DOMRADIO.DE: Sie sind aus der Sicht der Menschen: Journalistin, Geografin, Klimaschützerin und Klimaaktivistin. Wie definieren Sie sich selbst?
Luisa Neubauer (Klimaaktivistin): Ich habe einen guten Frieden mit dem Begriff der Klimaaktivistin gefunden. Man könnte natürlich sagen ‚Ich probiere in die Welt zu gucken und daraus sinnvolle Ableitungen zu treffen‘. Dass das in der heutigen Welt immer gleich Aktivismus sein soll, ist dramatisch, aber für mich auch in Ordnung. Ich bin ein großer Fan davon, Aktivismus vor allem als etwas wahrzunehmen, was so viel heißt wie: 'Ich kümmere mich, ich schaue hin, ich nutze demokratische Möglichkeiten.' In diesem Sinne ist Radikalität vielleicht gar nicht so schlecht.
DOMRADIO.DE: Wie stark rücken wir denn im Zeitalter des US-Präsidenten Trump derzeit von unseren klimapolitischen Zielen ab?
Luisa Neubauer: Donald Trump hat so viel Angst vor erneuerbaren Energien, dass er sie überall verbieten möchte. Das Lustige daran ist, dass die Erneuerbaren trotzdem aufgestellt werden. Da kann er sich auf den Kopf stellen. Was er allerdings sehr gut hinbekommt, ist, sehr viel zu verzögern, weil wir uns gegeneinanderstellen, anstatt unter demokratischen Partnern zusammenzuarbeiten.
DOMRADIO.DE: Die Sendung 'Meine Playlist' ist ja eine Musikshow, in der die Wünsche unserer Gäste erfüllt werden. Was können Sie über Ihre Musikauswahl sagen?
Luisa Neubauer: Es sind oft meine Songs, die ich vor Kurzem in der Antarktis gehört habe. Auch sind Titel dabei, die mir Freunde schickten, als ich seekrank war und es mir auf der Reise dorthin gar nicht so gut ging.
DOMRADIO.DE: Beschreiben Sie mal die Reise in die Antarktis. Was konkret haben Sie dort gemacht?
Luisa Neubauer: Man segelt vom Süden Argentiniens aus los, und dann muss man ein Stück Ozean durchqueren, der als der gefährlichste der Welt gilt. Da treffen sich Atlantik und Pazifik, und da ist es ganz schön wild. Die Wellen sind gigantisch hoch, nach drei Tagen waren wir dort. Mir fiel dann auf, dass die Antarktis viel lebendiger ist, als man sie sich vorstellt. Unter dem salzigen Eis gibt es bunte Korallenwälder oder den Zugvogel 'Arctic tern' (Anm. d. Red.: Küstenseeschwalbe), der eine weite Strecke zurücklegt – von der Arktis zur Antarktis und wieder zurück. Wir waren in der Westantarktis, da gibt es sehr viel Leben – Wale, Seeleoparden, alle möglichen Pinguine.
DOMRADIO.DE: Sie haben dort unten aber nicht nur beobachtet, sondern auch konkret etwas getan und waren quasi Lehrerin in puncto Klimawandel. Wie lief das ab?
Luisa Neubauer: Ja, ich war auf einem Segelforschungsboot, und wir hatten vor Ort so eine Art globales Klassenzimmer. 1300 Schulklassen hatten sich am ersten Tag eingeloggt, und wir berichteten, was wir dort erlebten: Die Antarktis – das hört sich immer an wie ein ferner Ort. Wenn man aber feststellt, dass dort das Eis schmilzt und den Meeresspiegel ansteigen lässt und dort das Plankton lebt, das für uns den Sauerstoff produziert – wenn sich in der Antarktis irgendetwas verändert, dann beeinflusst das das gesamte Ozeansystem. Dann ist die Antarktis plötzlich ganz nah.
DOMRADIO.DE: Sie sind evangelisch getauft, aber lassen Sie uns kurz zum katholischen Glauben wechseln: Papst Franziskus schrieb die Enzyklika Laudato si, ein Meilenstein im Sinne der Schöpfungsbewahrung, für die Sie sich ja einsetzen. Was haben Sie sich daraus vielleicht zu eigen gemacht?
Luisa Neubauer: Grundsätzlich die Feststellung, wie mächtig es ist, wenn Menschen ihre Stimme nutzen, gerade in einer Position, wie der Papst es damals war. Es war ohnehin für mich eine große Ehre, denn er hatte mich und andere Aktivisten eingeladen, um über seine Enzyklika zu sprechen. Es hat mich erfüllt, zu sehen, wie viele wir sind. Laudato si' ist natürlich um die Welt gegangen. Da wird nicht um den heißen Brei herumgeredet, und das auf die schönste aller Arten – aus dem Herzen gesprochen, aber sehr klar in der Ansprache.
DOMRADIO. DE: Kann denn Religion viel zum Klimaschutz beitragen?
Luisa Neubauer: Andersherum: Wenn wir die Klimakrise als eine spirituelle Krise sehen, also als eine Entfremdung der Menschen zur eigenen Welt und zur Schöpfung, dann würde ich mich fragen: Wo möchte man sonst suchen als in der Religion und in der Kirche? – Genau dort, wo das schon seit Jahrhunderten und Jahrtausenden praktiziert wird, nämlich die gelebte Hoffnung und die Überwindung von Krisen, das Sich-Verbinden miteinander.
DOMRADIO.DE: Frau Neubauer, als Sie wieder zurück in die Zivilisation kamen: Hatten Sie das Gefühl, wieder in der 'anderen Welt' zu sein, oder wollten Sie zurück an den Südpol?
Luisa Neubauer: Na ja, ich wäre auch gerne etwas länger da unten geblieben. Und wenn man zurückkehrt, fragt man sich ein bisschen: 'Was ist jetzt die wirkliche Welt?'. In der Antarktis hatte ich aufgrund des Sommers dort irgendwie den Mond vermisst, den ich in Argentinien wieder sah. Es war, ein wenig, wie die Welt mit neuen Augen zu sehen.
DOMRADIO.DE: Wie stellen Sie sich, auch im Sinne der Schöpfung die Welt der Zukunft vor?
Luisa Neubauer: Es wird keine Welt ohne Sorgen geben, sondern wir haben dann einen Muskel, den wir trainiert haben, um Krisen besser zu bewältigen. Es ist eine Welt, in der nicht alles ideal ist, aber in der wir die Erfahrung gemacht haben, dass wir zusammenhalten, weil wir dann stärker sind.
Das Interview führte Bernd Knopp.