Kinderschutz-Experte fordert Normalisierung von Prävention in Kirche

"Allen Anschuldigungen konsequent nachgehen"

Pater Hans Zollner gilt als einer der führenden Experten der katholischen Kirche im Kampf gegen Missbrauch. Der Theologe und Psychologe mahnt im Interview, dass die Bemühungen für Prävention und Safeguarding nicht nachlassen dürfen.

Autor/in:
Roland Müller
Leere Stühle in einer Kirche / © MASSIMILIANO PAPADIA (shutterstock)
Leere Stühle in einer Kirche / © MASSIMILIANO PAPADIA ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Vor 16 Jahren wurde der Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich. Damit kam in Deutschland der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche ins Rollen. Wo steht die deutsche Kirche heute nach so vielen Jahren von Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch?

Pater Hans Zollner SJ (Theologe, Psychologe und Kinderschutz-Experte): In der deutschen Kirche hat sich in den vergangenen 16 Jahren sehr viel getan. Wir sprechen sehr viel über das Thema und es hat sich auch einiges bewegt, vor allem im Bereich der Aufarbeitung in Kommissionen, durch Kanzleien oder beauftragte Institute. Noch mehr geschieht im Bereich der Präventionsschulungen und beim Nachschärfen von Leitlinien. Das ist alles sehr positiv. 

Auf der anderen Seite bleibt aber die Frage: Wie ist das alles tatsächlich im normalen kirchlichen Alltag, in den Pfarrgemeinden, in den kirchlichen Kindergärten und Schulen angekommen? 

Pater Hans Zollner SJ (privat)
Pater Hans Zollner SJ / ( privat )

DOMRADIO.DE: Wie lautet Ihr Fazit bei dieser Frage? 

Zollner: Wir müssen uns fragen, ob die ganzen Bemühungen zu einer Mentalitätsveränderung und einem verbesserten Verhalten geführt haben. Hat man sich gegen Missbrauch eingesetzt, weil der öffentliche Druck da war, und denkt jetzt, wo er weniger wird, dass man seine Schuldigkeit getan hat? 

Die große Gefahr für die Kirche in Deutschland und darüber hinaus ist, dass man meint, jetzt hat man so einiges getan und noch sehr viel mehr gesagt, sodass man glaubt, das Thema Missbrauch ist nun für immer abgeräumt. So ist es natürlich nicht, wenn wir als Kirche dem Beispiel Jesu folgen wollen.

DOMRADIO.DE: Wird es für die Kirche überhaupt einen Punkt geben können, an dem sie sich nicht mehr mit Missbrauch beschäftigen muss?

Zollner: Das wird es nicht geben, weil es eine menschliche Grundtatsache ist, dass wir das Böse in uns und um uns herum nicht einfach ausrotten können. Mit allen Schulungen, allen Leitlinien und neuen Gesetzen wird es nicht gelingen, Missbrauch jemals vollständig zu verhindern. Es wäre eine Illusion und ich glaube, eine gefährliche, wenn man denkt, wir hätten das Thema abgehakt und unsere Schuldigkeit getan. 

Wir brauchen keine ständige Paranoia oder dauerhafte Nervosität diesbezüglich, sondern wir müssen nachhaltige und vor allem systemische Veränderungen herbeiführen. Es muss normal sein, über die Schaffung von sicheren Räumen, Beziehungen und Abläufen nachzudenken.

Pater Hans Zollner

"Ihnen muss klar sein, dass sie die Würde und die Grenzen dieser Personen zu achten haben."

DOMRADIO.DE: Klerikalismus und geistlicher Machtmissbrauch sind zwei bleibende Herausforderungen mit Blick auf Missbrauch in der Kirche. Lassen sich diese beiden Faktoren überhaupt aus der Kirche eliminieren?

Zollner: Natürlich müssen wir versuchen, bei Seelsorgern für eine erhöhte Sensibilität zu sorgen, mit Blick auf die Fallstricke, die es etwa bei geistlicher Begleitung gibt – also wenn Menschen sich mit allen ihren Fragen, ihrem Glauben und ihren Gefühlen einem Seelsorger gegenüber öffnen. Ihnen muss klar sein, dass sie die Würde und die Grenzen dieser Personen zu achten haben. Dabei dürfen sich die geistlichen Begleiter nicht von ihren eigenen Bedürfnissen leiten lassen. Vielmehr müssen sie sich daran orientieren, wie die Begleiteten in ihrem Glauben und ihrem Menschsein wachsen können. 

Dazu muss man sich mit dem Thema Macht innerhalb der Kirche auseinandersetzen, also mit der Frage, welche Rolle sie bei Exerzitien, in der Begleitung oder der Pastoral spielt. Denn als Geistlicher werde ich nicht nur mit der Institution Kirche identifiziert, sondern letztlich in gewisser Weise auch mit Gott. Deshalb haben Begleiter eine große Verantwortung dafür, wie sie ihre Worte wählen, die Begegnungen ausgestalten und ihre Ratschläge oder Hinweise geben. Es darf nicht etwas sein, das aufgezwungen, sondern als Möglichkeit angeboten wird. 

DOMRADIO.DE: Wie blickt Papst Leo XIV. auf das Thema Missbrauch?

