Kirche plädiert für Anerkennung des Völkermords in Namibia

Gedenken an Genozid

Deutschland hat die in der Kolonialzeit außer Landes gebrachten menschlichen Überreste der Herero und Nama an Namibia zurückgegeben. In einer Ansprache forderte Auslandsbischöfin Bosse-Huber die Anerkennung des Genozids.

Gedenkstein für die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia auf dem Garnisonsfriedhof in Berlin am 7.7.15 (dpa)
Gedenkstein für die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft im heutigen Namibia auf dem Garnisonsfriedhof in Berlin am 7.7.15 / ( dpa )

Erstmals hat sich die Bundesregierung an der Rückgabe menschlicher Gebeine aus der deutschen Kolonialzeit an Namibia beteiligt. Bei einem Gedenkgottesdienst in Berlin wurde für die Kolonialverbrechen auch um Verzeihung gebeten.

Bei der Rückgabe menschlicher Gebeine nach Namibia hat sich Staatsministerin Michelle Müntefering (SPD) als Vertreterin der Bundesregierung für Gräueltaten während der deutschen Kolonialzeit entschuldigt. Das Unrecht der Vorfahren könne zwar nicht rückgängig gemacht werden, sagte die Staatsministerin für internationale Kulturangelegenheiten im Auswärtigem Amt am Mittwoch anlässlich eines Gedenkgottesdienstes und einer Übergabezeremonie in Berlin. Sie bitte aber "aus tiefsten Herzen um Verzeihung", fügte Müntefering hinzu.

Erstmals deutsche Beteiligung an Rückgabe

Die Bundesregierung beteiligte sich erstmals offiziell an einer Rückgabe menschlicher Gebeine aus der Kolonialzeit an Namibia. Dabei handelt es sich um 27 menschliche Überreste, die während der deutschen Kolonialzeit (1884-1915) aus Südwestafrika entwendet worden waren. Zuletzt lagerten sie in anthropologischen Sammlungen in Berlin, Greifswald, Ennigerloh, Witzenhausen, Jena, Hannover und Hamburg.

In den Vorjahren hatte es bereits zwei ähnliche Rückgaben von deutschen Forschungsinstituten an Namibia gegeben. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten deutsche Kolonialtruppen Aufstände der Volksgruppen Herero und Nama grausam niedergeschlagen. Schätzungen zufolge kamen mehr als 70.000 Menschen ums Leben.

Namibias Kulturministerin Katrina Hanse-Himarwa erklärte, dass sich das namibische Volk eine Entschuldigung für den Genozid an den Herero und Nama im Rahmen eines offiziellen Bekenntnisses der Bundesregierung gegenüber dem Volk und der Regierung Namibias wünsche. Müntefering betonte, die Deutschen würden sich zu ihrer historischen Verantwortung bekennen. "Die damaligen Gräueltaten waren das, was wir heute als Völkermord bezeichnen würden", sagte die Staatsministerin.

Gedenken an die Opfer wachhalten

In einem Gedenkgottesdienst anlässlich der Rückgabe menschlicher Gebeine der Herero und Nama hat die Auslandsbischöfin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Petra Bosse-Huber, eine Anerkennung des "ersten Genozids des 20. Jahrhunderts" in den früheren deutschen Kolonialgebieten gefordert.

"Wir wollen heute etwas tun, was schon seit vielen Jahrzehnten hätte getan werden müssen: nämlich die Gebeine von Menschen, die Opfer des ersten Genozids des 20. Jahrhunderts geworden sind, an ihre rechtmäßigen Nachfahren zurückgeben", sagte Bosse-Huber. Gemeinsam mit den Nachfahren müsse das Gedenken an die Opfer wachgehalten werden und für die Anerkennung des Völkermords öffentlich eingetreten werden. Das durch die deutsche Kolonialherrschaft begründete und danach fortwirkende Unrecht müsse überwunden werden, so die Bischöfin weiter.

Bosse-Huber bekräftigte zudem das Schuldbekenntnis der Kirche. Durch theologische Rechtfertigung sei der Boden für die koloniale Herrschaft und den Tod tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen mit vorbereitet worden.

"Dunkles Kapitel in unserem Kampf gegen Kolonialismus"

Der Bischof der Evangelisch Lutherischen Kirche in der Republik Namibia und Delegationsleiter des Rates der Kirchen in Namibia, Ernst Gamxamub, erinnerte an die Geschichte Namibias und Deutschlands, die aus einer schlimmen Erfahrung und Realität geboren sei: "Für viele scheint der Genozid zu einem unbedeutenden Ereignis geworden zu sein, aber für uns ist es ein historisches, denkwürdiges und dunkles Kapitel in unserem Kampf gegen Kolonialismus und ausländische Besatzung aus früheren Zeiten."

Der namibische Bischof rief zudem zu einer gemeinsamen Zukunft auf, die von Werten wie Menschenwürde, Respekt, Gleichheit, Frieden und Gerechtigkeit geprägt sein müsse.

Eklat während des Gottesdienstes

Für einen Eklat sorgte während des Gottesdienstes eine Gruppe von Herero und Nama. Nach wie vor zeige Deutschland durch sein Verhalten eine arrogante Einstellung gegenüber Afrika, erklärte der namibische Rechtsanwalt Vekuii Rukoro, der als Stammeschef der Herero vertreten war.

