren Kreisen lancierten Kompromisskandidaten über die Ziellinie bringen, so meine Einschätzung.

Es gab da jemanden, der zwar kürzlich die Altersgrenze von 80 Jahren überschritten hatte, aber als zeitübergreifende Autorität in der Weltkirche galt; der sowohl Johannes-Paul II., Benedikt XVI. als auch Franziskus treu gedient hatte, ohne sich je von einer bestimmten Richtung vereinnahmen zu lassen. Zugleich war er von einer sanften, heiteren und einnehmenden Persönlichkeit; jemand, der keine wirklichen Feinde hatte: Die Rede ist vom langjährigen Wiener Kardinal Christoph Schönborn, einer der renommiertesten Theologen seiner Zeit.

Weißer Rauch steigt am Abend des zweiten Tages des Konklaves zur Wahl eines neuen Papstes aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle auf / © Alessandra Tarantino (dpa)
Weißer Rauch steigt am Abend des zweiten Tages des Konklaves zur Wahl eines neuen Papstes aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle auf / © Alessandra Tarantino ( dpa )

2005 und 2013 galt er als höchst "papabile". Vielleicht schlug doch noch einmal seine große Stunde? In diese Richtung ging mein Redefluss, als mich meine Mutter plötzlich mit aufgeregter Stimme unterbrach und in den Hörer rief: "Der Schornstein! Rauch, es kommt Rauch! Er ist weiß! Weißer Rauch, juhuuu!" – "Wie bitte?" Ich erstarrte zur Salzsäule. "Ist das dein Ernst?" – "Ja, ich sehe die Bilder vom Kamin gerade live eingeblendet." 

Das durfte ja wohl nicht wahr sein! Es war gerade mal 18.45 Uhr, zu früh für das Rauchsignal. Weißer Rauch, und ich trank hier gemütlich Espresso – "Scheibenkleister!"  Wie ein aufgescheuchtes Huhn ließ ich die Tasse auf die Theke fallen, rief dem Barmann "Fumata Bianca" zu und rannte hinaus in Richtung Kolonnaden. Ich war wohl nicht der Einzige, den es kalt getroffen hatte. Um mich herum begannen plötzlich auch andere Menschen zu rennen. 

Weißer Rauch, und ich kam womöglich zu spät! Wie dumm konnte es manchmal laufen? Ich absolvierte den lästigen Sicherheitscheck im Schnelldurchgang und hastete die Wendeltreppe zur Pressetribüne hinauf. Mit gerötetem Gesicht und außer Atem trat ich auf den Kolonnadenflügel und erhaschte inmitten wild klickenden Kameras einen Blick auf den noch immer dampfenden Kamin, der wie eine alte Dampflok in Intervallen weiße Schwaden ausspuckte. 

Alle Glocken von Sankt Peter läuteten um die Wette, um der Ewigen Stadt und der Welt die frohe Botschaft zu verkünden. Der Platz schien aus dem Häuschen zu geraten und auch hier oben war wilde Hektik ausgebrochen. Es war so weit: Wir hatten einen neuen Papst! Offenbar schon im ersten Wahlgang am Spätnachmittag gewählt. 

Menschen verfolgen auf dem Petersplatz auf einer Videoleinwand, wie weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle aufsteigt / © Bernat Armangue (dpa)
Menschen verfolgen auf dem Petersplatz auf einer Videoleinwand, wie weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle aufsteigt / © Bernat Armangue ( dpa )

Was ich jetzt hier oben erlebte, werde ich niemals vergessen: Eine menschliche Wand aus Kameraleuten und Fotografen, die mit ihren Stativen vorn an der Brüstung um die beste Sicht rangelten; auf der in drei Ebenen ansteigenden Tribüne für die schreibende Zunft kletterten die Kollegen aus aller Welt auf die Stahltische und Plastikstühle, um einen Blick auf den Balkon des Petersdoms zu erhaschen. 

