Kirchen in Davos öffnen ihre Räume und hoffen auf Dialog und Einsicht

Laute Politik und leise Gebete

Donald Trump droht Europa, die Welt blickt auf das Weltwirtschaftsforum und eine Kirche in Davos wird zum "USA House". Mittendrin ist ein katholischer Dekan, der spürt, dass sich etwas verändert. Er hofft, dass Dialoge Gutes bewirken.

Autor/in:
Hilde Regeniter
"250 Jahre Frieden" steht auf der Außenwand einer Kirche in Davos (Schweiz): Die Vereinigten Staaten feiern sich und ihren Geburtstag auf dem Weltwirtschaftsforum. / © Benedikt von Imhoff/dpa  (dpa)
"250 Jahre Frieden" steht auf der Außenwand einer Kirche in Davos (Schweiz): Die Vereinigten Staaten feiern sich und ihren Geburtstag auf dem Weltwirtschaftsforum. / © Benedikt von Imhoff/dpa ( dpa )

DOMRADIO.DE: Nach der erhitzten Debatte um US-Ansprüche auf Grönland mutiert das Weltwirtschaftsforum (WEF) gerade zum veritablen Krisengipfel. Merken Sie das atmosphärisch in der Stadt?

Kurt Susak (katholischer Priester und Dekan in Davos): Ja, in Davos spürt man, dass das diesjährige Weltwirtschaftsforum mit dem Spezialgast Donald Trump natürlich schon eine besondere Gewichtung hat. Man merkt es medial, man merkt, was hier alles geboten ist. Man merkt das, wenn man zum Beispiel das Verteidigungsministerium der Schweiz gehört hat. Der neue Verteidigungsminister Martin Pfister gibt sich engagiert, aber er spricht auch von einer gewissen Spannung, weil sie den Schutz der Teilnehmer gewährleisten müssen. Das ist für ein kleines Land wie die Schweiz nicht einfach. 

Wird Trump der EU auch diesmal die Hand ausstrecken, wie beim Weltwirtschaftsgipfel 2020, oder bedeutet "America first" nun "America only"? Mit Spannung wird Trumps Rede an diesem Mittwoch erwartet. / © Evan Vucci/AP/dpa (dpa)
Wird Trump der EU auch diesmal die Hand ausstrecken, wie beim Weltwirtschaftsgipfel 2020, oder bedeutet "America first" nun "America only"? Mit Spannung wird Trumps Rede an diesem Mittwoch erwartet. / © Evan Vucci/AP/dpa ( dpa )

In der Bevölkerung spüre ich, dass die Leute hier in Davos sehr wohl wahrnehmen, dass dieses Weltwirtschaftsforum Gewicht hat. Es haben sich in den letzten Wochen sehr viele Punkte ergeben – Ukraine, Grönland und so weiter –, die es jetzt ermöglichen, dass sich die Staatspräsidenten an einem Ort zusammenfinden und miteinander ins Gespräch kommen können. Von daher können wir nur hoffen, dass der "Geist des Dialogs" gute Früchte hervorbringt.

DOMRADIO.DE: Besonders in diesem Jahr ist das Hauptquartier der USA in Davos. Das "USA House" ist in einer umdekorierten Kirche untergebracht. Was hat es damit auf sich?

Susak: Natürlich werden vom WEF Räumlichkeiten gesucht, denn Davos ist keine Großstadt. Hier bieten wir als Kirchen im Allgemeinen immer auch unsere Räumlichkeiten an. Bei uns sind das hauptsächlich das Pfarrzentrum und das Nebengebäude. Bei der Freien Evangelischen Gemeinde Davos ist es immer ihre Kirche. Ich kenne hierbei keine genauen Details. Ich weiß aber, dass die Freie Evangelische Gemeinde jedes Jahr ihre Gebäude als Gotteshaus vermietet. In diesem Jahr ist es an die USA vermietet. Da Trump kommt, hat das jetzt einen besonderen Fokus bekommen. 

Wir als Katholiken würden von unserem religiösen Empfinden her nie ein Gottesdienstgebäude für so einen Anlass vermieten. Ich weiß aber, dass die freien evangelischen Gemeinden allgemein eine andere Gottesdienst- und Feierkultur haben. Dort werden auch mal Kinoabende, Mittagessen oder Stehempfänge angeboten. Aus diesem Fokus heraus haben sie, wie ich vermute, keine Berührungsängste, ihr Kirchengebäude diesmal an die USA zu vermieten.

Scott Bessent, US-Finanzminister, hält eine Rede im Haus der USA - einer Kirche - während der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums (WEF). / © Markus Schreiber/AP/dpa (dpa)
Scott Bessent, US-Finanzminister, hält eine Rede im Haus der USA - einer Kirche - während der Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums (WEF). / © Markus Schreiber/AP/dpa ( dpa )

DOMRADIO.DE: Inwieweit hat denn die katholische Kirche in Davos etwas zu sagen? Der Vatikan hat wieder Kardinal Peter Turkson geschickt.

Susak: In Davos ist es bisher unter Papst Franziskus in den vergangenen Jahren immer so gewesen, dass Kardinal Peter Turkson entsandt worden ist. Der ist mit seinem Sekretär, einer Delegation und einer Botschaft des Papstes vor Ort, die bei der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums verlesen wird. Das wird aber in diesem Jahr anders sein. 

Kurt Susak

"Papst Leo hat keine offizielle Botschaft an das WEF geschickt, aber Kardinal Turkson entsendet."

