Gauck fordert mutige Bürger gegen Rechtsextremismus

Gedenken an Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen

Bundespräsident Gauck nennt es ein "Brandmal für Rostock": Vor 20 Jahren gab es in Rostock-Lichtenhagen schwere fremdenfeindliche Ausschreitungen. Am Wochenende erinnerten Tausende Menschen an das Pogrom und warben für Toleranz.

 (DR)

20 Jahre nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen hat Bundespräsident Joachim Gauck bei der zentralen Gedenkveranstaltung in der Hansestadt zum Engagement gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit aufgerufen. Die Ereignisse von 1992 erzürnten und schmerzten ihn und seien bis heute "ein Brandmal für Rostock", sagte der Bundespräsident am Sonntag. Wichtig seien mutige Bürger, die nicht wegschauen, und ein Staat, der fähig und willig ist, das Leben und die Würde der Menschen zu schützen. Hass dürfe niemals als Konfliktlösungsmittel geduldet werden, betonte der Bundespräsident, der selbst aus Rostock stammt und seit kurzem auch Ehrenbürger der Stadt ist. Die Demokratie dürfe sich das Gewaltmonopol niemals aus der Hand nehmen lassen. An vielen Orten in Deutschland seien seit den 90er Jahren Initiativen für Demokratie entstanden. Dennoch bleibe die Gegenwart infiziert mit Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt. "Wir fürchten euch nicht", sagte das Staatsoberhaupt an die Rechtsextremisten gewandt. "Unsere Heimat kommt nicht in braune Hände." Wachsamkeit gegenüber Ängsten An der Gedenkveranstaltung mit mehreren hundert geladenen Gästen nahmen rund 2.000 Menschen teil, darunter auch vier Vietnamesen, die bei den Ausschreitungen 1992 in Lebensgefahr waren. Gauck rief zugleich zur Wachsamkeit gegenüber Ängsten vor Fremden auf. Bis heute seien Fragen von Asyl und Zuwanderung häufig Anlässe für Polemik und Panikmache, sagte der Bundespräsident, dessen Rede kurze Zeit von Sprechchören mit Vorwürfen wie "Heuchler" begleitet wurde. Deutschland sei jedoch ein Zuwanderungsland geworden, betonte Gauck. Über das Maß der Zuwanderung könne und müsse man sich dabei einigen. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) sagte bei der Gedenkveranstaltung, an den "furchtbaren Ereignissen am Sonnenblumenhaus" gebe es "nichts zu beschönigen, nichts zu rechtfertigen, nichts zu relativieren". Das Geschehene "mahnt und verpflichtet uns bis heute und auch in Zukunft". Mahneiche gepflanzt Die Gewalttaten hätten das Land verändert, betonte Sellering. "Wir sind aufmerksamer geworden." Die Mehrheit der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern stehe für ein weltoffenes und tolerantes Land. Fremdenfeindlichkeit und rechtsextremes Gedankengut bestünden jedoch weiter. Sellering rief dazu auf, die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus souverän zu führen. An die Ausschreitungen im August 1992, bei denen unter dem Beifall von Anwohnern ein Wohnhaus von Vietnamesen in Brand gesetzt worden war und rund 150 Menschen in Lebensgefahr gerieten, war in Rostock bereits am Samstag mit mehreren Veranstaltungen erinnert worden. Am Rathaus wurde eine Gedenktafel angebracht. Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) bezeichnete die neue Gedenktafel als "längst überfällig". In der Hansestadt dürfe und werde es nie wieder Spielraum für Extremisten geben. An einem Demonstrationszug zum Sonnenblumenhaus nahmen am Samstag mehrere tausend Menschen teil, die Polizei sprach von rund 5.000, die Veranstalter von 6.500 Teilnehmern. Unmittelbar vor der Gedenkveranstaltung am Sonntag führte eine Fahrradsternfahrt mit etwa 1.500 Teilnehmern zum Sonnenblumenhaus, wo eine Eiche zur Erinnerung an das Pogrom gepflanzt wurde. Eine davor aufgestellte Plakette hat folgenden Wortlaut: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.In Gedenken an die Ausschreitungen vom August 1992." (Das Zitat stammt aus der UN-Menschenrechtscharta, die am 10. Dezember 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Dieses Datum wird seitdem als Internationaler Tag der Menschenrechte begangen.) Der etwa 20 Jahre alte Baum wurde anlässlich der Gedenkfeier in der Nähe jenes Hauses gepflanzt, das damals tagelang von einem Mob belagert und schließlich angezündet wurde.Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider und die Rostocker Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens wiesen die Kritik antifaschistischer Bündnisse zurück, die Eiche sei ein Symbol des deutschen Patriotismus und kein Zeichen der Völkerverständigung. In Rostock gebe es bereits eine Friedenseiche seit 1870, sagte Jens. Auch die Eiche von Lichtenhagen sei nun solch ein Mahnmal.