Denn dort tat sich etwas: Auf der Mittelloggia wurde gerade der rote Schauteppich mit dem päpstlichen Wappen entrollt. Währenddessen erklang von irgendwoher aus dem Säulenrund kernige Marschmusik. Die Schweizergarde zog auf. Und nicht nur sie: Auch das Musikkorps der vatikanischen Gendarmerie, dazu Abordnungen aller Waffengattungen der italienischen Streitkräfte sowie der Carabinieri, alle in ihren schmucken Galauniformen. Es war die reinste Militärparade. 

Fotografen und Schaulustige gleichermaßen konnten sich an dem bunten Spektakel nicht sattsehen. Die Einheiten bezogen Stellung auf dem "Sagrato", dem ansteigenden Vorplatz der Basilika direkt unterhalb der Fassade. Die Gardisten präsentierten die Hellebarden, die anderen Ehrengarden die Säbel. Es hatte etwas Erhebendes, als zum ersten Mal seit Ostersonntag, jenem Tag, an dem Papst Franziskus zum letzten Mal im Rollstuhl den Segen Urbi et Orbi erteilt hatte, die Hymnen erklangen.

Zuerst der "Päpstliche Marsch", dann Italiens "Fratelli d'Italia". Diesmal zu Ehren des neuen Vikars Christi auf Erden, dessen Namen wir in Kürze erfahren würden. Nach einigen weiteren unerträglich langen Minuten bewegte sich der rote Samtvorhang vor den Glastüren zur Mittelloggia: Heraus traten drei Purpurträger und ein Zeremonienmeister im Chorrock. In der Mitte der 73-jährige Kardinal und Vatikandiplomat Dominique Mamberti, der "Protodiakon" des Kardinalskollegiums, dem traditionell die Verkündung des Namens des Erwählten zukam. Es dürfte der Moment seines Lebens gewesen sein.

Der Platz war inzwischen überfüllt, und auch die Via della Conciliazione war schwarz vor Menschen bis hin zur Engelsburg. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Meldung vom weißen Rauch in der Ewigen Stadt verbreitet. Die Römer reagierten wie seit vielen Jahrhunderten: Wer irgendwie konnte, ließ alles liegen und stehen und machte sich auf zum Petersplatz. 

Wie wunderbar, dass sich trotz aller Quantensprünge in der Technologie manche Gewohnheiten über alle Generationen hinweg nicht änderten. Die Römer und "ihr" Bischof: Dies blieb ein unauflösbares Band. 

Die Tür zur Sixtinischen Kapelle wird zu Beginn der Konklave geschlossen / © Oliver Weiken (dpa)
Die Tür zur Sixtinischen Kapelle wird zu Beginn der Konklave geschlossen / © Oliver Weiken ( dpa )

Da die Sonne gerade hinter dem vatikanischen Hügel verschwunden war, gingen die Scheinwerfer an und erleuchteten die Szenerie dieses historischen Moments. Mamberti trat ans Mikrofon. Hunderttausend Menschen verstummten urplötzlich wie auf einen unsichtbaren Fingerzeig. "Annuntio vobis gaudium magnum", hob Mamberti an und prononcierte die traditionelle Formel mit einem leichten französischen Akzent. "Habemus papam!" 

Ein Jubelschrei wie bei einem Tor im Fußballstadion ging durch die Menge. Es dauerte eine Weile, bis der Kardinal weitersprechen konnte. "Eminentissimum ac reverendissimum dominum...." Er machte eine Kunstpause. Dramaturgie beherrschte die Kirche seit jeher. 

"Dominum Robertum Franciscum, .... sanctae ecclesiae Cardinalis..." Ich verstand akustisch nur "Franciscum" und ging in einem Sekundenbruchteil die möglichen Papabili durch, doch ich kam nicht darauf, während um mich herum ein hilfloses Raunen durch die Reihen der Journalisten ging: ".... PREVOST!" 

