DOMRADIO.DE: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie auf einer Erstkommunion in Katar waren?
Dr. Dominik Meiering (Kölner Domkapitular und leitender Innenstadtpfarrer): Das klingt schon an sich verrückt, oder? Es ging um die Kinder einer befreundeten Familie, die ich alle getauft habe. Ich bin der Familie sehr verbunden und die haben mich eingeladen, zu ihnen nach Katar zu kommen, um die Erstkommunion zu feiern. Auch andere Familienangehörige sind gekommen. Das war die Gelegenheit, einmal dort alle zu versammeln.
Wir haben dann einige Tage eine ordentliche Erstkommunion-Vorbereitung gemacht, obwohl die Kinder eh schon gut von den Familien vorbereitet wurden. Einen Tag nach der Erstkommunionfeier begann der Krieg, sodass ich nicht wieder zurückfliegen konnte.
DOMRADIO.DE: Wir haben durch die Nachrichten mitbekommen, was auf einmal los war. Sie haben es vor Ort erlebt. Wie war die Stimmung unter den Menschen?
Meiering: Es gab eine große Unsicherheit. Wir hatten zwar keine Angst um Leib und Leben, aber wir konnten die Raketen und die Interceptors, die sie abgefangen haben, fliegen sehen. Das Feuerwerk in der Luft hat die Fenster entsprechend rappeln lassen.
Wir sind meistens drinnen geblieben, weil schon mal Bröckchen von den Raketen herunterfielen. Viel wichtiger war für uns, dass wir alle ganz gut zusammengehalten haben. Wir waren mit 13 Leuten in dem Haus der Familie und natürlich ständig am Handy oder im Internet, um zu schauen, was als Nächstes kommt. Wann geht der nächste Flieger? Gibt es Alternativen, um hier rauszukommen?
Wir haben uns alle in die berühmte "Elephant"-Liste des Auswärtigen Amtes für Krisenintervention eingetragen und sind von denen auch gut informiert worden. An einem Punkt habe ich dann unsere Kölner Bundestagsabgeordnete Serap Güler angerufen. Sie hat sich als Staatsministerin im Auswärtigen Amt sehr bemüht und uns alle Informationen zukommen lassen – genauso wie die Mitarbeiter der Botschaft in Katar, die zum Beispiel gesagt haben: "Wir können keine schnelle Ausreise für euch organisieren, weil mit euch noch 30.000 Deutsche festsitzen, aber wir können euch Tipps geben, wie ihr das auf eigene Faust schafft. Und das haben wir dann auch.
DOMRADIO.DE: Wo im Internet haben Sie sich denn nach Flügen und Ausreisewegen informiert? Gibt es dafür spezielle Webseiten?
Meiering: Es gab natürlich Push-Nachrichten von den Fluggesellschaften. Aber die lauteten immer: "Im Augenblick ist alles gecancelt und morgen früh gibt es die nächste Info". Das ging dann jeden Tag so. Irgendwann war uns klar, dass wir auf absehbare Zeit nur auf dem Landweg rauskommen. Dann haben wir mit der Recherche begonnen, was alles dafür organisiert werden muss.
Man braucht, wenn man nach Saudi-Arabien fahren möchte, einen Fahrer, dann natürlich ein Visum und einen Flug von dort aus. Es war furchtbar viel zu organisieren. Und dann sieht man auch noch bei Instagram die Stories von denen, die es versucht haben und gescheitert sind.
DOMRADIO.DE: Wie haben Sie es am Ende dann geschafft?
Meiering: Wir mussten versuchen, einen Flug zu buchen. Gemeinsame Flügel waren nicht zu kriegen, weil die Kontingente so klein waren. Deswegen haben wir die Gruppe auf sieben Leute aufgeteilt und Flüge nach Frankfurt, Kairo und London gebucht.
Davor hatte ich Flüge über Istanbul gebucht, die aber gestrichen wurden. Eine Zeit lang war der gesamte Flugverkehr eingestellt. Über Rom hat es auch nicht geklappt. Insgesamt habe ich sechs Flüge gebucht. Der eine, der dann doch funktioniert hat, war von Riat über Kairo nach Düsseldorf.
DOMRADIO.DE: Wie sind Sie denn nach Riat gekommen?
Meiering: Wir mussten durch die Wüste. Der Grenzübergang von Katar nach Saudi-Arabien ist aber durchaus tricky. Da gibt es insgesamt sieben Stationen, an denen kontrolliert wird. Jedes Mal werden der Pass und das Visum geprüft.
Es braucht einen Fahrer mit einem eigenen Auto, der einen rüberfährt. Wir haben Gott sei Dank über die Familie, die dort lebt, einen ganz tollen Freund kennengelernt, der uns zwei Fahrer zur Verfügung gestellt hat.
Die zwei Ägypter, die uns gefahren haben, haben auf fantastische Art und Weise mit den Behörden verhandelt. Das kann man sich nicht vorstellen – es war wie auf dem Jahrmarkt. Da wird diskutiert und gefeilscht, damit man nicht als Letzter drankommt und stundenlang an der Grenze steht, sondern relativ zügig weiterfahren darf.
DOMRADIO.DE: Wie viele Kilometer waren das denn?
Meiering: Das waren 600 bis 700 Kilometer und tatsächlich recht unkompliziert. Es gibt eine ordentlich ausgebaute Straße. Natürlich gibt es auch die Sandverwehungen, sodass die Hälfte der Autobahn zugeweht ist. Aber es sind auch andere unterwegs gewesen. Trotzdem ist es eine spannende Erfahrung, zu wissen, dass die nächste Tankstelle erst in 350 Kilometern kommt.
DOMRADIO.DE: Wie ging es von Riat aus weiter?
Meiering: Mit dem Flugzeug. Allerdings mit sehr vielen Verspätungen und Menschen, die alle super erschöpft waren, und mit weiteren Kontrollen. Ich habe das mal zusammengezählt: Am Ende waren es 21 Pass- und Visa-Kontrollen und eine 36-Stunden-Reise. Ich wollte die ganze Reise wach sein und alles mitbekommen. Am Ende überwog die Freude. Ich habe gespürt: Du bist da durchgekommen und wieder heil zu Hause gelandet.
Bevor wir uns getrennt haben, haben wir in der Gruppe vereinbart, dass wir uns, egal wo wir ankommen, gegenseitig ein Foto schicken. Einer hat dann ein Foto aus London mit einem Pint in der Hand geschickt. Da war mir klar: Jetzt mache ich erst mal hier am Gaffel am Dom ein Bild mit einem Kölsch. Die Düsseldorfer haben dann mit Altbier ein Foto geschossen.
DOMRADIO.DE: Was nehmen Sie aus dieser Erfahrung mit?
Meiering: Ich denke, diese Schwarmintelligenz war wichtig, nach rechts und links zu gucken und sich gemeinsam miteinander durchzukämpfen. Das war sehr kostbar.
Als Zweites nehme ich mit, wie verletzlich das Leben doch ist und wie schnell sich Situationen verwandeln können: Gestern noch in der Sonne im Museum unterwegs und heute ist alles dicht und es fliegen die Raketen. Auch das gehört zur Wirklichkeit dieser Reise und dieser Welt.
Das Interview führte Marcus Poschlod.