Papst Leo hat keine offizielle Botschaft an das WEF geschickt, aber Kardinal Turkson entsendet, um dem Thema "Dialog mit der Kirche" gerecht zu werden. 

Kardinal Peter Turkson / © Harald Oppitz (KNA)
Kardinal Peter Turkson / © Harald Oppitz ( KNA )

Bei uns ist es so, dass wir zahlreiche Zusatzgottesdienste haben, wie das ökumenische Schweigen und Beten, bei dem wir unsere Kirchen öffnen und für Gerechtigkeit und Frieden beten, um das WEF in diesen Tagen zu begleiten. 

Am Mittwoch findet um 7 Uhr eine Frühmesse statt und am Donnerstagabend das Pontifikalamt mit der Gemeinde. Unser Pfarrsaal, den wir vermietet haben, ist so groß, dass dort jeden Tag 600 Mitarbeiter des WEFs essen. Ich finde es ein schönes Zeichen, dass diese Leute einen Raum haben, wo sie sich bei all dem Stress ein wenig erholen und zurückziehen können.

DOMRADIO.DE: Sie haben die katholischen Messen erwähnt. Nehmen daran auch die sogenannten hohen Tiere teil?

Blick in das "USA House" in Davos am Rande des Weltwirtschaftsforums (WEF). Die US-Delegation nutzt die Kirche während des 56. Jahrestreffen des WEFs für zahlreiche Veranstaltungen. / © Benedikt von Imhoff/dpa (dpa)
Blick in das "USA House" in Davos am Rande des Weltwirtschaftsforums (WEF). Die US-Delegation nutzt die Kirche während des 56. Jahrestreffen des WEFs für zahlreiche Veranstaltungen. / © Benedikt von Imhoff/dpa ( dpa )

Susak: Die vatikanische Delegation hat diese Messen für die WEF-Teilnehmer in den letzten Jahren ins Leben gerufen. Die Veranstaltungen wachsen von Jahr zu Jahr. Das wird auch von einigen beworben und aufgesucht. Ich denke, bei der Frühmesse nehmen 40 bis 50 Menschen des WEFs teil. Anschließend gibt es ein Frühstück, bei dem man miteinander in den Dialog und Austausch kommen kann.

DOMRADIO.DE: Die Nichtregierungsorganisation Oxfam hat zum Start des Weltwirtschaftsforums einen Bericht veröffentlicht, der ausweist, dass die Zahl der Milliardäre weltweit auf rund 3.000 gewachsen ist und dass sich die soziale Schere immer weiter öffnet. Glauben Sie, dass die Stimmen dieser Armen, die keine Lobby haben, in Davos überhaupt Gehör finden?

Kurt Susak

"Da ist kein ernsthafter Mut und keine ernsthafte Kraft da, eine wirkliche Veränderung herbeizuführen."

Susak: Ich habe das in den letzten Jahren schon wahrgenommen, gerade auch durch die Botschaften, die der Vatikan entsendet hat. Vor allem Papst Franziskus hat hier einen Schwerpunkt gesetzt. Das WEF hat es zugelassen, dass die katholische Kirche als einzige Repräsentation einer religiösen Gemeinschaft hier offiziell sprechen kann. Das war denen wichtig, sonst hätte es nicht stattgefunden. 

Die Diskussionsernsthaftigkeit, die ich wahrnehme, wird hier in den Bereichen der weltweiten Armut, der Migration und in der Frage nach dem Klimawandel angesprochen. Da die politische Lage aber momentan – auch durch Donald Trump – sehr stark in Richtung Eigeninteressen kippt, ist der Wille zur Veränderung wenig im Mittelpunkt. Da ist kein ernsthafter Mut und keine ernsthafte Kraft da, eine wirkliche Veränderung herbeizuführen. 

Man müsste ein Weltwirtschaftssystem hin zum Positiven verändern. Ob es eine solche Kraft mit dieser politischen Besetzung und mit dieser realpolitischen Wirklichkeit gibt, wie wir sie gerade erleben, das kann ich mir nicht vorstellen. 

Kurt Susak

"Eine Weltwirtschaft muss dem Wohl des Menschen dienen und nicht der Mensch einer Wirtschaft."

DOMRADIO.DE: Wofür beten Sie in diesen Tagen in Davos? 

Susak: Ich bete ganz besonders um Gerechtigkeit und Frieden. Ich bete darum, dass der Dialog ein Dialog wird, der die Herzen der Verantwortlichen berührt, sodass sie im Hinblick auf die große Schere zwischen Arm und Reich, aber auch in vielen anderen dringend wichtigen Punkten die Kraft bekommen, dem Menschen zu dienen. 

Eine Weltwirtschaft muss dem Wohl des Menschen dienen und nicht der Mensch einer Wirtschaft, bei der die Armen ärmer und die Reichen immer reicher werden. Der Heilige Geist möge hier die Herzen berühren und erleuchten und zur Veränderung beitragen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Das Weltwirtschaftsforum

Das Weltwirtschaftsforum (WEF, englisch für: World Economic Forum) ist ein jährlich stattfindendes Treffen führender Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, das in der Schweizer Gemeinde Davos stattfindet. Das Forum wird von der gleichnamigen Stiftung organisiert.

Weltwirtschaftsforum in Davos / © Drop of Light (shutterstock)
Weltwirtschaftsforum in Davos / © Drop of Light ( shutterstock )
Quelle:
DR

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