Präses Latzel mit Appell zum Zusammenhalt

"Impfen ist für mich ein Akt der Nächstenliebe"

Die Gesellschaft sei in einer Phase des Übergangs, so der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Wichtig sei es für die Kirchen, die Menschen von der Notwendigkeit des Impfens für die Gemeinschaft zu überzeugen.

Thorsten Latzel / © Federico Gambarini (dpa)
Thorsten Latzel / © Federico Gambarini ( dpa )

DOMRADIO.DE: Es ist eine Zeit des Übergangs im Erzbistum Köln. Wie erleben Sie das?

Latzel: Es gibt Themen, die die katholische Kirche selber klären muss. Ich freue mich sehr, dass wir hier weiter gemeinsam Gottesdienst feiern können. Wir sind in einer Phase des Übergangs als Gesellschaft insgesamt. Die Corona-Zeit erschöpft und ermüdet uns ziemlich. Und das ist wichtig, so ein Zeichen der Hoffnung zu setzen, dass wir aus einem Licht leben, das uns Hoffnung gibt, gerade in einer sehr düsteren Zeit.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet die Adventszeit für Sie persönlich?

Latzel: Ich finde die Adventszeit ist eine der schönsten Zeiten im ganzen Jahr. Man hat so ein Warten, dass etwas kommt. Man feiert zusammen, auch wenn das jetzt in der Corona-Zeit weniger möglich ist, aber zumindest zuhause in der Familie. Das ist eine Zeit des Lichtes, der Besinnung, der Einkehr, auch der Buße, noch mal neu darüber nachzudenken, was im eigenen Leben wichtig ist. Aber sich vorzubereiten auf ein schönes Fest, das kommt, das liebe ich.

DOMRADIO.DE: Haben Sie ein spezielles Ritual?

Latzel: Meine Frau kümmert sich immer darum, dass sie all unseren Kindern etwas schenkt, den Adventskalender macht. Und ich kümmere mich um meine Frau, dass ich einen Adventskalender mache. Und da muss ich mir immer überlegen, was es jeden Tag als Kleinigkeit für sie auch gibt. Und diese Überraschung zu haben, für einen anderen Menschen etwas zu schenken: Natürlich gehört das Plätzchenbacken mit dazu. Dann die Krippe, die so nach und nach wächst mit den Männchen, den Figuren, die alle dazukommen. Das ist sehr schön und da freue ich immer richtig drauf.

DOMRADIO.DE: Angesicht der steigenden Corona-Zahlen – wie wird das Weihnachtsfest dieses Jahr werden?

Latzel: Erstmal ist mir wichtig zu sagen: Impfen ist für mich ein Akt der Nächstenliebe. Sich selbst zu schützen, aber auch vor allem die Nächsten. Auch die Menschen, die den Dienst für die Nächsten tun. Wir müssen alles daran setzen, dass wir unser Gesundheitswesen nicht überlasten, dass wir nicht in diese Grenzfragen kommen.

Wie Weihnachten sein wird? Wir werden weiter darauf achten, wie in der ganzen Corona-Zeit, uns gegenseitig bestmöglich zu schützen. Dafür sind die Voraussetzungen in den verschiedenen Gemeinden sehr unterschiedlich. Wir werden deswegen manche Gottesdienste haben, die sehr strikte Regeln brauchen, gerade wenn sehr viele Menschen da sind. Wir haben andere Kirchen, die einen größeren Raum bieten. Da wird es unterschiedliche Regelungen in unterschiedlichen Gemeinden geben.

DOMRADIO.DE: Die große Debatte mit den Corona-Regeln ist, ob Ungeimpfte ausgeschlossen werden. Wie stehen Sie dazu?

Latzel: Wie gesagt, wir haben Gottesdienste, wo auch Ungeimpfte hinkommen können. Sie müssen dann einen Test haben, damit man sich ausweisen kann. Wir werden andere Gottesdienste haben, wo wir stärker darauf achten müssen, dass wir uns gegenseitig nicht anstecken. Da werden wir immer auf die aktuelle Lage eingehen. Das ist sehr abhängig von den räumlichen Gegebenheiten vor Ort. Wir werden für alle Menschen da sein und müssen trotzdem auf die Gesundheit von unseren Mitmenschen achten.

DOMRADIO.DE: Die Menschen werden jetzt intensiv zum Impfen gedrängt. Bei Ihnen ist die Tür für alle offen?