Die Katze war aus dem Sack. Applaus, Jubelgeschrei, Gesänge, Hochrufe und Gemurmel steigerten sich zu einem Crescendo, das einem die Ohren klingen ließ. Mambertis weitere Akklamation ging darin fast unter: "Qui sibi nomen imposuit: LEONEM XIV." Sagenhaft, es war eine starke Namenswahl. Ich applaudierte heftig. Um mich herum breitete sich indes eine Mischung aus ungläubigem Staunen und Panik aus. 

Die vielen Kollegen aus dem Ausland, die hier extra für die Papstwahl akkreditiert waren und sich nicht unbedingt mit den Namen der Kardinäle auskannten, scrollten wie wild auf ihren Tablets und Handys oder blätterten nervös in ihren Listen und Fotos der Papstwahlen. "Who is that?", "Qui est-ce?", "Wer ist das?", hörte ich von allen Seiten. 

Neben mir stand eine australische Moderatorin mit ihrem TV-Team. "The Prefect of the Bishops Congregation", antwortete ich und bemerkte dabei, dass ich den Namen "Robert Francis Prevost" innerlich realisiert hatte. "Quasi der Personalchef der Bischöfe." "But he is really American?" – "Yes, a US citizen. The first American pope in history."– "From the US? Really? Oh my gosh!" Aufgeregt rief sie in die Live-Schalte: "It's an American, they have chosen an American cardinal!" 

Papst Leo XIV., der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach seiner Wahl nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan / © Gregorio Borgia (dpa)
Papst Leo XIV., der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach seiner Wahl nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan / © Gregorio Borgia ( dpa )

In dem unglaublichen Lärm ringsum sickerte mir langsam ein: Wir hatten es mit einem welthistorischen Ereignis zu tun, das alle Prognosen in den Schatten gestellt hatte. Schier unglaublich!  Die drei Kardinäle zogen sich wieder ins Innere zurück. Uns blieb, auf den nächsten Akt zu warten: Das Erscheinen des neuen Pontifex. 

Inzwischen wurde es frisch auf der Tribüne. Im Gegensatz zum Platz waren wir einer steifen Brise ausgesetzt, die vom Meer her wehte. Ich schlug die Revers meiner Anzugjacke hoch. Die Aufregung hier oben und unten auf der Piazza hatte sich nicht gelegt, im Gegenteil. Die ersten rhythmischen Sprechchöre: "Le- o-ne! Le-o-ne!" erschallten aus der Menge und verstärkten sich mit jeder Minute Wartezeit. Die Menschen wollten ihren neuen Hirten sehen. 

Was ging mir in diesen langen Minuten durch den Kopf? Derart viel auf einmal, dass ich meine Gedanken kaum noch ordnen konnte. Zum einen, dass dieser einmalige Moment wohl ein doppelter Höhepunkt meines Lebens sei: In meinem Berufsleben ohnehin, aber auch für mich privat als gläubiger Katholik. Die Kardinäle hatten soeben einen relativ jungen Pontifex gewählt (69 Jahre). 

Sollte Papa Prevost so wie Franziskus fast 90 Jahre alt werden, bedeutete dies ein Pontifikat von rund zwei Jahrzehnten, das der Kirche ins Haus stand. Als Korrespondent würde ich – wenn nicht unvorhersehbare Ereignisse die Rechnung auf den Kopf stellten, was Gott verhüten möge – keine Papstwahl mehr erleben. Und als Person – wer weiß schon, ob ich auf meine alten Tage nochmals ein Konklave sehen würde? 

"Leo XIV." Mir schossen die Assoziationen durch den Kopf. Allein schon die Namenswahl löste in mir Freude aus. Brauchten wir in diesen bedrohlichen Zeiten, die Franziskus mehrfach einen "Weltkrieg auf Raten" genannt hatte, und in denen das Christentum derart unter Druck stand wie seit über tausend Jahren nicht mehr, einen wahren "Löwen", der für das Gottesvolk kämpfte? 

