Hochschulseelsorge kämpft mit Corona-Folgen

Von der Sehnsucht nach Gemeinschaft

Vom Hörsaal zu Zoom: Viele Studierende haben fast zwei Jahre lang die Uni kaum betreten. Wie kümmert man sich um die Seelen derer, die das Studium nur im Internet kennen? Nachgefragt in einigen Hochschulgemeinden des Landes.

Studierende in einem Hörsaal / © Cristian Gennari/Romano Siciliani (KNA)
Studierende in einem Hörsaal / © Cristian Gennari/Romano Siciliani ( KNA )

Vier Semester lang kannten sie sich nur als Köpfe mit ein wenig Oberkörperansatz, gepresst in kleine Kacheln. Für viele Studierende ist die Zeit der Corona-Pandemie gleichzusetzen mit digitalen Vorlesungen, Online-Seminaren und wenig Möglichkeiten zum direkten Austausch. Nun öffnen die Hochschulen wieder ihre Türen. Hindurch schreiten Studierende, die zwar kurz vor ihrem Bachelor-Abschluss stehen, den Hörsaal aber zum ersten Mal betreten.

"Viele Erfahrungen, die Studierende normalerweise machen, sind ausgeblieben. Das muss jetzt alles aufgefangen werden", sagt Kilian Schlattmann mit Blick auf das beginnende Sommersemester. Der Hochschulseelsorger im Bistum Essen plant gemeinsam mit den Studierenden die Angebote für die nächsten Monate. Vieles ist noch offen. "Die Hauptsache ist, dass Menschen wieder zueinanderkommen können", betont der Theologe und spricht von einer "unglaublichen Sehnsucht nach Vergemeinschaftung".

Vereinsamung und Sehnsucht

Smartphone und Laptop / © GaudiLab (shutterstock)

In Münster offenbart sich ähnliches. Die dortige Katholische Studierenden- und Hochschulgemeinde (KSHG) ist einer der größten in Deutschland. Pastoralreferentin Hanna Liffers spricht von Vereinsamung und der Sehnsucht junger Menschen nach Gemeinschaft. Da setzen die Aktionen in den kommenden Wochen und Monaten an: "möglichst Angebote in Präsenz, sich wieder neu kennenlernen, direkte Interaktion."

Einfach ist das nicht immer. Hochschulgemeinden sind Orte mit hoher Fluktuation, die auch deswegen funktionieren, weil Studierende ihr Wissen an die nächste Generation weitergeben. Während Corona wurde dieser Wissenstransfer erschwert. Liffers sieht darin aber auch eine Chance.

"Das Argument 'Das haben wir immer so gemacht' zählt nicht mehr so viel, wenn die Studierenden beispielsweise Gottesdienste und Feste gar nicht ohne Corona kennen", sagt sie - nun könne Neues entstehen.

Digitale Lehren

Nicht mehr wegzudenken ist dabei das Internet. Corona habe gelehrt, dass der digitale Raum "ein echter Raum ist, der auch weiterhin bespielt werden muss".

In Essen war das Internet schon vor der Pandemie Bestandteil der Seelsorge, die für rund 25 Hochschulstandorte im Ruhrgebiet zuständig ist. Schon 2017 wurden dort die Angebote neu konzipiert, ein Jahr später ging "CampusSegen" an den Start: eine neue Form von Hochschulseelsorge, die auch auf Digitalität setzt.

In Essen und Bochum hat das Projekt noch feste Standorte, wo unter anderem die Caritas psychosoziale Beratung durchführt. Die beiden anderen Standbeine sind Digitalität und Mobilität. Eine typische Hochschulgemeinde würde im Ruhrgebiet nicht funktionieren, meint Seelsorger Schlattmann. "Wenn sie in Bottrop jemandem etwas von 'katholisch' und 'Gemeinde' erzählen, haben sie keinen guten Ausgangspunkt."

Die Essener setzen zum Beispiel auf Videobotschaften und Bilder auf Instagram. Außerdem tourt das Team durch die Hochschulen und zeigt, dass sie Anlaufstelle für alle sein wollen. Angeboten wird, wonach Bedarf besteht. Und aktuell sind das vor allem Veranstaltungen, bei denen Menschen zusammenkommen.

Defizite aufholen

Hochschulausgaben 2020 um 6 Prozent gestiegen

Im Jahr 2020 haben öffentliche, private und kirchliche Hochschulen in Deutschland insgesamt 64,4 Milliarden Euro ausgegeben. Damit stiegen die Ausgaben für Lehre, Forschung und Krankenbehandlung gegenüber dem Vorjahr um 6 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte.

Studenten im Hörsaal (dpa)
Studenten im Hörsaal / ( dpa )

Von einer "kompletten digitalen Übersättigung" spricht die Leiterin der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Mannheim, Kathrin Grein. Die Pastoralreferentin befürchtet, dass viele Studierende nach dem Bachelorabschluss die Uni verlassen - denn das, was sie in den letzten zwei Jahren als Studium kennengelernt hätten, lasse viele verzweifeln.

Grein tat, was auch andere taten: Angebote ins Internet verlegen, Spaziergänge anbieten, Gottesdienste unter strengen Corona-Auflagen feiern, telefonisch erreichbar bleiben. Es sei schwierig gewesen, neue Studierende zu erreichen, weil die Kontaktmöglichkeiten fehlten.

Das aufzuholen sei nun ein erster Schritt im neuen Semester. Doch was die letzten zwei Jahre für Spuren hinterlassen haben, kann Grein noch nicht überblicken. Ihr Essener Kollege spricht davon, dass es vermehrt zu Kriseninterventionen wegen Suizidgedanken kam. Und eine noch längst nicht beendete "massive Not", nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, stellt Hanna Liffers in Münster fest.

Und die Lichtblicke? Die gibt es auch. Schlattmann etwa zeigt sich überwältigt von vollen Gottesdiensten: "Bemerkenswert finde ich dabei, dass es nicht um einen Event-Charakter geht, sondern dass gerade bei Gottesdiensten die Basics des Katholischen absolut ausreichen."

Autor/in:
Annika Schmitz
Quelle:
KNA