Theologie-Professorin bewertet Trumps Verhalten vor der US-Wahl

Hat die Krankheit ihn verändert?

Die eigene Corona-Infektion hat US-Präsident Donald Trump überstanden. Seine Sicht auf die Pandemie scheint sich aber nicht verändert zu haben. Wie wirkt Trump auf seine religiösen Wähler? Einschätzungen von Theologie-Professorin Judith Gruber.

Donald Trump, Präsident der USA, auf dem Balkon des Weißen Hauses / © Alex Brandon/AP (dpa)
Donald Trump, Präsident der USA, auf dem Balkon des Weißen Hauses / © Alex Brandon/AP ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wie bewerten Sie das Gebaren des US-Präsidenten im Moment?

Prof. Dr. Judith Gruber (Fakultät für Theologie und Religionsstudien an der Universität in Leuven in Belgien): Ich denke, wir sehen hier überhaupt nichts Überraschendes. Er versucht, genau die Rolle zu bespielen, die ihn für seine Kernwählerschaft attraktiv macht. Das ist eben dieses scheinbar starke Auftreten, das eine in diesem Fall vielleicht tatsächlich toxische Männlichkeit widerspiegelt. Er kann sich nicht verwundbar zeigen, er kann keine Abhängigkeiten zeigen. Aber das ist das, was ihn bei seiner Kernwählerschaft attraktiv macht.

Aber ich denke, wir sehen auch etwas, das sich durch diese vier Jahre seiner Regierungszeit auch durchgezogen hat sehr stark: Das ist ein sehr ungewöhnlicher Umgang mit Fakten. Es werden hier Expertisen, medizinische Expertisen missachtet, eigene Fakten geschaffen. Er hat sehr lange nicht deutlich gesagt, ob er jetzt wirklich negativ getestet wurde, ob er noch ansteckend ist. Hier sehen wir ganz stark diese Missachtung von Expertenwissen, die ganz gezielt eingesetzt wird. Nichts Überraschendes, denke ich.

DOMRADIO.DE: Jetzt habe ich mich beim Bekanntwerden seiner Infektion tatsächlich dabei ertappt, kurz zu denken: Es ist vielleicht ganz gut, wenn er einen Schreck bekommt. So ein Schuss vor den Bug, wenn er merkt, dass das keine Erkältung ist. – Ein christlicher Gedanke ist das aber natürlich auch nicht, oder?

Gruber: Da betreten wir wirklich ein schwieriges Gebiet, wenn wir so denken würden. Ich denke aber, es gibt Erfahrungswerte. Bei Boris Johnson, dem englischen Premierminister hat es ja so ein Umdenken gegeben. Er ist denn auch wirklich von einem sehr laxen Umgang mit der Pandemie umgeschwenkt.

Es überrascht mich aber nicht, dass Trump das genau nicht tut. Ich denke, das hat sehr viel mit Psychologie und mit seiner Persönlichkeitsstruktur zu tun. Aber es ist auch ganz interessant, dass vielleicht auch eine spezifische Religiosität vielleicht dahintersteckt. Seine Nichte Mary Trump hat in Ihrem Enthüllungsbuch über Trump vor Kurzem auch beschrieben, dass für seinen Vater gerade aus religiösen Gründen Krankheit ein Tabu war. Es war für ihn wirklich aus religiösen Gründen ein Tabu, Schwäche zu zeigen. Das prägt sich ganz stark durch das Leben Trumps hindurch, aber erklärt auch, wie er die Pandemie politisch behandelt.

Es ist kein christlicher Gedanke, zu hoffen, dass er davon lernt oder zu hoffen, dass er durch diese Schwäche gehen muss. Aber man muss trotzdem, denke ich, auch dieses große Ganze im Bild haben. Es geht nicht nur um individuelles Heil, sondern auch um das "common good" (das Gemeinwohl, d. Red.), wie man in Amerika in der Soziallehre schreiben würde. Es gilt also, das gute Leben für alle hier eben wirklich auch im Bild zu behalten.

DOMRADIO.DE: Man hat den US-Präsidenten ja wirklich sehr oft auch ohne Mund-Nasen-Schutz gesehen. Bei der Vorstellung der erzkonservativen katholischen Richterin Amy Coney Barrett hat sich ja im Nachhinein sogar gezeigt, dass das so ein Super-Spreader-Event im Weißen Haus war. Trump hat ja wirklich auch Menschen immer wieder in Gefahr gebracht. Hat er damit dann nicht auch unheimlich viel Vertrauen verspielt, bei seinen religiösen Anhängern zum Beispiel?

Gruber: Ich denke mir, das wäre so eine normale Art, die Lage einzuschätzen. Was uns die letzten vier Jahre aber sehr stark gezeigt haben, ist, dass in den Augen seiner Anhänger nichts Trump als fragwürdig erscheinen lässt. In der Nachfolge Trumps geht es nicht um ein vorsichtiges, rationales Abwägen seiner Handlungen, sondern einfach darum, dass er tief sitzende Ressentiments bedient, für die er ein Ventil bietet. Das wird ganz stark über diese religiös-konservative Schiene bespielt. Hier muss Trump liefern. Deshalb auch die Bestellung der Richterin Amy Coney Barrett. Er liefert hier auf der religiös-konservativen Agenda, aber ich glaube viel subtiler geht es darum, dass er ein Ventil für Ressentiments bietet.

Hier ist vielleicht auch ganz wichtig, zu überlegen, dass es hier nicht nur um religiöse Wählerschaften geht, nicht nur um religiöse Agenden. Wie die Umfragen und die auch die Statistiken nach der 2016er Wahl stark gezeigt haben, geht es auch um die Frage, wie sich das auch mit Rasse überschneidet, also dass hier ganz tief sitzende rassistische Ressentiments auch bedient werden. Also vielleicht ganz kurz zusammenfassend: Diese Frage nach der Fragwürdigkeit bespielt viel zu sehr die rationale Ebene, die im Umgang mit Trump einfach nicht Sinn macht, nicht greift. Und das ist genau das Gefährliche.

DOMRADIO.DE: Aber was ist mit der emotionalen Ebene? Wie wirkt so etwas auf Menschen, die vielleicht schon jemanden an Covid-19 verloren haben?

Gruber: Ich glaube, das ist eine ganz wichtige Frage. Aber sie zeigt eben auch, dass diese Pandemie noch einmal in großen politischen Zusammenhängen zu sehen ist. Natürlich würde ihn das unterminieren. Aber genau deshalb gibt es diese Bespielung dieser toxischen Männlichkeit, dieser Unverletzlichkeit. Auch in dieser schwierigen Situation will er sich immer noch als Held darstellen können. Wir sehen aber, dass die Pandemie wirklich auch die Spaltungen in der US-Gesellschaft sehr stark betont.

Da sehen wir natürlich, dass die Behandlung, die Trump erhalten hat, sonst wirklich keinem offen steht. Und hier werden wirklich noch einmal gesellschaftspolitische Fragen gestellt, die ganz stark auf dem Spiel stehen. Also: Was ist der Status des Gesundheitssystems? Wie können Amerikanerinnen und Amerikaner überleben, wenn einfach kein universales Gesundheitssystem besteht?

Das Interview führte Verena Tröster.

Prof. Dr. Judith Gruber (privat)
Prof. Dr. Judith Gruber / ( privat )
Quelle:
DR
Mehr zum Thema