Papst Leo XIII. / © Wikipedia Gemeinfrei
Papst Leo XIII. / © Wikipedia Gemeinfrei

So wie Papst Leo der Große im fünften Jahrhundert, der damals die Hunnen unter Attila von der Eroberung und Plünderung Roms abgehalten hatte? Oder Papst Leo XIII. im ausgehenden 19. Jahrhundert, der sich entschieden gegen die Auswüchse und die Ausbeutung der Arbeiter durch die industrielle Revolution wandte und mit seiner berühmten Enzyklika "Rerum Novarum" die moderne katholische Soziallehre verankerte? 

Standen wir mit dem gegenwärtigen Siegeszug der Künstlichen Intelligenz nicht vor einer gleichwertigen Herausforderung? Oder der Medici-Papst Leo X., der in der Renaissancezeit die modernen Wissenschaften förderte und damit in seiner Epoche die Erneuerung der Kirche vorantrieb? Sollte der Name Programm sein, dann hatte Robert Francis Prevost bereits den Nagel auf den Kopf getroffen, bravo! 

Dann die brennende Neugier: Wie würde der Mann, auf den kaum jemand gesetzt hatte, seinen bevorstehenden Auftritt auf der Mittelloggia zelebrieren? Welche Signale würde er aussenden – durch seine Art, seine Wortwahl oder seinen liturgischen Stil? 

Papst Franziskus etwa war 2013 nur in der weißen Soutane statt in den traditionellen päpstlichen Gewändern (Chorrock, rote Mozzetta und Segensstola) auf den Balkon getreten; noch bevor er die ersten Worte an die Menschen auf dem Platz gerichtet hatte, wussten selbst Nicht-Eingeweihte: Die Wahl Bergoglios stand für einen tiefgreifenden Bruch. 

Papst Franziskus nach seiner Wahl zum Papst auf dem Balkon des Petersdoms am 13. März 2013 im Vatikan / © Paul Haring/CNS photo (KNA)
Papst Franziskus nach seiner Wahl zum Papst auf dem Balkon des Petersdoms am 13. März 2013 im Vatikan / © Paul Haring/CNS photo ( KNA )

Der neue Pontifex ließ weiter auf sich warten. Was ging in diesen Minuten hinter den Kulissen vor sich? Für jeden neu gewählten Papst waren diese Momente wohl aufreibend und quälend. Das ganze Leben änderte sich schließlich in wenigen Augenblicken. Und das für den Rest seiner Tage. Ein Zurück gab es nicht. Dazu kam die innere Aufregung. Wie würden ihn die Gläubigen wohl aufnehmen? Waren sie froh, waren sie enttäuscht? Wie fand man die richtigen Worte? Wie fing man als frisch gewählter Papst jenseits des Zeremoniells überhaupt seinen Job an? 

Es gibt für diese geradezu absonderliche Situation keine Beschreibung aus dem Lehrbuch, denn sie ist einzigartig auf Erden. Wie sollte man das alles nur schaffen? War diese übermenschliche Last nicht zu schwer für die eigenen Schultern? War man denn überhaupt der Richtige, oder hatten die Mitbrüder im Kardinalsamt da eben einen riesigen Fehler begangen? Hatten sie mich völlig falsch eingeschätzt? Oh Herr, wie konntest Du mir das nur antun? 

Trotz all des Trubels um einen herum konnte man sich in diesem Moment wohl ziemlich einsam fühlen. Nur das Gebet konnte einem über all diese Zweifel hinweghelfen und der allmächtige Gott selbst. 

"Ecco, ecco! Eccolo!" rief ein italienischer Kollege aufgeregt und fuchtelte mit dem Zeigefinger in Richtung Fassade der Basilika. Die roten Vorhänge an der Mittelloggia gerieten in Bewegung. Die Menschen hielten den Atem an und die Handys hoch. Wie im Theater öffnete sich der Vorhang seitlich nach oben; in der Mitte erschien das goldene Vortragskreuz, mehrere Ministranten und zwei Kardinäle.