So hätten nicht alle Vertreter ihrer Gruppe an der Zeremonie teilnehmen können. Rukoro habe zur Auflage bekommen, nicht länger als drei Minuten zu sprechen und das Wort Genozid nicht zu verwenden. Das sei entwürdigend, so der Rechtsanwalt. Am offiziellen Versöhnungsprozess ist seine Gruppe bislang nicht vertreten.

Bereits vor der Zeremonie gab es eine von den deutschen Aktivisten organisierte Mahnwache vor der Kirche. Der Gruppe waren zuvor 25 Plätze in der Kirche angeboten worden, die versuchte Anmeldung von 44 Teilnehmern wurde dann am Freitagnachmittag negativ beschieden.

Polenz: Fahrplan für weitere Verhandlungen besprechen

Für die Bundesregierung nahm Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, an dem Gottesdienst teil. Die katholische Kirche vertrat der Leiter des Katholischen Büros, Prälat Karl Jüsten. Müntefering nahm auch die symbolische Übergabe der Gebeine vor, bei der auch Vertreter der Botschaft von Namibia anwesend waren. Am Freitag sollen sie in Windhuk in Namibia bei einem Staatsakt in Empfang genommen werden. Müntefering will an der Zeremonie teilnehmen.

Bei der Zeremonie wird auch Ruprecht Polenz (CDU) zugegen sein, der seit mehreren Jahren auf Regierungsebene die Verhandlungen zwischen Deutschland und Namibia zur Aufarbeitung der gemeinsamen kolonialen Vergangenheit führt. Polenz bekräftigte die deutsche Verantwortung: "Deutschland geht davon aus, dass wir eine politisch moralische Verpflichtung haben, uns dieser Vergangenheit zu stellen", sagte Polenz am Mittwoch im Bayerischen Rundfunk.

Das sollte in einer offiziellen Entschuldigung zum Ausdruck kommen, erklärte Polenz. "Es geht nicht darum, ob wir uns entschuldigen, das würden wir lieber heute als morgen tun, sondern, dass wir es in einer Art und Weise tun, die Namibia auch als ernsthafte Bitte um Entschuldigung akzeptiert".

Polenz vermeidet das Wort "Entschädigung"

Ruprecht Polenz verhandelt seit 2015 als Sondergesandter mit Namibia über eine Aussöhnung. Dazu gehöre auch, "dass Namibia das Gefühl haben will, es sei nicht nur ein Lippenbekenntnis". Es gehe um den richtigen Umgang mit der Vergangenheit, "der auch Maßnahmen einschließt, um die noch vorhandenen Wunden zu heilen".

Das schließe auch materielle Leistungen ein, die aber keine Rechtspflicht seien. Zum damaligen Zeitpunkt habe es keine Rechtsgrundlage gegeben, die man anwenden könnte. Polenz: "Weil es keine Rechtsfrage ist, sondern eine politisch-moralische, wollen wir leisten, aber wir nennen es nicht Entschädigung."

Bei dieser Gelegenheit wolle er mit seinem namibischen Gegenüber Zed Ngavirue den "Fahrplan für die weiteren Verhandlungen" besprechen, sagte Polenz der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Müntefering und Polenz reisen am Ende der Woche nach Windhuk, um dort an den Feierlichkeiten zur Ankunft der Gebeine teilzunehmen. Die menschlichen Überreste sollen am Freitag in Namibia ankommen.

 

Es handelt sich um die dritte Übergabe dieser Art. Namibia war unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika von 1884 bis 1919 deutsche Kolonie. Während dieser Zeit wurden die Einheimischen ausgebeutet und unterdrückt. Besonders brutal gingen deutsche Truppen von 1904 bis 1908 gegen einen Aufstand der um ihren Landbesitz fürchtenden Herero und Nama vor.

 

Das Geschehen mit Zehntausenden Toten bezeichnen Wissenschaftler und Politiker inzwischen übereinstimmend als Völkermord. Offen ist weiter die Frage, ob es in den USA zu einem Verfahren gegen Deutschland kommt. Vertreter von Herero und Nama hatten Anfang 2017 vor dem Bezirksgericht in New York eine Klage eingereicht, weil sie sich nicht angemessen an dem Dialog beteiligt fühlen.


Staatsministerin Müntefering (SPD, l), und die namibische Ministerin Katrina Hanse-Himarw / © Gregor Fischer (dpa)
Staatsministerin Müntefering (SPD, l), und die namibische Ministerin Katrina Hanse-Himarw / © Gregor Fischer ( dpa )

Gebeine zweier Opfer des Genozids 1904-1908 in Deutsch-Südwestafrika  / © Gregor Fischer (dpa)
Gebeine zweier Opfer des Genozids 1904-1908 in Deutsch-Südwestafrika / © Gregor Fischer ( dpa )

Delegation aus Namibia vor Beginn des Gottesdienstes / © Gregor Fischer (dpa)
Delegation aus Namibia vor Beginn des Gottesdienstes / © Gregor Fischer ( dpa )

Bischof Ernst Gamxamub  / ©  Gregor Fischer (dpa)
Bischof Ernst Gamxamub / © Gregor Fischer ( dpa )

Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber / © Gregor Fischer (dpa)
Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber / © Gregor Fischer ( dpa )
Quelle:
KNA , epd