Kirche auf den Philippinen macht Wahlkampf für Robredo

Hoffen auf ein Wunder

Auf den Philippinen hat Ferdinand Marcos Jr. an diesem Montag gute Aussichten, mit einem Erdrutschsieg Präsident des Landes zu werden. Bischöfe und Priester machen offen Wahlkampf für die demokratische Gegenkandidatin Leni Robredo.

Die philippinische Präsidentschaftskandidaten Leni Robredo. / © Aaron Favila (dpa)
Die philippinische Präsidentschaftskandidaten Leni Robredo. / © Aaron Favila ( dpa )

"Wunder gibt es immer wieder" - das war nicht nur ein Schlager. Wunder sind etwas, an das viele Katholiken zutiefst glauben.

Geht man nach den jüngsten Meinungsumfragen auf den Philippinen, hoffen 23 Prozent der Wähler auf das Wahlwunder, das der demokratischen Kandidatin Leni Robredo (57) bei der Präsidentenwahl doch noch den Sieg beschert. Seit Monaten liegt aber Ferdinand Marcos Jr. (64) unangefochten und bei allen Altersgruppen mit großem Abstand vorn.

Könnte die Kirche auf den katholisch geprägten Philippinen Wunder bewirken, dann würde Maria Leonor "Leni" Gerona Robredo die nächste Präsidentin. In einem nie gesehenen Ausmaß bezieht die Kirche im Wahlkampf Stellung gegen die Rückkehr der Marcos-Dynastie an die Macht. Tausende Priester, Bischöfe und Ordensleute rufen zur Wahl Robredos auf.

Kirche auf den Philippinen

Die Philippinen sind neben dem kleinen Osttimor das einzige asiatische Land mit katholischer Bevölkerungsmehrheit. Etwa 80 Prozent der rund 109 Millionen Philippiner gehören der römisch-katholischen Kirche an; zudem gibt es rund 5 Prozent Muslime. Mehr als 330 Jahre spanischer Kolonialherrschaft haben den katholischen Glauben tief in der Gesellschaft verwurzelt. Der starke Volksglaube widerstand auch dem Versuch einer Protestantisierung nach Übernahme des Archipels durch die USA 1898.

Papstmesse zu 500 Jahren Christentum auf den Philippinen / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Papstmesse zu 500 Jahren Christentum auf den Philippinen / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Mediale Angriffe auf Familie der Vizepräsidentin

Auch wenn Marcos in den Umfragen mit 56 Prozent vorn liegt, nehmen er, sein Wahlkampfteam und seine Familie die Konkurrentin der demokratischen Opposition ernst. Das zeigen die massiven Angriffe auf die amtierende Vizepräsidentin und ihre Familie in Sozialen Medien. Im April ging ein Video viral, das die älteste der drei Töchter Robredos beim Sex zeigen soll.

Robredo zeigte sich nicht überrascht über die Schmuddelaktion. Diese sei "wirklich die Art meines Rivalen, seit er 2016 verloren hat", sagte sie mit Bezug auf ihren hauchdünnen Sieg über Marcos bei der Wahl des Vizepräsidenten 2016. Weiter sagte Robredo: "Seit 2016 bin ich Ziel von allen möglichen Arten von fake news."

Genaues Gegenteil Dutertes

Eine politische Karriere war der heute 57-Jährigen nicht vorgezeichnet. Ihr Ehemann Jesse war als Minister der Regierung von Präsident Benigno Aquino auf dem Höhepunkt seiner Popularität, als er im August 2012 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Bei der Parlamentswahl 2013 trat dann seine Witwe erfolgreich als Kandidatin der Liberalen Partei das politische Erbe ihres Mannes an und wurde drei Jahre später Vizepräsidentin des Landes - sehr zum Verdruss des zum Präsidenten gewählten Rodrigo Duterte.