Sie traten zur Seite, und im Zentrum erschien endlich die Figur, auf die alle sehnlichst gewartet hatten: Papst Leo XIV. Der Jubelschrei aus über hunderttausend Kehlen war ebenso unbeschreiblich wie das Blitzlichtgewitter in der einsetzenden Dunkelheit. Der Pontifex trat an die Brüstung. Er war mit rotem Schulterumhang und der traditionellen Stola bekleidet, die mit reicher Verzierung die beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus darstellte. 

Es waren die Zeichen der päpstlichen Würde, wie sie alle seine Vorgänger bis zu Benedikt XVI. getragen hatten. Die Kontinuität des Papsttums – schon das war eine erste Aussage. Die "wilden Jahre" unter Franziskus waren allein optisch vorbei. Die Kameras zoomten auf den neuen Papst, um jede Geste, jede Miene, jedes Zucken festzuhalten. 

Wir befanden uns in etwa auf der gleichen Höhe wie die Loggia, alle auf den Tischen. Ich versuchte, die Szene per Video einzufangen, und schielte gleichzeitig auf den Monitor eines TV-Teams neben mir. Besonders trittsicher war das nicht, trotzdem konnte ich ein paar ansehnliche Aufnahmen machen. Für mein persönliches Geschichtsbuch. 

Der neu gewählte Papst Leo XIV. (l), der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan / © Marijan Murat (dpa)
Der neu gewählte Papst Leo XIV. (l), der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan / © Marijan Murat ( dpa )

Auf dem kleinen Bildschirm konnte man erkennen, dass Robert Francis Prevost, nunmehr Papst Leo XIV. mit den Tränen zu kämpfen hatte. Was machte ein solch überwältigender Moment aus einem sterblichen Menschen? Er reduzierte auch einen Stellvertreter Christi letztendlich zu dem, was er ist: ein Mensch in all seinen Emotionen, Hoffnungen, Ängsten, Erinnerungen und Träumen, die sich gerade eben wie unter einem Brennglas unter den Augen von Millionen und Abermillionen Menschen in aller Welt kumulierten und an ihm rüttelten.

Es gibt keine Parallele zu dieser Situation, sie ist einmalig. Es war wohl genau jener Augenblick, in dem Leo die Herzen zuflogen. "La pace sia con voi!" - "Der Friede sei mit Euch!" Es war der biblische Gruß des auferstandenen Jesu Christi, den er seiner Herde zurief. Worte, die er wie einen Rettungsring den Menschen rund um den Globus entgegenhielt. 

Mittenhinein in die zerbombten Städte und Dörfer der Ukraine, des Gazastreifens, Myanmars, des Kongo und so viele anderer teils vergessener Weltregionen, in denen Terror, Zerstörung, Flucht, Vertreibung, Unterdrückung, Hunger und Elend herrschten. "Friede sei mit Euch!" Leo XIV. hatte den richtigen Ton gesetzt. Die Menge dankte es ihm mit überwältigendem Applaus. 

Hatte vor dreizehn Jahren der eben zum Papst gewählte Kardinal Jorge Mario Bergoglio die Gläubigen mit einem so einfachen wie herzlich dahingehauchten "Buona sera" erobert, so hatte es eben Robert Francis Prevost mit seinem Friedenswunsch und seinen feuchten Augen getan. 

Es war ungewöhnlich, dass ein neuer Papst auf der Loggia sogleich eine ausführliche Ansprache hielt. Normalerweise genügen ein paar improvisierte Sätze, bevor er zum ersten Mal den Segen "Urbi et Orbi" erteilt. Offenbar hatte sich Leo auf diesen Augenblick vorbereiten können, was für eine frühe Dynamik im Wahlprozess sprach. Hatten wir Journalisten da irgendetwas übersehen oder falsch eingeschätzt? 

Jedenfalls zeigte allein schon dieses Detail, dass sich der neue Pontifex gut auf Situationen vorbereitet und nichts dem Zufall überlässt. Die Zeit der "Schüsse aus der Hüfte" war vorbei. Das sollte sich auch in den kommenden Monaten bewahrheiten. Dann hob der neue Pontifex zum Segensgebet an. 

