Bestattungen unter Corona-Bedingungen

Hunger nach Nähe und Trost

Die Corona-Regeln erschweren auch Bestattungen und Trauerfeiern. Das zwingt Menschen, auf viele gewohnte und tröstende Rituale zu verzichten. Ein Pfarrer sagt: "Das Bedürfnis, sich zu berühren, bricht immer wieder durch."

Autor/in:
Sebastian Stoll
Frau mit Mundschutz und Grablicht auf einem Friedhof / © lusia599 (shutterstock)
Frau mit Mundschutz und Grablicht auf einem Friedhof / © lusia599 ( shutterstock )

Wenn Trauerbegleiterin Birgit Aurelia Janetzky eine Trauerrede hält, dann sind fast immer Plätze frei - das muss so sein, weil die Corona-Regeln festlegen, dass bei ihr im badischen Emmendingen nicht mehr als 25 Menschen einem Verstorbenen in der Kapelle das letzte Geleit geben dürfen. Und das schmerzt - diejenigen, die nicht dabei sein können, wie auch diejenigen, die ohne diese Menschen in der Kapelle sitzen müssen.

"Ich kann dann zum Beispiel Menschen inhaltlich einbinden, indem ich sage: 'Es wären gerne mehr gekommen. Die nehmen wir mit im Herzen hinein", sagt Janetzky. "Ich habe aber auch schon einen Livestream zu Angehörigen in den USA eingerichtet."

Trauer unter Corona-Bedingungen

Wenn zu Corona-Zeiten ein Mensch stirbt, ist das Abschiednehmen bei der Trauerfeier und Bestattung nicht so, wie man es sonst kennt. Denn Abstand halten und Maske tragen, gilt natürlich auch hier - nur dass bei Bestattungen Menschen in ihren persönlichsten Momenten davon betroffen sind.

Welche Einschränkungen gerade gelten und welche nicht, das ändert sich und kann von Land zu Land verschieden sein. Derzeit ist es etwa meist verboten, mit einer Schaufel Erde auf das Grab eines Verstorbenen zu werfen, auch das anschließende Beisammensein zum Kaffeetrinken ist nicht möglich.

Verordnungen ändern sich schnell

Peter Lang, der die Friedhofsverwaltung im schleswig-holsteinischen Neumünster leitet, muss sich laufend informieren: "Wir gehen mindestens zweimal in der Woche online und prüfen, ob sich an der Verordnung des Landes etwas geändert hat. Das kann schnell gehen", sagt er. Sein Team muss nicht nur für die Trauernden da sein, sondern zugleich auch aufpassen.

Doch wie ermahnt man jemanden, der gerade in tiefer Trauer ist, doch bitte auf dem Friedhof seine Maske zu tragen? "Meine Mitarbeitenden sind da sehr sensibel. Von Ermahnungen möchte ich nicht sprechen, nur von Hinweisen."

Manches geht einfach nicht

Es sei aber auch schon vorgekommen, dass man Trauernden den Zugang zur Kapelle habe verweigern müssen - einfach, weil es zu voll war. "Gerade am Anfang hat das oft zu großen Irritationen geführt. Inzwischen sind viele Leute aber einsichtig. Sie sind den Umgang mit Corona schon gewöhnt", sagt Lang. Ihn persönlich schmerze sehr, dass man kein "Friedhofsmobil" anbieten könne: "Damit haben wir sonst immer Menschen, die nicht so gut zu Fuß waren, zu Hause abgeholt. Das macht es gerade für Ältere jetzt oft ganz schwer."

"Das Bedürfnis, sich zu berühren, bricht immer wieder durch."

Olaf Nöller, evangelischer Pfarrer in Mönchengladbach-Rheydt, erlebt derzeit eine besonders große Trostbedürftigkeit: "Normalerweise gibt es bei Beerdigungen so viel Körperkontakt. Die Menschen möchten einfach zusammenkriechen", sagt er. Das sei jetzt nicht möglich und werde von vielen vermisst. "Die Menschen hätten eine andere Beerdigung verdient, mit viel mehr Aufmerksamkeit." Man suche derzeit nach Formen, das einmal nachzuholen - etwa mit einem Jahresgedächtnis.

Der Pfarrer erlebt diesen Hunger nach Nähe an vielen Stellen. Trifft er sich vor einer Beerdigung mit Angehörigen, trügen alle zumeist Masken. "Aber dann wollen mir viele Menschen gerne einen Kaffee anbieten. Wenn ich dann frage, wie ich ihn trinken soll, heißt es: 'Ach, die Maske können Sie dafür ruhig abnehmen.'" Ähnlich sei es, wenn man ihm bei der Verabschiedung die Hand geben wolle - was oft geschehe. "Das Bedürfnis, sich zu berühren, bricht immer wieder durch."

Die Kraft der Rituale

Die Einschränkungen, Abstände, das Wegfallen von Möglichkeiten - all diese Dinge können sich auf den Trauerprozess auswirken, sagt Anette Kersting, Professorin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. "Rituale kanalisieren Gefühle, die sich schwer in Worte fassen lassen. Sie können helfen, Gefühlen Raum zu geben."

Normalerweise gebe es gerade bei einer Trauerfeier sehr viele Rituale, sie würden Angehörigen und Freunden des Verstorbenen ermöglichen, die Situation zu erfassen - und auch, wieder in die Zukunft zu sehen. "Mit der Bestattung beginnt eine neue Phase des Trauerprozesses. Manche Menschen fühlen sich alleingelassen, wenn sie die dazugehörigen Rituale nicht haben."

Ob dies mittelfristig zu einer Zunahme etwa psychischer Erkrankungen führen könnte, das könne man noch nicht sagen. "Das ist einfach noch nicht evaluiert. Mit Sicherheit kann man sagen, dass die akute Trauersituation erschwert ist", sagt Anette Kersting. Allerdings seien nicht für alle Menschen Rituale gleich wichtig - und es sei vielfach möglich, den Verlust eines Rituals durch Einfallsreichtum und Kreativität auszugleichen.

Es braucht Kreativität

Das hat auch Trauerbegleiterin Birgit Aurelia Janetzky erlebt. Oft ist sie verblüfft, was Menschen einfällt, um trotz der Umstände angemessen Abschied zu nehmen - gerade, wenn es nur ganz kleine Gesten sind. Erde dürfe ja deswegen nicht ins Grab geworfen werden, weil die Schaufel ein Kontaktpunkt sei. "Viele haben stattdessen nun eine Schale mit Blütenblättern neben dem Grab. Eine Familie ist sogar auf die Idee gekommen, dass jeder einen bemalten Stein mitbringt und auf das Grab stellt." Das empfehle sie jetzt auch anderen Trauernden.


Quelle:
epd
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