Als eine Auszeichnung für seine Heimatstadt Würzburg erlebt der Präsident des Zentralrates der Juden den Katholikentag. Religiöses Leben habe in Würzburg seit jeher eine große Präsenz, sagte Josef Schuster am Donnerstag am Stand der katholischen Medienarbeit. Er freue sich, dass so viele Menschen aus allen Teilen des Landes nach Würzburg kommen.
Egal wo Schuster unterwegs ist, immer ist er von Leibwächtern umgeben - so auch auf dem Katholikentag. Seine Auftritte werden häufig nicht angekündigt, weil das ein Risiko bedeuten würde. Auch an diesem Nachmittag sind rund um den Stand der katholischen Medienarbeit, wo Schuster erwartet wird, viele Polizisten unterwegs, die das Terrain beobachten und absichern. Diese Schutzmaßnahmen seien nicht neu, die habe es auch schon unter seinen Vorgängern und seiner Vorgängerin gegeben, sagt Schuster.
Im Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur spricht Schuster über seine große Sorge über den wachsenden Antisemitismus im Land. Der Oktober 2023 bedeute für Jüdinnen und Juden in aller Welt eine Zeitmarke, die das Leben verändert habe. Denn das Attentat der Hamas-Terroristen vom 7. Oktober und die Geschehnisse danach haben auch die Bedrohungslage der Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert. In Deutschland habe sich seitdem eine antijüdische Stimmung breitgemacht, die ihn besorge, sagt er. Und genau deshalb sei der christlich-jüdische Dialog wichtiger denn je.
Schuster macht seine wachsende Sorge über die Situation der Jüdinnen und Juden in Deutschland konkret, indem er erzählt, dass sich zum Beispiel in Berlin immer weniger Menschen jüdischen Glaubens trauen würden, ihr Judentum nach außen zu tragen. "Viele verstecken ihre Kippa unter einer Basecap", sagt Schuster. Unter einer AfD-Regierung könne er sich kein jüdisches Leben in Deutschland vorstellen.
Ihn erschreckt die fortschreitende Gleichgültigkeit, mit der viele Menschen dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland begegnen. "Es gibt einen Begriff, der hier hilft, das ist der Begriff der Zivilcourage", sagt Schuster im DOMRADIO.DE-Interview. "Wenn man im Kleinen, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, mit Bekannten zusammen ist und hört, dass sich jemand demokratiefeindlich weil antisemitisch oder rassistisch äußert, dann sollte man sie oder ihn darauf ansprechen und sagen: Ej, was hast du denn da gerade gesagt? Bist du dir bewusst, was du da gesagt hast?" Schuster glaubt, dass man mit solchen Hinweisen sehr viel erreichen könne.
Der Zentralratspräsident lobt ausdrücklich die enormen Fortschritte, die der christlich-jüdische Dialog gemacht habe. Im Gegensatz zu früheren Zeiten, und damit meint er die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, gebe es heute ein gutes Miteinander der beiden großen christlichen Kirchen mit den jüdischen Gemeinden überall im Bundesgebiet. "Dass man dieses Miteinander noch etwas festigen kann, ist sicherlich außer Frage, aber das funktioniert inzwischen wirklich gut", sagt Schuster.
Für ihn spielt die Religiosität eine bedeutende Rolle für die Stabilität der Demokratie in Deutschland. "Ich habe das Gefühl, dass Menschen, die einen Glauben haben und in dem Glauben gefestigt sind, sich viel weniger von Fanatismus und fanatischen Meinungen in Beschlag nehmen lassen", ist Schuster überzeugt.
Trotz aller Anfeindungen und der angespannten politischen Situation auch gegenüber den Jüdinnen und Juden in Deutschland blickt der Zentralratsvorsitzende zuversichtlich in die Zukunft. "Wenn wir Veranstaltungen wie diesen Katholikentag erleben - mit den tausenden Menschen, die in Würzburg sind und auch an Podien zum christlich-jüdischen oder auch christlich-muslimischen Dialog teilnehmen, dann ist das doch ein Zeugnis eines gelungenen Miteinanders der Religionen. Ich hoffe, dass sich das noch mehr verfestigen lässt".