Mittwoch, 7. Mai 2025, Beginn des Konklaves
Der große Tag war gekommen. Für mich persönlich war es das erste Konklave, das ich als Korrespondent in Rom begleiten würde. Anders als beim Papst-Tod. Hier hatte ich bereits den Abschied von Benedikt XVI. erlebt. Der Morgen war wolkenverhangen, es nieselte zeitweise, als ich mich um halb zehn auf den Weg in den Petersdom machte, wo mit der traditionellen Heiligen Messe "Pro Eligendo Romano Pontifice" der Tag der Papstwahl eingeläutet wurde.
Der feierliche Gottesdienst hat auf mich in mehrfacher Hinsicht einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Alle 134 Kardinäle, die am Konklave teilnahmen, konzelebrierten gemeinsam mit Kardinaldekan Giovanni Battista Re, der selbst wegen seines Alters nicht an den Wahlgängen teilnehmen konnte. Mit seiner Predigt beim Requiem für Papst Franziskus hatte er Maßstäbe gesetzt; er sollte sie auch diesmal nicht enttäuschen.
Da waren sie also zum ersten Mal alle gemeinsam vor den Augen der Öffentlichkeit versammelt; und einer von ihnen würde in den kommenden Tagen in Weiß auf der Mittelloggia der Basilika erscheinen. Beim Ein- und Auszug konnte ich dank meiner Platzierung am Mittelgang gut in ihre Gesichter sehen. Ich war fasziniert, welch verschiedene Emotionen sich in ihren Mienen widerspiegelten.
Auch sie waren einfach nur Menschen, denen man gerade eine ungeheure Last auf die Schultern gelegt hatte: Nichts weniger als die Zukunft der Kirche. Jeder von ihnen schien unterschiedlich damit umzugehen. Da waren jene mit versteinertem Ausdruck, als hätten sie Angst, dass ein Augenzwinkern ihre Wahlabsicht verraten könnte. Manche hatten Schweißperlen auf der Stirn. Wieder andere wirkten irgendwie beseelt und entrückt.
Die meisten vermieden den Blickkontakt mit den Gottesdienstbesuchern. Nur wenige wirkten entspannt und gestatteten sich sogar ein Lächeln in Richtung der Teilnehmer. Zu Letzteren gehörte etwa Kardinal Mario Grech aus Malta, der als Generalsekretär der Weltbischofssynode bestens vernetzt war. Er galt als "versöhnlicher Reformer" und wurde jüngst öfters als Papabile gehandelt.
Nach der Messe begrüßte er beschwingt lächelnd eine Gruppe von Pilgern aus Malta. Ich gesellte mich dazu. Die Menschen wünschten ihm Glück, was immer passieren möge. Seine Antwort: "Das überlassen wir mal alles getrost dem da oben. Er weiß den Namen schon längst. Jetzt muss er ihn uns nur noch klarmachen." Die kleine Gruppe lachte und applaudierte, Grech erteilte den Segen. Auf mich wirkte das sehr sympathisch und authentisch. Konnte man sich diesen Mann in Weiß vorstellen?
Auf dem Rückweg bemerkte ich, dass die Datenübermittlung auf meinem Handy nicht funktionierte. Im Vatikan war das Internet abgestellt worden. Die heiße Phase hatte begonnen. Um 16 Uhr sah ich mir zuhause die Liveübertragung des Vatikanischen Fernsehens CTV vom feierlichen Einzug in die Sixtinische Kapelle an; wir Journalisten waren nicht zugelassen.
"Veni Creator Spiritus" – "Komm Heiliger Geist": Dieser Hymnus ist eine Anrufung und quasi das tiefere Motto eines Konklaves. Denn nach theologischer Auffassung wählten die Kardinäle eigentlich gar nicht den Papst, sondern der Heilige Geist. Der musste, wie Grech es am Vormittag ausgedrückt hatte, den Fingerzeig des Allmächtigen ans Bodenpersonal vermitteln. Man müsste nur inbrünstig genug zu ihm beten. Wie so oft ist das alles natürlich eine Glaubensfrage.
Vor ein paar Tagen hatte ich mich mit einem deutschen Prälaten getroffen; als ich damit argumentierte, dass "auch der Heilige Geist ein Wörtchen mitzureden" hätte, blickte er mich entgeistert an und entgegnete: "Sagen Sie, dieses Ammenmärchen glauben Sie doch wohl nicht ernsthaft?"
Zurück zur feierlichen Zeremonie: Die Kardinäle mussten nun, im Angesicht von Michelangelos gewaltigem Fresko des Jüngsten Gerichts, den Heiligen Eid schwören. Jeder einzeln, die Hand auf dem Evangeliar: "Et ego spondeo, voveo ac iuro. Sic me Deus adiuvet et haec Sancta Dei Evangelia, quae manu mea tango." (Auf Deutsch: "Und ich verspreche, verpflichte mich und schwöre es, so wahr mir Gott helfe und diese heiligen Evangelien, die ich mit meiner Hand berühre.")