Zollner: Papst Leo hat in den vergangenen Monaten zwei größere Vertretungen von Betroffenenverbänden getroffen: Das eine war eine internationale Gruppe und das andere waren Betroffene aus Belgien. Er hat sich mit ihnen jeweils drei Stunden zusammengesetzt. Ich hatte mit beiden Gruppen danach Kontakt und sie haben beide bestätigt, dass der Papst mit großer Aufmerksamkeit und offenem Herzen zugehört hat. 

Sie haben große Hoffnungen, dass er die entsprechenden Schritte tun wird, um ihnen weiterhin beizustehen. Papst Leo hat das auch zweimal an prominenter Stelle betont, einmal als er im September mit den neuen Bischöfen gesprochen hat, die zu Fortbildungsmaßnahmen in Rom waren. Und jüngst am Ende des Konsistoriums Anfang Januar, als die Kardinäle sich in Rom trafen. 

Pater Hans Zollner

"Man darf nichts in Schubladen verschwinden lassen oder Betroffene einfach abweisen."

DOMRADIO.DE: Was hat der Papst den Kardinälen mitgegeben?

Zollner: Leo hat drei Punkte hervorgehoben: Erstens, dass wir allen Anschuldigungen konsequent nachgehen müssen. Man darf nichts in Schubladen verschwinden lassen oder Betroffene einfach abweisen. Es muss konsequent aufgeklärt werden, was zu klären ist. Zweitens, dass Betroffene ein Anrecht darauf haben, dass sie von der Kirche und vor allem den Oberhirten angehört werden und ihnen zugehört wird. Wir müssen mit ihnen auf dem Weg sein. 

Drittens sagte der Papst, dass wir Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gleichzeitig gegenüber den Betroffenen und den Angeschuldigten zeigen müssen. Es geht nicht darum, dass man sich auf die eine oder die andere Seite schlägt, sondern dass man schaut, was tatsächlich geschehen ist und welche Schritte man aus Gründen der Gerechtigkeit tun muss – mit all den Schwierigkeiten, die es dabei gibt, herauszufinden, was tatsächlich geschehen ist.

DOMRADIO.DE: Die Weltkirche ist oft in unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs. Sind wir in Deutschland oder Europa weiter in Sachen Missbrauchsprävention als in anderen Teilen der Welt?

Zollner: Natürlich gibt es in der Kirche unterschiedliche Geschwindigkeiten in verschiedenen Feldern. Nun ist es etwas schwierig zu sagen, dass die eine Ortskirche weiter voran ist, während die anderen zurück sind. Denn in den Bereichen Prävention und Aufarbeitung werden durchaus unterschiedliche Akzente gesetzt. Deshalb ist es für uns am Institut für Anthropologie an der Universität Gregoriana in Rom sehr wichtig, zu erfahren, wie in verschiedenen Ländern Sicherheit verstanden wird: In Malawi ist es unter Umständen etwas anders definiert als in Mexiko oder in Schweden. Oder auch: Was heißt Aufarbeitung? Wie stark spielen dabei die rechtliche und die staatliche Seite eine Rolle.

DOMRADIO.DE: Was meinen Sie damit?

Zollner: Konkret die Frage, wie sehr ich mich auf Polizei oder Staatsanwaltschaften in einem Land verlassen kann, wenn etwa Korruption in diesen Behörden eine große Rolle spielt. Das ist weltkirchlich gesehen eine große Herausforderung. Deshalb werden wir im Juni eine große Tagung zur Frage durchführen, wie Safeguarding interkulturell funktioniert. Wir wollen uns damit beschäftigen, was maßgeblich sein muss, um kulturübergreifend darauf hinzuwirken, dass es zu einer Verbesserung des Umgangs mit Betroffenen und zur Verhinderung von Missbrauch kommt. 

Das betrifft auch Länder, die meinen, sie hätten nur eine einzige Kultur in der Kirche. Auch in der Erzdiözese Köln gibt es an einem Sonntag wahrscheinlich Gottesdienste in mehr als zwei Dutzend unterschiedlichen Sprachen. Diese Gläubigen hören vielleicht, worüber wir in der deutschen Kirche sprechen, wenn es um Safeguarding geht. Aber sie können es unter Umständen nicht in ihre Sprachen übersetzen, weil es die Wörter dafür vielleicht gleich gar nicht so gibt oder andere Konzepte und Vorstellungen vorherrschen. Deshalb ist es gut, dass wir mit den Studierenden unseres Instituts reden, um herauszufinden, was für ihre jeweiligen Kulturen passend ist. 

Zudem wollen wir durch unser neu konzipiertes E-Learning-Programm ein Forum dafür bieten, dass Menschen in Kontakt bleiben. Das ist sehr wichtig für die katholische Kirche. Man denkt zwar, die Kirche ist eine sehr eng verbundene Gemeinschaft – was für bestimmte Fragen auch zutreffend ist. Aber bei der gegenseitigen Bestärkung mit Blick auf die Anstrengungen bei Aufarbeitung und Safeguarding haben wir noch einen langen Weg vor uns.

Das Interview führte Roland Müller.

Quelle:
DR

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