Landesbischöfin erinnert an fehlende Courage im NS-Regime

Christen fehlte der Mut

Die amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Kirsten Fehrs, hat zum Holocaust-Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. "Es geht um die Trauer über Leid und Verlust, also den Blick zurück".

Bischöfin Kirsten Fehrs / © Daniel Pilar (KNA)
Bischöfin Kirsten Fehrs / © Daniel Pilar ( KNA )

Das erklärte Fehrs am Samstag in Hannover. "Wir erschrecken noch immer über den Willen zur massenhaften Vernichtung menschlichen Lebens, von Kultur und Glaube, vor allem jüdischer Menschen, aber auch vieler anderer Gruppen", sagte die Hamburger Bischöfin.

Holocaust-Gedenkstätte Berlin / © photosounds (shutterstock)
Holocaust-Gedenkstätte Berlin / © photosounds ( shutterstock )

In die Trauer mische sich auch das Entsetzen, dass die damalige Gesellschaft diese Schreckensherrschaft nicht aufgehalten hat. Fehrs betonte: "Auch den meisten Christinnen und Christen fehlte Wille, Kraft und Mut, um aufzustehen und gegen das Nazi-Regime aufzubegehren. Das beschämt bis heute."

Die amtierende EKD-Ratsvorsitzende dankte den Hunderttausenden Menschen, die in den vergangenen Wochen in Deutschland gegen Rechtsextremismus auf die Straße gegangen sind. Engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie eine entschlossene Zivilgesellschaft seien "die besten Bollwerke gegen Fanatismus", sagte sie.

Nicht nur Blick in Vergangenheit richten

Auch EKD-Synodenpräses Anna-Nicole Heinrich mahnte, das Erinnern dürfe nicht nur den Blick in die Vergangenheit richten. "Menschenverachtende Ideologien, ja Hass und Menschenfeindlichkeit sind nicht nur historische Phänomene", sagte Heinrich. "Als Kirche sind wir verpflichtet, eine klar vernehmbare Stimme gegen jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung zu sein."

Fehrs und Heinrich verwiesen auf die Beschlüsse der EKD-Synode von November 2023. Demnach sind christlicher Glaube und Antisemitismus unvereinbar, und bei Antisemitismus handele es sich um eine Form der Gotteslästerung. Mit Blick auf die jüngsten Proteste gegen Rechts sagte Fehrs, dass engagierte Bürgerinnen und Bürger "die besten Bollwerke gegen Fanatismus" seien. "Sie sind die wichtigsten Stützen einer wehrhaften Demokratie." Heinrich mahnte zudem eine energische Verfolgung von rassistisch, antisemitisch, antimuslimisch und queerfeindlich motivierten Straftaten an.

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland offizieller Gedenktag für die Opfer des Holocaust, seit 2005 auch internationaler Gedenktag.

Die Kirche und der Nationalsozialismus in Deutschland

Pflicht, Opfer, Vaterland: Als Hunderttausende katholischer deutscher Soldaten ab 1. September 1939 in den Zweiten Weltkrieg zogen, vermieden die meisten Bischöfe politische Stellungnahmen. Einzig der Münsteraner Bischof Clemens August von Galen rechtfertigte den Krieg unter Verweis auf den "ungerechten Gewaltfrieden" von Versailles 1918.

Turm der St. Matthiaskirche in Berlin (shutterstock)
Quelle:
epd , KNA