Hatte Franziskus aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme mit nur einem Lungenflügel nicht singen können, so hob Leo nun mit einer wohlklingenden Baritonstimme zum feierlichen Gesang der lateinischen Formel an, wie es das Zeremoniell vorsieht: Die Anrufung der Apostel Petrus und Paulus, die Bitte um den Schutz des Heiligen Erzengels Michael, das Ersuchen um Vergebung der Sünden und das Erflehen von Erbarmen und Heil durch den Erlöser Jesus Christus. Danach die Segensformel: "... et rimaneat semper" - "... und bleibe immerdar", so die letzte Sequenz. 

Ich machte das Kreuzzeichen wie viele meiner Kollegen auf der Tribüne. Zum Dank brandete erneut tosender Applaus nach oben. Der erste Segen eines Hirten ist nach katholischer Tradition immer ein besonders gnadenreicher Akt. Etwa bei der Primiz eines Neupriesters oder eines frisch geweihten Bischofs. Das sollte bei einem neuen Vikar Christi doch erst recht wirken, dachte ich und fühlte eine tiefe Dankbarkeit, diesen Moment live hier in Rom miterleben zu dürfen. 

Erneut erklangen die Hymnen der Musikkorps. Still und unbeweglich verharrte Leo XIV.  auf der zentralen Mittelloggia mit dem roten Wappenteppich. Man musste sich erst mal an diesen neuen Papstnamen, der einen Rückgriff von 125 Jahren darstellt, gewöhnen. Nur das Zucken seiner Gesichtszüge verriet etwas über seine innere Anspannung und seine Emotionen. 

Was machte ein derart beispielloser und einmaliger Moment mit einem Menschen? Man kann es sich als Normalsterblicher kaum vorstellen: Das ganze bisherige Leben wird mit einem Schlag auf den Kopf gestellt. Nichts mehr wird wieder so sein wie vorher, und dies gilt ab sofort für den Rest des Lebens. Niemand ist wirklich auf eine derartige Situation vorbereitet. Und niemand kann einen darauf vorbereiten, anlernen oder schulen. 

Man ist auf sich allein gestellt und muss sich vortasten. "Der Papst ist der einsamste Mensch der Welt." Dieser Ausspruch ist von einem Pontifex überliefert. Einsam nicht im Sinne eines Mangels an Gesellschaft; der Papst ist täglich von derart vielen Leuten umgeben, dass man sich manchmal nach ein paar ruhigen Minuten nur für sich selbst sehnen mag. Nein, es ist eine andere Art der Einsamkeit.

Am Ende ist man mit jeder einzelnen seiner Entscheidungen, mit jeder seiner Handlungen, mit jedem Wort, mit jeder Geste, allein. Freilich, er hat Vorbilder in seinen Vorgängern. Doch die aktuellen Situationen und Vorzeichen sind immer andere. "Was hätte Papst XY an meiner Stelle getan oder gesagt? Man kann es nur erraten. Als direkte Handlungsanweisung taugt es nicht, der jeweilige zeitgeschichtliche und gesellschaftliche Hintergrund ist stets unterschiedlich. 

Und dann erst das Privatleben. "Privatleben"? Sogar die prominentesten Staatenlenker, Monarchen, Politiker oder Kardinäle haben noch ein solches, aber ein Papst? Eine Wahl zum Pontifex Maximus bedeutet den kategorischen Wegfall jeglicher Attribute eines Privatlebens. Ein Leben erbarmungslos im pausenlosen Scheinwerferlicht der medialen Öffentlichkeit. 

