Kolpingwerk arbeitet Umgang mit Missbrauchsbeschuldigtem auf

Eigenes Vorgehen untersuchen

Nach der Veröffentlichung einer Missbrauchsstudie für das Bistum Münster will das Kolpingwerk den eigenen Umgang mit einem früheren Missbrauchsbeschuldigten aufarbeiten. Für die Zukunft sei es nötig, eigenes Vorgehen zu durchleuchten.

 Übergabe der Studie zu Macht und sexuellem Missbrauch in Münster
 / © Lars Berg (KNA)
Übergabe der Studie zu Macht und sexuellem Missbrauch in Münster / © Lars Berg ( KNA )

"Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass Missbrauch, zumindest in bestimmten kirchlichen und verbandlichen Ebenen, bekannt gewesen sein muss", erklärte der Geschäftsführer des Diözesanverbandes, Uwe Slüter, am Dienstag in Münster. "Missbrauch ist Menschenvergehen, für Täter wie für Schweigende."

Missbrauchsstudie veröffentlicht

Forschende der Universität Münster hatten vergangene Woche eine Aufarbeitungsstudie zu sexueller Gewalt durch Geistliche in der Diözese veröffentlicht. Darin beschreiben sie auch den Fall eines inzwischen verstorbenen Priesters, der Ende der 1960er-Jahre in hoher Position für das Kolpingwerk tätig war.

Während dieser Zeit soll er sich - wie bereits zuvor - an Minderjährigen vergangen haben. Viele Taten hätten sich im Zusammenhang mit seiner ehrenamtlichen Arbeit in einem Kinderheim zugetragen.

Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster / © Guido Kirchner (dpa)
Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster / © Guido Kirchner ( dpa )

Anfang der 1970er-Jahre wurden dem Bistum laut Studie Anschuldigungen gegen den Priester bekannt. Der Geistliche habe eine mehrwöchige Auszeit genommen und sei dann wieder in Pfarreien eingesetzt worden, wo es zu weiterem Missbrauch gekommen sei.

Den Forschenden zufolge waren die Vorwürfe vermutlich mehreren Bistumsverantwortlichen und weiteren Personen bekannt, etwa den Ordensschwestern im Kinderheim und einer Haushälterin des Priesters.

Kolping International

Kolping International ist ein katholischer Sozialverband, der 1850 durch den Priester und Sozialreformer Adolph Kolping gegründet wurde. Mittlerweile sind sie als starke Weltfamilie und Solidargemeinschaft von Kolpingschwestern und Kolpingbrüdern in 60 Ländern aktiv. Man findet viele der 400.000 Mitglieder engagiert in Kirche, Gesellschaft und Politik.

Kolping-Tag / © Kolping (Kolping)

Nachdem 2010 die Presse über den Fall berichtete, untersagte Bischof Felix Genn dem Geistlichen die Ausübung der priesterlichen Dienste.

Schweigen und Wegschauen?

Der Vatikan verzichtete wegen einer Demenzerkrankung des Geistlichen auf weitere Schritte. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre Ermittlungen wegen Verjährung ein.

Vertreter von Betroffenen geben eine Erklärung ab bei der Vorstellung der Studie zu Macht und sexuellem Missbrauch im Bistum Münster / © Lars Berg (KNA)
Vertreter von Betroffenen geben eine Erklärung ab bei der Vorstellung der Studie zu Macht und sexuellem Missbrauch im Bistum Münster / © Lars Berg ( KNA )

"Wir werden wohl davon ausgehen müssen, dass auch Verantwortliche auf verschiedenen Ebenen des Diözesanverbandes durch Schweigen und Wegschauen Missbrauch begünstigt haben", erklärte Kolpingwerk-Geschäftsführer Slüter. Der Sozialverband forderte die Einrichtung einer staatlichen Aufarbeitungskommission und ein Ende des Klerikalismus.

"Die vielfach von Geweihten selbst als auch durch Christen empfundene Unantastbarkeit gegenüber Priestern muss einem Bürgerpflichts-Denken weichen", so das Kolpingwerk. Es stellte sich hinter den Maßnahmenkatalog, den Genn nach Vorstellung der Studie bekannt gegeben hatte.

Studie: Flächendeckender Missbrauch im Bistum Münster

Die Zahl der beschuldigten Priester und Missbrauchsopfer im Bistum Münster ist nach einer Studie der Universität Münster deutlich höher als bekannt. Laut der über zwei Jahre dauernden Forschungsarbeit eines fünfköpfigen Teams gab es von 1945 bis 2020 fast 200 Kleriker und bekannte 610 minderjährige Opfer von sexuellem Missbrauch. Damit sind 4,17 Prozent der Priester betroffen. Die Dunkelziffer ist erheblich höher. Die Forscher gehen von 5000 bis 6000 Opfern aus.

Studienergebnisse zum Missbrauch im Bistum Münster / © Guido Kirchner (dpa)
Quelle:
KNA