Für einige verzweifelte Eltern ist es der letzte Ausweg: "Wir haben beschlossen, dem Padre das Sorgerecht zu übertragen. Für den Fall, dass wir morgen festgenommen und abgeschoben werden", sagt eine Migrantin ohne Aufenthaltserlaubnis dem Sender CNN. Die im US-Bundesstaat Maryland lebende Frau hat sich – wie andere Betroffene – hilfesuchend an Pastor Vidal Rivas gewandt.
26 Kinder adoptiert
Der aus El Salvador stammende anglikanische Geistliche unternimmt außergewöhnliche Schritte, um von Abschiebung bedrohten Familien zu helfen: Inzwischen ist er Vormund von 26 adoptierten Kindern. Sollten ihre Eltern in den Fokus der Behörden geraten, will er so eine Abschiebung verhindern – eine sehr spezielle Form von Kirchenasyl.
Hintergrund sind die bisweilen martialischen Razzien der Einwanderungspolizei ICE, die unter illegal eingereisten Migranten, vor allem aus Lateinamerika, Angst und Schrecken verbreitet. Dass die Beamten selbst vor Schusswaffengebrauch nicht zurückschrecken, ist mittlerweile überall bekannt.
Angst bestimmt den Alltag
Wer keinen Aufenthaltstitel hat, verhält sich deshalb vorsichtiger als sonst – Angst bestimmt den Alltag. Die salvadorianische Mutter, die ihr Kind vom Pastor adoptieren ließ, arbeitet nach eigenen Angaben nicht mehr. Sie vermeidet es gar, in die Nähe der Schule ihres Sohnes zu kommen. Denn auch in Betrieben, Schulen und Kindergärten finden derzeit Razzien statt.
Laut Pastor Rivas trauen sich etliche betroffene Familien nicht einmal, an religiösen Aktivitäten teilzunehmen. Die Situation sei "traurig, bedauerlich und schmerzhaft", mitunter auch "sehr chaotisch", sagt er. Um die Kinder im Fall des Falles unterbringen zu können, habe er Räume in der Pfarrei vorbereitet.
Die ebenfalls aus Mittelamerika stammende Mutter, die sich seit 20 Jahren in den USA aufhält, klagt, dass es nicht einfach sei, das eigene Kind an eine andere Person zu übergeben. Ihr Sohn wolle die Vereinigten Staaten auf gar keinen Fall verlassen. Doch sie selbst erwäge wegen des Drucks der Behörden, dem Land den Rücken zu kehren.
Der Pastor erläuterte vor Reportern, das Sorgerecht werde nur im Fall einer erzwungenen Familientrennung aktiviert – und sei für sechs Monate gültig. In diesem Zeitraum könne er die Minderjährigen betreuen, sie in ein von den Eltern angegebenes Land bringen – oder die Maßnahme verlängern.
Große Verantwortung
"Es ist nicht einfach, Vormund zu sein und eine so große Verantwortung zu tragen", ließ Vidal wissen. Er spüre eine immense Last und habe daher Gott um Hilfe gebeten, um "kein Kind und keinen Elternteil im Stich zu lassen".
Unterdessen gibt es keinerlei Anzeichen, dass US-Präsident Donald Trump in nächster Zeit von seinem umstrittenen Abschiebekurs abrücken könnte. Die Zahlen vom vergangenen Jahr sprechen eine deutliche Sprache: Laut Regierungsangaben von Ende Oktober wurden 2025 mehr als eine halbe Million illegal eingereiste Ausländer abgeschoben. 1,6 Millionen hätten die USA freiwillig verlassen. Rund 66.000 Personen befanden sich den Angaben zufolge in Abschiebehaft.