Londoner Pfarrer schaut auf Jahrestag des Queen-Todes

"Charles hält sich aus kirchlichen Debatten raus"

König Charles stehe seiner Mutter in nichts nach, sagt der Londoner Pfarrer Andreas Blum. Zwar sei er theologisch interessiert, zeige sich bei aktuellen Debatten um die Kirche aber zurückhaltend, um ein Repräsentant für alle zu sein.

König Charles III. / © Matthew Horwood (dpa)
König Charles III. / © Matthew Horwood ( dpa )

DOMRADIO.DE: Queen Elisabeth II. galt als sehr fleißig, was Termine, Reisen und Empfänge anging. Gilt das auch für Ihren Sohn?

Andreas Blum, Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde Sankt Bonifatius in London / © Andrej Karpinski (KNA)
Andreas Blum, Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde Sankt Bonifatius in London / © Andrej Karpinski ( KNA )

Pfarrer Andreas Blum (Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in London): King Charles steht ihr da in keinem Punkt nach. Vielmehr ist es bei all den Gedanken, die man sich vorher gemacht hat, ob er als Thronfolger geeignet ist, in die Fußstapfen seiner Mutter treten zu können, eher erstaunlich, wie reibungslos und unauffällig dieser Übergang letztlich geglückt ist.

Er nimmt mindestens genauso viele Termine im Lande wahr, wie seine Mutter es früher getan hat.

Andreas Blum

"Charles hat gesagt, er könnte sich vorstellen, auch Vertreter aller Religionen zu sein."

DOMRADIO.DE: Vor einer Weile ging über die Social Media Kanäle ein Video um die Welt, das den König etwas unsouverän erscheinen ließ. Er hat mit einem Füller bei einer Unterschrift gekleckst und fluchte dabei.

Blum: Das war ganz am Anfang. Der Füller war im Weg und behinderte ihn letztlich bei der Unterschrift. Es gab auch schon mal andere Situationen, wo aufgefallen ist, dass er einiges an Energie hat, um es mal positiv zu formulieren. Er möchte nicht nur als Marionette erscheinen, die man hin- und herschieben kann

Er ist ein Mensch und hat oft klare Vorstellungen. Er weiß, was er will und zeigt das auch nach außen.

Queen Elizabeth II. / © Jane Barlow (dpa)
Queen Elizabeth II. / © Jane Barlow ( dpa )

DOMRADIO.DE: Zu seinen Vorstellungen gehört offenbar, die Monarchie in die Moderne zu führen. Er will deswegen nicht nur weltliches Oberhaupt der anglikanischen Kirche sein, sondern sieht die Verpflichtung der Krone, für alle Glaubensrichtungen präsent zu sein. Wie kommt so was an?

Blum: Das hat er mal Mitte der 90er Jahre in einem Interview gesagt. Charles ist philosophisch und theologisch sehr interessiert. Er hat das auch immer wieder durchblicken lassen und gesagt, dass er sich auch gut als ein Vertreter des Göttlichen in der Welt verstehen könnte.

Er hat auch kürzlich in einem Buch zu einer Art Revolution aufgerufen. Das war allerdings noch vor seiner Thronbesteigung. Man müsste von dem Materialismus, der zerstörerisch ist, weg und zu den klassischen Spiritualitäten zurückkehren.

Krönung Charles III. / © Jonathan Brady (dpa)
Krönung Charles III. / © Jonathan Brady ( dpa )

Charles hat gesagt, er könnte sich vorstellen, auch Vertreter aller Religionen zu sein. Das ist natürlich ein bisschen seiner Position als Staatsoberhaupt geschuldet.

In der anglikanischen Kirche wurde das mit einiger Sorge gesehen, dass der eigene Vertreter der Religion dann quasi so zurücktreten würde. Das hat er in dem letzten Jahr noch nicht so durchblicken lassen. Er hat sich aus den ganzen Debatten auch innerhalb der anglikanischen Kirche weitgehend rausgehalten und versucht tatsächlich für alle Menschen im Land ein Repräsentant zu sein.

Andreas Blum

"Wir reden im Moment nicht von Segnungen homosexueller Paare, sondern wir reden von wirklichen Trauungen."

