Landwirte und Kirchen fordern Schutz biologischer Vielfalt

"Grundlage für stabile Ökosysteme"

Volle Brotkörbe, Erntekronen und festliche Umzüge: In vielen Städten und Gemeinden Deutschlands ist am Sonntag das Erntedankfest gefeiert worden. Die evangelische und katholische Kirche mahnten zum sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln.

Erntedank hat eine lange Tradition / © ChristART (shutterstock)
Erntedank hat eine lange Tradition / © ChristART ( shutterstock )

In evangelischen und katholischen Gottesdiensten dankten Christen für die landwirtschaftlichen Produkte eines Jahres und mahnten zum sorgsamen Umgang mit Lebensmitteln. Zugleich erinnerten sie an die katastrophale Ernährungssituation in den ärmsten Ländern der Erde und die Nahrungsmittelkrise durch den Überfall Russlands auf die Ukraine.

Kirchliche Verbände, Landfrauen und der Deutsche Bauernverband riefen am Sonntag in einer gemeinsamen Erklärung zur Bewahrung der biologischen Vielfalt auf. Ein wertschätzendes Konsumverhalten, die Nutzung regionaler und saisonaler Lebensmittel sowie kurze Lieferketten und Direktvermarktung böten die Chance, Artenvielfalt zu fördern und zu schützen.

Ökologische Naturschutzmaßnahmen

"Die biologische Vielfalt ist die Grundlage für stabile Ökosysteme, die Landwirtschaft und unseren Lebensraum. Im ökologischen Gleichgewicht sind Pflanzen und Tiere mit dem Erdreich, den Flüssen und Meeren sowie mit dem Klima vernetzt", betonen die Katholische Landvolkbewegung Deutschland (KLB), die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), der Deutsche LandFrauenverband (dlv) und der Deutsche Bauernverband (DBV) in einer gemeinsamen Erklärung. "Jahr für Jahr wird es dringlicher, den Umgang mit der Natur zu beleuchten."

Die Welt befinde sich derzeit im sechsten großen Artensterben: Durch Bebauung, Versiegelung und Homogenisierung natürlicher Lebensräume, durch Abholzung, Intensivierung, Klimawandel, Überfischung und durch Schadstoffeinträge in Boden, Wasser und Luft trügen die Menschen dazu bei, dass immer mehr Arten ausstürben.

Die Landwirtschaft sei deshalb gefordert, den Natur- und Artenschutz zum Standbein bäuerlichen Handelns auszubauen, heißt es. Sie sei ein Teil der Lösung beim Umwelt-, Klima- und Artenschutz. "Naturschutzmaßnahmen, die sowohl ökologisch wirksam sind als auch in die Bewirtschaftungskonzepte moderner Landwirtschaftsbetriebe passen, können den Erhalt natürlicher Ressourcen und der Artenvielfalt unterstützen." Es gelte, die weltweite Nachfrage nach Nahrungs- und Futtermitteln sowie nachwachsenden Rohstoffen zu bedienen und gleichzeitig den Transformationsprozess weiterhin fest im Blick zu behalten.

Misereor fordert feministischen Ansatz bei Hungerbekämpfung

Pirmin Spiegel / © Julia Steinbrecht (KNA)
Pirmin Spiegel / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Das katholische Hilfswerk Misereor appelliert zum Erntedankfest am 2. Oktober an die Bundesregierung, bei der Hungerbekämpfung insbesondere Frauen in den Blick zu nehmen. "Wer Hunger bekämpfen will, muss Frauen stärken und Gleichberechtigung fördern", mahnte Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel am Montag in Aachen. Die wachsende Nahrungsmittelkrise treffe besonders Frauen und Mädchen, verstärkt durch den Klimawandel, den Krieg in der Ukraine und durch die aktuellen Preissteigerungen. "Wir begrüßen daher, dass die Bundesregierung eine feministische Entwicklungspolitik vorantreiben will."

Bereits im Jahr 2020 litten laut der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen zehn Prozent mehr Frauen als Männer unter Hunger, wie Misereor erklärte. Ein Jahr zuvor seien es sechs Prozent gewesen. Die negative Entwicklung der geschlechterspezifischen Diskrepanz bei der Ernährungssicherheit habe sich 2021 unter anderem durch die Covid-19-Pandemie und die fortschreitende Klimakrise weiter verstärkt.

"Frauen leiden Hunger, weil sie häufiger in Armut leben, häufiger schlecht bezahlte oder unbezahlte Arbeit machen als Männer", erläuterte Sarah Schneider, Expertin für Welternährung bei Misereor. Frauen litten Hunger, weil ihnen der Zugang zu Land noch immer vielerorts verwehrt werde und weil patriarchalische Gesellschaften Frauen sozial und ökonomisch benachteiligten. "Projektpartner aus Indien berichten, dass Frauen häufig noch immer weniger oder weniger nahrhafte Lebensmittel zu sich nehmen als Männer und Kinder, weil diese bei der Nahrungsverteilung bevorzugt würden."

Gleichzeitig seien Frauen als Ernährerinnen und Bäuerinnen Schlüsselpersonen, wenn es um die Bekämpfung von Hunger und Fehlernährung geht, hieß es. In Indien seien 2016 beispielsweise 41 Prozent der in der Landwirtschaft Tätigen weiblich gewesen, doch in lediglich 14 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe seien sie selbst Eigentümerinnen, erklärte Schneider. «Wir beobachten immer wieder: Wenn Frauen über die nötigen Ressourcen und Entscheidungsmöglichkeiten verfügen, wirtschaften sie gewinnbringend und nachhaltig.»

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sollte dies durch spezifische Programme bei der Vergabe von Krediten, agrarökologischen Beratungen und der Unterstützung von Frauenorganisationen in Ländern des Globalen Südens berücksichtigen.

Bitte um Lebensmittelspenden 

In mehreren Städten und Gemeinden baten Initiativen, Tafeln und kirchliche Gruppierungen um Lebensmittelspenden für Bedürftige. Sie verwiesen darauf, dass immer mehr Bürger und Flüchtlinge durch hohe Preise Probleme hätten, sich angemessen zu ernähren.

In Preußen wurde seit 1773 ein regelmäßiger Erntedanktag begangen. Bisweilen hatten die Feiertage auch politische Bedeutung: So führten die Nationalsozialisten 1933 das in Deutschland lange vergessene Fest mit großem Propaganda-Aufwand wieder ein, um die Landwirte enger an die "Volksgemeinschaft" zu binden.

In der katholischen Kirche gibt es keinen weltweit einheitlichen Termin für das Fest. Für Deutschland legte die Bischofskonferenz 1972 den ersten Sonntag im Oktober fest, an dem auch die meisten evangelischen Gemeinden hierzulande Erntedank feiern.

Erntedankfest

Mit dem Erntedankfest danken Kirchen und Landwirte für die eingebrachte Ernte. Christen erinnern seit dem dritten Jahrhundert mit einem eigenen Festtag daran, dass Gott der Schöpfer der Welt ist. Sie verweisen auch auf das "Vater unser", in dem es heißt: "Unser tägliches Brot gib uns heute".

Ein Mann in Indien bei der Weizenernte / © Xinhua (dpa)
Ein Mann in Indien bei der Weizenernte / © Xinhua ( dpa )
Quelle:
epd , KNA