Hilfswerk Adveniat verurteilt Repressionen in Nicaragua

"Die Lage ist äußerst bedrohlich"

In Nicaragua sitzt der regierungskritische Bischof Rolando Alvarez seit Monaten in Gewahrsam. Wann der Prozess gegen ihn beginnt, ist unklar. Die Kirche werde in dem Land mundtot gemacht, kritisiert das katholische Hilfswerk Adveniat.

Polizei und Behörden gehen hart gegen die katholische Kirche in Nicaragua vor. / © Jeiner Huete_P (shutterstock)
Polizei und Behörden gehen hart gegen die katholische Kirche in Nicaragua vor. / © Jeiner Huete_P ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Wofür steht Bischof Álvarez? 

Inés Klissenbauer, Mittelamerika-Referentin bei Adveniat (Adveniat)
Inés Klissenbauer, Mittelamerika-Referentin bei Adveniat / ( Adveniat )

Inés Klissenbauer (Mittelamerika-Referentin beim katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat): Bischof Álvarez, aus Managua stammend, 56 Jahre alt, gehört zu den jüngeren Bischöfen Nicaraguas. Er hat in Rom und in Guatemala studiert und fällt schon seit Jahren damit auf, dass er Proteste gegen ein Goldminen-Werk anführt, das die Regierung geplant hat und das zu erheblichen Umweltzerstörungen und zu Vertreibungen führen würde. Von daher ist er schon als Bischof bekannt, der das Zeitgeschehen kritisch begleitet.

Außerdem ist er vor allem seit dem politischen Konflikt 2018 bei der Regierung in Verruf geraten, weil die Regierung anderslautende Positionen und Meinungen nicht duldet und er sich immer wieder gegen die Gewalt, gegen die Menschenrechtsverletzungen der Regierung offen ausgesprochen hat. 

Inés Klissenbauer, Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat

"Von daher hält sich die Kirche offiziell sehr zurück - auch der Papst. Man versucht, einen Verhandlungsweg einzuschlagen."

DOMRADIO.DE: Wie genau lautet jetzt der Vorwurf gegen den Bischof, wenn wir auf diesen Prozess, der da kommen wird, blicken? 

Klissenbauer: Es wird ihm vorgeworfen, Falschnachrichten zu verbreiten, außerdem die Verschwörung zur Untergrabung der nationalen Integrität. Es ist also eine ganz schwerwiegende Anklage, die auch anderen inhaftierten Priestern im Moment zuteil wird.

Damit subsumiert man seine Haltung gegenüber der Regierung, seine kritischen Äußerungen und dass er eben die Menschen aufruft, gegen die Regierung aufzutreten. 

DOMRADIO.DE: Jetzt, so heißt es, hat sich der Vatikan eingeschaltet und im Fall Álvarez mit der sandinistischen Regierung Kontakt aufgenommen. Was wissen Sie darüber und wie bewerten Sie das? 

Papst Franziskus (l.); Kardinal Leopoldo Jose Brenes Solorzano (m.), Erzbischof von Managua (Nicaragua) und Jose Silvio Baez Ortega (r.), Weihbischof in Managua im Jahr 2017 / © Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus (l.); Kardinal Leopoldo Jose Brenes Solorzano (m.), Erzbischof von Managua (Nicaragua) und Jose Silvio Baez Ortega (r.), Weihbischof in Managua im Jahr 2017 / © Romano Siciliani ( KNA )

Klissenbauer: Es heißt, dass sich der Vatikan in Gesprächen mit der Regierung befinden soll. Es ist nichts Neues, dass der Vatikan über die Lage in Nicaragua sehr genau informiert wird. So heißt es auch aus Managua.

Es wird sicherlich angestrebt, mit der Regierung in Kontakt zu bleiben und irgendwie Chancen auszuloten. Der Papst hat sich sehr spät geäußert, auch Kardinal Leopoldo Brenes, der Erzbischof von Managua, und andere wichtige Kirchenvertreter sind sehr zurückhaltend - bis auf Bischof Álvarez, dem jetzt der Prozess gemacht wird und Weihbischof Silvio Baez, der ins Exil gehen musste.

Von daher hält sich die Kirche offiziell sehr zurück, auch der Papst. Man versucht, einen Verhandlungsweg einzuschlagen. 

Adveniat

Das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, Adveniat, steht für kirchliches Engagement an den Rändern der Gesellschaft und an der Seite der Armen. Dazu arbeitet Adveniat entschieden in Kirche und Gesellschaft in Deutschland. Getragen wird das Werk von hunderttausenden Spenderinnen und Spendern – vor allem auch in der alljährlichen Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember. Adveniat finanziert sich zu 95 Prozent aus Spenden.

Eröffnung der Adveniat-Aktion 2016 / © Rolf Vennenbernd (dpa)
Eröffnung der Adveniat-Aktion 2016 / © Rolf Vennenbernd ( dpa )

DOMRADIO.DE: Die katholische Kirche hat in Nicaragua ein schwieriges Standing. Wie äußert sich das konkret? 

Klissenbauer: Die Kirche ist ganz stark den Repressionsgesetzen ausgesetzt. Die Regierung hat, angelehnt an das russische Regime, zu Hauf Repressionsgesetze verabschiedet, bei denen freie Meinungsäußerung unter Strafe gestellt wird.

Über 3.000 Nichtregierungsorganisationen und auch kirchliche Organisationen wurden inzwischen geschlossen. Es gab rund 400 tätliche Attacken gegen Kirchen und kirchliche Institutionen. Prozessionen sind inzwischen verboten. Die Kirche muss praktisch im Verborgenen agieren. Sie darf nicht mehr öffentlich auftreten und sich nicht äußern.

Viele Priester sind außer Landes geflohen. Teilweise wird ihnen die Einreise zurück verweigert. Elf sitzen in Haft. Einigen ist schon der Prozess gemacht worden, mit hohen Strafen.

Die Kirche wird mundtot gemacht, sie wird angefeindet. Die Bischöfe wurden als Terroristen und Umstürzler verunglimpft. Von daher ist die Lage äußerst bedrohlich.

DOMRADIO.DE: Was können Sie von Adveniat, als kirchliches Hilfswerk da tun, um lokale Partner trotz aller Widrigkeiten zu unterstützen? 

Inés Klissenbauer, Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat

"Die Kirche muss praktisch im Verborgenen agieren. Sie darf nicht mehr öffentlich auftreten, sie darf sich nicht äußern."

Polizisten stehen Wache vor der Kathedrale in Managua, Nicaragua / © Uncredited/AP (dpa)
Polizisten stehen Wache vor der Kathedrale in Managua, Nicaragua / © Uncredited/AP ( dpa )

Klissenbauer: Wir sind natürlich auch betroffen von den Repressionen der Regierung. Wir können einige Institutionen nicht mehr fördern, deren Rechtspersönlichkeit entzogen wurde.

Auf der anderen Seite haben wir noch Möglichkeiten, über die Kirche verschiedene Projekte im Gesundheitswesen und im Bildungswesen zu unterstützen. Es wird sehr genau geguckt, woher die Gelder kommen, was damit gemacht wird.

Aber im caritativen Bereich, im Gesundheitsbereich und anderen Bereichen ist es auf jeden Fall noch möglich zu unterstützen. Das tun wir tatkräftig und versuchen natürlich, den Kontakt zu unseren Partnern beizubehalten und auch unsere Solidarität auszudrücken. 

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Quelle:
DR