KNA: Was können Sie über die aktuelle Situation der christlichen Gemeinschaft in Gaza sagen?
Kardinal Pierbattista Pizzaballa (Lateinischer Patriarch von Jerusalem): Zunächst einmal gibt es nur sehr wenige Christen in Gaza, genau 541. Die Mehrheit von ihnen lebt immer noch auf dem Gelände der Pfarrei. Denn selbst wenn der Waffenstillstand sich stabilisiert hat, bleibt die humanitäre Lage nach wie vor sehr problematisch. Es gibt kommerzielle Aktivitäten, aber die humanitäre Hilfe ist unzureichend.
Das Pfarreigelände ist der einzige Ort, an dem die Christen Zuflucht finden können sowie Unterstützung für das tägliche Leben, insbesondere für ihre Familien und Kinder.
KNA: Gaza ist nicht die einzige Gemeinde, die unter der aktuellen Lage im Nahen Osten leidet. Wie gehen Sie damit in Ihrer Diözese um, die sich über ein riesiges Gebiet erstreckt?
Pizzaballa: Es ist – ehrlich gesagt – eine Herausforderung. Fast jeden Tag gibt es Probleme mit Genehmigungen, wird jemand blockiert und dergleichen. Wir wissen nicht, wie wir uns bewegen sollen. Auch die Organisation von Veranstaltungen und Aktivitäten für alle Teile der Diözese bereitet uns immer mehr Kopfzerbrechen. Aber wir müssen engagiert bleiben und so viel wie möglich gemeinsam tun, trotz aller Komplikationen, die manchmal rechtlicher, manchmal politischer, militärischer und manchmal auch kultureller Natur sind.
KNA: Erwarten Sie, dass der Waffenstillstand in Gaza und im Rest der Region hält - oder befürchten Sie, dass er bald gebrochen wird?
Pizzaballa: Ich denke, er wird halten, weil alle erschöpft sind. Ich glaube aber nicht, dass sich die Situation aus humanitärer und politischer Sicht verbessern wird. Der Kampf und die sporadischen Gewaltausbrüche werden weitergehen, wie es in der Vergangenheit der Fall war. Dennoch bin ich recht zuversichtlich, dass wir einen Krieg, wie wir ihn in den vergangenen Jahren gesehen haben, zumindest in der nächsten Zeit nicht mehr sehen werden.
KNA: Haben Sie vor, bald nach Gaza zurückzukehren?
Pizzaballa: Gaza bleibt ein offenes Kapitel. Wir müssen früher oder später wieder hingehen. Allerdings ist eine Reise dorthin nicht einfach. Wir müssen uns organisieren und evaluieren, was notwendig ist. Ich hoffe, dass wir gemeinsam mit Vertretern anderer Kirchen einreisen können, vielleicht zu Ostern, vielleicht danach.
KNA: Können Sie uns etwas über den "Friedensrat" ("Board of Peace") sagen, dessen Gründung US-Präsident Donald Trump angekündigt hat?
Pizzaballa: Was ich aus den sozialen Medien und anderen Quellen weiß, ist, dass er fast fertig ist. Er soll das politische Leitungsgremium des Gazastreifens werden. Jetzt müssen wohl noch die endgültige Zusammensetzung und auch das Mandat festgelegt werden, aber ich gehe davon aus, dass dies in den nächsten Tagen oder Wochen bekanntgegeben wird. Sicherlich wird es Kontroversen geben, aber auf jeden Fall müssen wir den Beginn einer neuen Phase für den Gazastreifen einleiten, einer Phase des Wiederaufbaus und der Schaffung einer Perspektive für diese zwei Millionen Menschen, die nicht für immer unter diesen Bedingungen leben können.
Das Interview führte Andrea Krogmann.