Die Prozedur kam einem lateinischen Sprachtest gleich. So mancher Purpurträger geriet dabei ganz schön ins Stolpern. Ausgerechnet. Eigentlich sollte man voraussetzen, dass Latein einem Kardinal wie eine zweite Muttersprache von den Lippen ging. Wie sich die Zeiten geändert hatten. Die Eidesleistung war beendet und alles wartete auf zwei berühmte Worte: "Extra Omnes" – "Alle hinaus". Jeder, der nicht unmittelbar in die Papstwahl eingebunden war, musste nun die Sixtina verlassen.
Das galt für Sekretäre, Schweizergarde und Fernsehkameras gleichermaßen. Sodann schloss der Zeremonienmeister, Erzbischof Ravelli, die beiden Torflügel. Diese wurden von Apostolischen Notaren von außen verriegelt und versiegelt. "Con clave" – "Mit dem Schlüssel". Eingeschlossen also. Die Kardinäle waren nun allein unter sich. Niemand konnte von außen hinein, um die Wahl zu beeinflussen; gleichzeitig konnte keiner hinaus, um sich der Wahl zu entziehen.
Die Kardinäle erwartete nun eine Meditation zur Einstimmung; diese hielt der päpstliche Buß- und Hofprediger, der betagte Kardinal Roberto Cantalamessa, ein Kapuzinermönch. Das sollte später am Tag nochmal eine Rolle spielen. Danach sollte der erste Wahlgang erfolgen. Gegen 18.30 Uhr wollte ich auf den Petersplatz gehen. Das Presseamt hatte uns für den ersten Rauch ein Zeitfenster von 19.00 bis 19.30 Uhr genannt.
Eine alte Freundin aus Deutschland, die derzeit in Rom war, rief mich an und fragte, ob wir nicht zusammen nach Sankt Peter wollten. Sie musste ausgerechnet morgen nach Berlin zurückfliegen und wollte unbedingt den Kamin auf dem Dach der Sixtinischen Kapelle qualmen sehen, auch wenn dieser nach allem menschlichen Ermessen wohl Schwarz sein würde. So mischten wir uns unter die zahlreichen Menschen, die ebenfalls gebannt auf das markante Ofenrohr starrten.
Es war ein herrlicher Sonnenuntergang, der Himmel färbte sich hinter der Kuppel orange-rot-rosa ein. Für die vielen Fotografen eine optimale Kulisse. Die Zeit verstrich; bis um halb Acht hatte es, anders als von Vatikansprecher Matteo Bruni angekündigt, keinerlei Rauchzeichen gegeben. Nun war es selbst ihm nicht möglich, mal kurz in der Sixtina durchzuklingen und den Camerlengo zu fragen: "Hey Leute, wo bleibt der Rauch? Ich hatte ihn den Journalisten für ca. 19 Uhr versprochen, jetzt sputet Euch mal!"
Die Glocken der Uhren von Sankt Peter schlugen unerbittlich jede Viertelstunde, ohne jegliche Rauch-Sichtung. Zum Star wurde hingegen eine Möwe, die auf dem Kamin herumturnte und für Erheiterung auf dem Platz sorgte, der sich immer mehr füllte. Es wurde dunkel. Die Scheinwerfer hüllten die Fassade der Basilika in einen matten Glanz. Die Zeiger waren mittlerweile auf 20.45 Uhr vorgerückt. Nichts passierte. Komisch.
Die Menschen begannen unruhig zu werden, diskutierten oder suchten auf dem Handy nach Informationen. Mich erreichte eine Textnachricht meiner Mutter: "Wird etwa Parolin schon weiß eingekleidet? Nach dem ersten Wahlgang?" Ich hielt das für zu gewagt. Wollten die Kardinäle Zeit gewinnen, da es schon einen neuen Papst gab? Das konnte einfach nicht sein! Es wäre einer Sensation gleichgekommen, und wir Vatikan-Journalisten hätten alle unseren Job aufgeben müssen. Man konnte nicht einfach so sehr daneben liegen.
Ich warf einen Blick auf die News-Seiten. Die römische Tageszeitung "Il Messaggero" machte fünf mögliche Gründe für die Verzögerung aus: 1. Es gibt heute gar keinen Wahlgang mehr. Die Kardinäle haben sich auf morgen vertagt. 2. Es gab einen medizinischen Notfall. Im Klartext: Ein Teilnehmer ist umgekippt, die Wahl wurde unterbrochen. 3. Der Kamin funktioniert nicht. Man musste technische Hilfe anfordern. 4. Der Wahlgang wurde annulliert, da es Unregelmäßigkeiten gab: Vielleicht ein Stimmzettel zu viel oder zu wenig in der Urne. 5. Ein neuer Papst wurde gewählt, aber der Erwählte hat abgelehnt. Es herrscht Ratlosigkeit.
