Israels Botschafter nimmt Pogrom-Gedenken 2023 anders wahr

"Zivilisation oder Barbarei"

Die NS-Novemberpogrome jähren sich 2023 zum 85. Mal. Dieses Gedenken unterscheidet sich nach Worten des israelischen Botschafters in Deutschland, Ron Prosor, aufgrund der aktuellen Geschehnisse in Israel von allen anderen.

Autor/in:
Leticia Witte
Ron Prosor / © Carsten Koall (dpa)
Ron Prosor / © Carsten Koall ( dpa )

"Das Massaker der Hamas-Terroristen am 7. Oktober erinnert uns daran, wie wichtig Demokratie ist. Israel wurde gegründet, damit wir Juden nie wieder erleben müssen, was uns in der Nazi-Diktatur widerfahren ist", sagte Prosor den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Donnerstag).

Nun habe man erlebt, dass Jüdinnen und Juden verbrannt und Mütter mit ihren Kindern hingerichtet worden seien. "Es geht wieder um die Frage: Zivilisation oder Barbarei". Er denke nicht, dass sich Geschichte wiederhole, so der Botschafter.

Vorsicht vor Hamas und Hisbollah 

"Wir haben neue Umstände und neue Akteure. Aber wir müssen der Gefahr in die Augen schauen und dürfen diese Ideologie nicht verharmlosen:

Hamas und Hisbollah sind nicht nur gegen Israel". Die Terrororganisationen nähmen westliche Gesellschaften insgesamt als dekadent wahr, verabscheuten Homosexuelle und wollten Frauen grundlegende Rechte verweigern.

"Wir Juden sitzen nur in der ersten Reihe. Wenn die Deutschen nicht handeln und gegen diese Leute vorgehen, werden sie morgen weinen".

Gedenkveranstaltung in Bezug auf Novemberpogrome 1938

Zum Jahrestag der NS-Novemberpogrome von 1938 wird vielerorts an die Opfer erinnert. Die zentrale Gedenkveranstaltung findet am Vormittag in der Berliner Synagoge Beth Zion statt.

Erwartet werden unter anderen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster.

Zuversicht in Arbeit von Sicherheitskräften schwindet

Angesichts von aktuell grassierendem Antisemitismus schwindet unter Jüdinnen und Juden in Deutschland nach Worten der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, die Zuversicht in die Arbeit von Sicherheitskräften.

"Viele glauben, dass die Verantwortlichen es nicht mehr schaffen, den Hass und die Gewalt gegen Juden einzudämmen", sagte Knobloch dem "Tagesspiegel" (Donnerstag).

Mangelndes Mitgefühl in Deutschland für Opfer der Hamas

Menschen fühlten sich angesichts von Antisemitismus auf heutigen Kundgebungen an Demonstrationen gegen Jüdinnen und Juden in der Weimarer Republik erinnert.

"Ich verstehe das, denn auch beim Aufstieg des Nationalsozialismus spielten antijüdische Kundgebungen eine wichtige Rolle", sagte die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Kritik von Jüdinnen und Juden an einem mangelnden Mitgefühl in Deutschland für die Opfer des Hamas-Terrors stößt beim Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr auf Verständnis.

Katholische Beziehungen zu Judentum

In einem Podcast der Reihe "Mit Herz und Haltung" der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen (Donnerstag) betonte er, dass jüdische Partner "völlig zurecht erwarten, dass wir mithelfen, dass das Erschrecken über das Massaker vom 7. Oktober nicht so schnell verblasst, wie es tatsächlich verblasst".

Neymeyr ist in der katholischen Deutschen Bischofskonferenz für die Beziehungen zum Judentum zuständig. Er warnte davor, dass in Debatten über die aktuelle israelische Kriegsführung im Gazastreifen und deren Legitimität zu schnell vergessen werde, "was für ein grausames Massaker das war".

Nahostkonflikt als Projektionsfläche für Ideologien

In dem Podcast äußerte sich auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek. Zu antisemitischen Vorfällen auf antiisraelischen Demonstrationen sagte er, der Nahostkonflikt sei für zahlreiche extreme Gruppen zu einer "Projektionsfläche für ihre kranken Ideologien" geworden.

Mazyek rief die muslimischen Verbände auf, solchen Antisemitismus aus theologischer Perspektive zu kritisieren. Die Ablehnung von Antisemitismus sei eine Frage der richtigen Auslegung und Ausübung des Glaubens.

Novemberpogrome

Die Novemberpogrome 1938 – bezogen auf die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auch (Reichs-)Kristallnacht oder Reichspogromnacht genannt – waren vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich.

Zerstörte Fenster der Kieler Synagoge nach der Reichspogromnacht (Foto von 1938) / © Stadtarchiv Kiel/Stadtarchiv_kiel (dpa)
Zerstörte Fenster der Kieler Synagoge nach der Reichspogromnacht (Foto von 1938) / © Stadtarchiv Kiel/Stadtarchiv_kiel ( dpa )
Quelle:
KNA