DOMRADIO.DE: Seit kurzem bewegt eine Umfrage der "Times" die religiösen Gemüter. Demnach sagen dreiviertel der anglikanischen Geistlichen, dass Großbritannien nicht länger als christliches Land bezeichnet werden könne. Gleichzeitig wollen die meisten Geistlichen, dass die Kirche gleichgeschlechtliche Hochzeiten genehmigt und ihren Widerstand gegen vorehelichen und homosexuellen Geschlechtsverkehr aufgibt. Das erinnert an den Synodalen Weg, wie er von der deutschen katholischen Kirche beschritten wurde.

Blum: In England gibt es natürlich auch Synoden. Das Interessante an dieser Umfrage ist die Schwerpunktverschiebung. Vor zehn Jahren etwa hat die letzte Umfrage unter den Geistlichen stattgefunden, die das Bindeglied zwischen der Staatskirche und der Lehre der Kirche und den Menschen vor Ort sind. In dieser Umfrage hat sich dann herausgestellt, dass sich innerhalb von zehn Jahren ein großer Meinungswechsel vollzogen hat.

Großbritanniens König Charles III. und Königin Camilla winken der Menge vom Balkon des Buckingham Palace nach der Krönungszeremonie zu / © Frank Augstein/AP (dpa)
Großbritanniens König Charles III. und Königin Camilla winken der Menge vom Balkon des Buckingham Palace nach der Krönungszeremonie zu / © Frank Augstein/AP ( dpa )

Viele Geistliche, die den Entwicklungen einer liberalen Theologie bisher skeptisch gegenüberstanden, stehen nun auf deren Seite. Das heißt, wir reden im Moment nicht von Segnungen homosexueller Paare, sondern wir reden von wirklichen Trauungen. Die Segnungen werden dieses Jahr sowieso freigestellt.

Ein interessanter Punkt ist übrigens, dass die anglikanische Kirche das nicht verbindlich für alle vorgibt, sondern es im Prinzip den Geistlichen vor Ort überlässt, ob sie das tun wollen oder nicht.

Aber nach dieser Umfrage werden fast zweidrittel der Priester Segnungen von homosexuellen Paaren vornehmen. Stattdessen wird schon der nächste Schritt diskutiert, inwieweit auch Trauungen stattfinden können.

Andreas Blum

"Das, was ihn als Interessenten an der Religion gezeigt hat, hat er alles sehr stark zurückgefahren."

DOMRADIO.DE: Ist davon auszugehen, dass sich der König dazu einschalten wird, weil es eine Religionsangelegenheit ist oder bleibt er da auch neutral?

Blum: Ich denke, er würde sich wahrscheinlich gerne in diese Diskussion einbringen. Aber er hat von seiner Mutter gelernt, dass er, wenn er Partei für eine Seite ergreift, nicht mehr der Repräsentant aller sein kann. Im letzten Jahr hat man es schon ein bisschen bemerkt: All die Interviews, die Reden, die Bücher, das, was ihn als sehr engagierten Umweltschützer oder Interessenten an der Religion gezeigt hat, hat er sehr stark zurückgefahren.

Er hat sogar angekündigt, dass er sich da rausnehmen will, um auch ein Vertreter aller sein zu können. Die neueste Umfrage auch auch ergeben, dass fast zweidrittel aller Briten zum Königshaus stehen und gerne den König weiter behalten möchten. Insofern gibt ihm diese Politik auch ein Stück weit recht.

Das Interview führte Tobias Fricke.

Anglikanische Kirche

Die anglikanische Kirche entstand zur Zeit der Reformation in England. König Heinrich VIII. brach 1533 mit dem Papst, weil dieser sich weigerte, die Ehe des Königs zu annullieren. Als Oberhaupt einer neuen Staatskirche setzte sich Heinrich VIII. 1534 selbst ein. In Glaubensfragen blieben die Anglikaner zunächst bei der katholischen Lehre; später setzten sich protestantische Einflüsse durch. 1549 erschien das erste anglikanische Glaubensbuch, das «Book of Common Prayer».

Die Kathedrale von Canterbury, Sitz des anglikanischen Erzbischofs / © Sambraus, Daniel (epd)
Die Kathedrale von Canterbury, Sitz des anglikanischen Erzbischofs / © Sambraus, Daniel ( epd )
Quelle:
DR