Die letzten beiden Gründe, die der "Messaggero" in den Raum stellte, wären an sich eine Sensation gewesen. Unter den italienischen Journalisten auf dem Platz machte munter das Gerücht die Runde, der heutige Wahlgang sei abgesagt worden, da es erhebliche Uneinigkeit im Kardinalskollegium gäbe. Nun ja, dachte ich mir, die sollten es eigentlich wissen, schließlich sind ihre Vatikanisten am nächsten dran, mit den besten Kontakten.
Diese Gewissheit sollte mir und vielen anderen internationalen Kollegen schon 24 Stunden später um die Ohren fliegen. Im Zweifelsfall hörten wir immer mit viel zu viel Ehrfurcht auf die Einflüsterungen der vatikanischen "Edelfedern" der führenden italienischen Tageszeitungen. Denn auch sie kochen nur mit Wasser, erzeugen allerdings stets viel Dampf. Spätestens seit diesem Konklave, bei dem sie derart daneben lagen, ist ihr Nimbus endgültig verdampft.
Es wurde neun Uhr, und es wurde frisch. Die Menge im Rund der Kolonnaden war unruhig. Viele schickten sich bereits zum Gehen an. "War wohl nix heute", konstatierte meine Freundin enttäuscht. "Dabei hätte ich diesen Kamin so gern mal in Aktion gesehen." – "Ich bin auch ratlos. Vielleicht gab es wirklich irgendeinen Notfall", entgegnete ich. "Lass uns nochmal zehn Minuten warten, dann gehen wir."
In diesem Moment schreckte die Möwe auf dem Dach der Sixtina, die uns seit rund zwei Stunden mit einigen Artgenossen unterhalten hatte, auf. Mit ihr erhob sich ein ganzer Schwarm von den Dächern des Apostolischen Palastes. Dicke schwarze Rauchschwaden waberten aus dem Rohr und zogen über die Gebäude himmelwärts. Die Menschen applaudierten. Nicht etwa, weil ein neuer Papst gewählt war, sondern vor Erleichterung, dass es endlich doch noch ein Rauchsignal gab.
Wenigstens hatte man sich nicht umsonst die Beine in den Bauch gestanden. Die Erklärung für den denkwürdigen Abend gab wenige Tage später ein deutscher Kardinal im kleinen Kreis. Danach habe die Meditation von Hausprediger Cantalamessa geschlagene zwei Stunden gedauert, doppelt so lange wie vorgesehen. Viele seiner Mitbrüder seien bei seinem Vortrag schlicht weggedöst. Danach waren alle ermüdet und hatten Hunger.
So wurde der Antrag gestellt, den vorgesehen ersten Wahlgang zu annullieren und lieber gleich morgen Vormittag zu beginnen. Er selbst und einige andere Kardinäle hätten dagegen interveniert. Ihre einleuchtende Erklärung: Da unten auf dem Platz warteten zehntausende Menschen seit Stunden auf den Rauch. Wer sollte ihnen erklären, dass man heute nicht mehr wählt? Schließlich galt ein totales Kontaktverbot zur Außenwelt.
Die Spekulationen in den Medien würden wild ins Kraut schießen, und man könnte dem nichts entgegensetzen. Im Zweifelsfall hieße es in der Presse, die Kardinäle seien völlig zerstritten. Lasst uns also in Gottes Namen den Wahlgang jetzt hinter uns bringen. Die Mehrheit der Purpurträger leuchtete diese Argumentation ein. Der Wahlgang startete mit fast zwei Stunden Verspätung. Er brachte offenbar ein Ergebnis hervor, welches den weiteren Fortgang des Konklaves entscheidend bestimmen sollte.
Zum Autor:
Michael Feth (geb. 1966) berichtet seit dreizehn Jahren als freier Korrespondent für Italien und den Heiligen Stuhl aus der Ewigen Stadt für verschiedene deutschsprachige Publikationen. Zuvor arbeitete er unter anderem für das Bayerische Fernsehen und die Tageszeitung Münchner Merkur sowie als Pressesprecher der CSU in den 1990er-Jahren.
Der gläubige Katholik engagierte sich bis zu seinem Wechsel nach Rom in verschiedenen Ehrenämtern und liturgischen Diensten in seiner Heimatpfarrei und Diözese.
Er hat uns seine Tagebucheintragungen zur freien Veröffentlichung gegeben.