Der neu gewählte Papst Leo XIV., der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan / © Andrew Medichini (dpa)
Der neu gewählte Papst Leo XIV., der US-Amerikaner Robert Prevost, erscheint nach dem Konklave auf dem Balkon des Petersdoms im Vatikan / © Andrew Medichini ( dpa )

Kein Schritt, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, bleibt unregistriert oder unbemerkt. Lebenslänglich, wohlbemerkt. Ein Abend mit Freunden in der Pizzeria? Undenkbar. Ein Glas Wein mit Kollegen nach Dienstschluss? Nur noch in seinen Phantasien. Mal selbst über einen Markt schlendern und einkaufen? Vielleicht in seinen Träumen. Selbst Autofahren? Verboten. Zu seinem alten Friseur im Borgo? Aus und vorbei. Eine Ferienwoche irgendwo am Meer? Zu einer Geburtstagsparty? Oder zu einem Familienfest auswärts? Zu einem Theaterbesuch? Ins Kino? In die Oper? Ein Stadtbummel? Nix da. Etc., etc., etc.

Vieles, sehr vieles, was man liebt, schätzt und gewöhnt ist, muss man hinter sich lassen, sobald man in jener Kammer der Tränen in Weiß eingekleidet wird. Selbstverzicht. Ein größeres Opfer für die Nachfolge Christi ist kaum vorstellbar. Die Hymnen verklangen, die Glocken läuteten, und die Scheinwerferbatterien tauchten die ganze Kulisse in ein gleißend weißes Licht, das sich vom mittlerweile schwarzen Abendhimmel abhob und der Szenerie etwas Surreales verlieh. Habemus Papam. 

Ein paar wildfremde Radio- und TV-Sender, deren Moderatoren um mich herumstanden (ich glaube, aus Australien, Brasilien und dem Libanon), baten mich um kurze Interviews. Sie hatten bemerkt, dass ich den Namen "Prevost" als erster einordnen konnte und hielten mich jetzt für einen wichtigen Experten. Ich ließ es amüsiert über mich ergehen. 

Was vom neuen Papst zu erwarten sei? "Der Name Leone ist Botschaft und Programm", wiederholte ich in jedes Mikrofon. Ein Kämpfer für die vielfach bedrohte Christenheit, ein Kämpfer für Frieden und soziale Gerechtigkeit rund um den Globus, der in unserem Zeitalter so bedroht ist wie vielleicht niemals zuvor. Und ein Friedensstifter in den eigenen Reihen, denn die Katholische Kirche befand sich in einem gefährlichen Zustand der Spaltung und Fragmentierung. Darüber reflektierte ich auch auf dem Heimweg.

 Es waren fast übermenschliche Erwartungen, die auf Papst Leo XIV. lasteten. In Anspielung auf seine Herkunft als Augustinerpater konnte man wirklich sagen: "Mönchlein, Du gehst einen schweren Gang!" Der denkwürdige Abend endete mit Pasta und Wein in meiner Stamm-Trattoria, die für uns noch extra einen Tisch aufbaute, so brechend voll war es. 

Alle Lokale im Radius von einem Kilometer rund um den Vatikan waren restlos überlaufen. Wir stießen auf "Papa Leone" an. Dazwischen zahllose Telefonate und Textbotschaften mit Verwandten und Freunden, die natürlich alle vor Neugier platzten und wissen wollten, wie ich die Papstwahl empfand. Irgendwann schaltete ich das Handy auf Flugzeugmodus. Bei den Nachrichten und Sondersendungen am späten Abend schlief ich vor purer Erschöpfung vor dem Fernsehschirm ein.

Zum Autor:

Vatikan-Korrespondent Michael Feth (privat)
Vatikan-Korrespondent Michael Feth / ( privat )

Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren. 

Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.

Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.

Robert Francis Prevost (Papst Leo XIV.)

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Robert Francis Prevost gilt als ein Kardinal der Mitte. Obwohl US-Amerikaner ist der Ordensmann in Rom, der Kurie und der Weltkirche zu Hause. Zuletzt leitete der 69-Jährige die Vatikanbehörde für Bischöfe, quasi die Personalabteilung der katholischen Weltkirche. In dieser Funktion war Prevost in den vergangenen zwei Jahren zuständig für einen Großteil der Bischofsernennungen weltweit.

Papst Leo XIV / ©  Andrew Medichini/AP (dpa)
Papst Leo XIV / © Andrew Medichini/AP ( dpa )
Quelle:
DR

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