Latzel: Also erstmal müssen wir sagen: Wir müssen gemeinsam mit allen Menschen durch diese Krise kommen und deswegen müssen wir aufeinander achten. Ich finde, wir sollten da etwas von der Spannung rausnehmen. Woher kommt diese Aggression? Wir wollen uns gemeinsam schützen. Dafür gibt es aber Erkenntnisse aus der Forschung. Auf die sollten wir hören. Das halte ich für notwendig. Aber trotzdem mit den anderen Menschen reden, Ängste nehmen, Türen öffnen. Und wir merken ja doch einfach, wenn wir ständig neue Mutationen haben, werden wir nur dauerhaft aus dieser Pandemie rauskommen, wenn wir uns auch weltweit möglichst stark dagegen schützen. Wir sind in Deutschland in der privilegierten Situation, dass wir da viele Impf-Möglichkeiten haben. Und die sollten wir auch bestmöglich nutzen.

DOMRADIO.DE: In der Predigt haben Sie gesagt, man müsse Brücken überwinden und mit Sündern reden. Ist das auch in der Corona-Zeit der richtige Weg?

Latzel: Wir reden mit allen Menschen weiter. Das sind die Sorgen, auf die wir schauen müssen. Wer hat welche Sorgen, weswegen er sich nicht impfen lässt? Natürlich sprechen wir mit allen Menschen weiter. Das sind ja Christinnen und Christen, Brüder und Schwestern, das sind andere Menschen. Also wir sind als Christinnen und Christen an alle Menschen gewiesen, laden alle Menschen dazu ein und müssen zugleich schauen, wie können wir verantwortlich gemeinsam Gottesdienst feiern, damit wir uns nicht gegenseitig anstecken und, wie gesagt, unser Gesundheitswesen nicht überlasten. Aber alle Menschen sind Schwestern und Brüder für uns, sind eingeladen. Seien wir offen dafür.

DOMRADIO.DE: Kann es gelingen, in den Gemeinden die Menschen vom Impfen zu überzeugen?

Latzel: Impfen ist ja nur ein Thema, das wir haben. Erstmal sind wir Schwestern und Brüder, sind wir Menschen, die zueinander stehen, miteinander sprechen und gerade in der Zeit, die ja viele Menschen sorgt. Wo wir häusliche Gewalt erleben, existenzielle Ängste von Menschen, müssen wir füreinander da sein. Und dann muss man gut aufeinander hören, muss man verstehen, was treibt den anderen Menschen um? Ich glaube, Hinhören ist erst mal etwas ganz Wichtiges, verstehen, nicht in Klischees damit arbeiten, sondern auf den einzelnen anderen Menschen achten und dann versuchen, Brücken zu bauen, dass wir uns bestmöglich schützen. Und da sind wir ja alle auf dem Weg. Ich finde es gut, wenn wir nicht über Ungeimpfte und Geimpfte reden, als wenn wir zwei Klassen von Menschen in Deutschland hätten, sondern es sind Menschen gemeinsam. Wir achten aufeinander, bestmöglich. Aber noch mal zu sagen: Hier sagen uns die Forscher:innen einhellig, dass das der beste Weg ist, wie wir gemeinsam aus der Pandemie herauskommen können.

DOMRADIO.DE: Kirchenaustritte betreffen sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche. Wie können Sie das Ruder herumreißen?

Latzel: Erst mal sind das einzelne Entscheidungen von Menschen. Und jede davon tut uns leid, wenn ein Mensch aus der Kirche austritt. Wir sind in einer Verantwortungsgemeinschaft zusammen. Insofern treten auch manche Menschen aus der evangelischen Kirche aus, wenn man sich über die katholische Kirche ärgert. Aber erst mal gibt es auch eigene Gründe. Wir müssen auf jeden einzelnen Menschen zugehen, einladen, sagen, wieso es gut ist, dass wir zusammenstehen. Und ich glaube, wir haben eine starke Botschaft, gerade in dieser Zeit, die viele Menschen nicht nur wegen Corona ängstigt, sondern auch wegen vielen politischen Ereignissen weltweit, wegen ökologischen Krisen. Da sollten wir den Menschen die Hoffnung geben und bei uns unsere Hausaufgaben in jeder Kirche für sich machen, die wir tun sollen. Aber da hat jede Kirche ihre eigenen Hausaufgaben.

Das Interview führte Tobias Alshomer.

Quelle:
DR
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