Die in etwa sozialdemokratisch einzuordnende Robredo ist das genaue Gegenteil Dutertes, der weder für Demokratie noch für Menschenrechte viel übrig hat. Demonstrativ bot er seiner Stellvertreterin "aus Freundschaft zu Marcos" zunächst keinen Kabinettsposten an.

Weil der Vizepräsident laut der Verfassung nur für den Fall der Amtsunfähigkeit des Präsidenten parat zu stehen hat, erhält er traditionsgemäß einen Ministerposten. Am Ende ernannte Duterte Robredo dann doch zur Ministerin für Wohnungsbau; doch nur wenige Monate später trat sie wegen einer "Verschwörung des Präsidentenpalastes" gegen sie wieder zurück.

"Vertrauenswürdig, kompetent, fleißig und zuverlässig"

In ihren politischen Überzeugungen ist die Katholikin das Gegenteil des autokratisch herrschenden Duterte als auch von Marcos, der die Diktatur seines Vaters (1972-1986) als "goldenes Zeitalter der Philippinen" preist. "Ich biete eine Art der Führung an, die vertrauenswürdig, kompetent, fleißig und zuverlässig ist. Sie werden nicht getäuscht, Sie werden nicht ausgeraubt, Sie werden niemals zurückgelassen", betont sie ein ums andere Mal im Wahlkampf und verweist aufKorruption der Marcos-Familie und eine Weigerung des Clans, Vermögenssteuerschulden in Milliardenhöhe zu zahlen.

Marcos, der zusammen mit Sara Duterte-Carpio, der Tochter des amtierenden Präsidenten, die als die Vizepräsidenten-Kandidatin antritt, beherrscht seit Jahren Facebook, auf dem nahezu jeder Philippiner aktiv ist. Seine Getreuen lässt er eine revisionistische Geschichtsschreibung der von Korruption und Menschenrechtsverletzungen geprägten Diktatur seines Vaters betreiben. Im Wahlkampf treten er und Duterte-Carpio als "UniTeam" an.

Katholische Kirche befürchtet schwere Zeit

Die Botschaft von "Einigkeit" und "Versöhnung" - vulgo: Strich unter die Marcos-Diktatur - kommt bei den Wählern an. Unausgesprochen knüpft Marcos damit an Domingo Nebres an, den katholischen Kaplan seines Vaters. In seiner Grabrede verglich Nebres den 1989 im Exil auf Hawaii gestorbenen Marcos mit Christus, der wie Marcos ein "Opfer der Volksmacht" geworden sei. Marcos sr. war 1986 von einem von Kardinal Jaime Sin und Corazon "Cory" Aquino angeführten Volksaufstand gestürzt worden.

Im Fall eines - vermutlich ausbleibenden - Wahlwunders steht der katholischen Kirche unter einem Präsidenten Marcos eine schwere Zeit bevor. Schon das Verhältnis der Bischöfe zu Duterte war zerrüttet: wegen Kritik der Kirche an dessen "Anti-Drogen-Krieg" und der Wiedereinführung der Todesstrafe. Der amtierende Präsident diffamierte Priester und Ordensleute wegen ihres Eintretens für Arme und die Umwelt als "Kommunisten". Papst Franziskus nannte er einen "Hurensohn" - und rief zum Mord an seinen bischöflichen Kritikern auf; nur letzteres nahm er immerhin später zurück.

Ein Präsident Marcos wird den Bischöfen und Priestern nicht verzeihen, dass sie sich im Wahlkampf eindeutig gegen ihn stellten und zur Wahl Robredos aufrufen. Sie werden einen Weg finden müssen, um die große Kluft zwischen den (zahlreichen) Marcos-Anhängern und -Gegnern in den Gemeinden zu überbrücken. Doch vielleicht tritt am 9. Mai doch noch jenes Wunder ein, das Robredo im vergangenen Jahr tapfer verkündete: "Der letzte Mann, der 2022 übrig bleibt, wird eine Frau sein."

Autor/in:
Michael Lenz
Quelle:
KNA