Eine theologische Betrachtung zum Erntedankfest

Mit neuer Dankbarkeit auf Gottes Gaben schauen

Erst Corona, dann der Ukraine-Krieg: Lieferketten sind unterbrochen, Waren vergriffen, vermeintlich selbstverständlicher Konsum ist in Frage gestellt. Ein Anlass, mit neuer Dankbarkeit auf Gottes Gaben zu schauen.

Leerer Korb vor einem Weizenfeld (shutterstock)

Riesen-Auswahl, Knallerpreise, super Schnäppchenangebote: So steht es auf vielen Werbeprospekten geschrieben, die wöchentlich ins Haus flattern. In den buntesten Farben sind sie gedruckt, damit sie auffallen, damit die Kunden auch wirklich angesprochen werden. Im Konkurrenzkampf muss man sich durchsetzen. Und so werden die Werbeprospekte immer umfangreicher, die Auswahl in den Regalen immer größer, die Produktpalette immer reichhaltiger.

Erntedankfest unter besonderen Vorzeichen

Doch im vergangenen Jahr mussten sich die Kunden an ein neues Bild gewöhnen: leere Regale und Schilder, dass bestimmte Lebensmittel gerade nicht verfügbar sind. Und anstelle von Schnäppchen standen Preissteigerungen und die nüchterne Bilanz, dass alles teurer geworden ist. Der Krieg in der Ukraine hat vieles verändert. Und wir haben in diesem Jahr zu spüren bekommen, wie unsicher es doch ist, ob bestimmte Lebensmittel überhaupt zu bekommen sind, wenn sie nur noch eingeschränkt produziert werden können.

Auch in diesem Jahr feiern wir am Herbstanfang das Erntedankfest. Aber es ist ein Erntedankfest unter besonderen Vorzeichen. Üblich ist, dass gefüllte Körbe mit Erntegaben in den Kirchen vor dem Altar aufgebaut sind. Die Fülle der Ernte soll so dargestellt werden.

Doch vielleicht müssen wir in diesem Jahr auch einen leeren Korb vor dem Altar aufstellen. Einen leeren Korb, der uns an die leeren Regale erinnert. Einen leeren Korb, der uns bewusst macht, dass die Fülle der Erntegaben keine Selbstverständlichkeit ist. Einen leeren Korb, der unsere Ohnmacht symbolisiert, die dort aufbricht, wo wir angesichts von Krieg und Katastrophen nichts mehr ausrichten können. Der leere Korb steht sinnbildlich für unser Unvermögen, in die großen politischen Strukturen einzugreifen und dort etwas zu verändern.

Sorgen und Nöte vor Gott hintragen

Wenn wir Erntedank feiern, dann blicken wir meist zufrieden auf die Ernte des vergangenen Sommers. Mit so vielen Dingen hat uns die Schöpfung in diesem Jahr beschenkt. Viele Landwirte und Hobbygärtner sind dankbar für das, was sie in den vergangenen Wochen geerntet haben. Die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit sind jetzt, an der Schwelle zum Herbst, eingebracht. Eine gute Gelegenheit um innezuhalten, um Gott, dem Schöpfer aller Dinge, Dank zu sagen für seine Güte und Menschenfreundlichkeit, die er seiner Schöpfung gegenüber immer wieder erweist.

Doch in allem Dank steckt besonders in diesem Jahr die sorgenvolle Bitte, dass wir auch weiterhin an den Gaben der Schöpfung Anteil erhalten. An diesem Erntedankfest 2022 einen leeren Korb an den Altar zu bringen, heißt auch, unsere Sorgen und Nöte vor Gott hinzutragen und sie ihm anzuvertrauen. Er schenkt uns seine Nähe, er tritt für uns ein. Darauf dürfen wir vertrauen, denn er ist unser Vater in Ewigkeit.

Alles liegt in Gottes Hand

Das wird an jedem Erntedankfest deutlich: Die Gaben, die wir vor den Altar hinlegen, sind ein Geschenk. So vieles können wir selbst und aus eigener Kraft vollbringen: Wir können den Boden bereiten, die Frucht ausbringen, das Wachstum durch Gießen und Düngen fördern. Aber ob und wie viele Früchte wir letztendlich ernten, das liegt allein in Gottes Hand. Er ist der Schöpfer, der uns schenkt, was wir zum Leben brauchen.

Erntedank ist kein nostalgisch-verklärendes Fest, sondern eines, in dem wir unsere Lebenswelt vor Gott hinbringen. Und dazu gehören in diesem Jahr nicht nur die vollen Körbe mit den vielfältigen Erntegaben. Sondern auch die Leere vieler Regale, die Preissteigerungen, die Sorge um die Energieversorgung, die große Dürre vielerorts, die Bitte um den Frieden in unserer Welt.

All dies stellen wir vor Gott hin - dankbar für all jenes, was er uns in diesem Jahr geschenkt hat. Wir bitten aber auch um sein Mitgehen in den kommenden Wochen und Monaten und darum, dass er uns in seiner Liebe nie vergisst. Und wir hoffen, dass seine Güte und sein Frieden niemals enden werden, dass er seiner Schöpfung auf ewig zugewandt bleibt und sie erhält - zu seiner Freude und zur Freude aller, die diese Schöpfung bewohnen.

Autor/in:
Fabian Brand
Quelle:
KNA