DOMRADIO.DE: Das Buch "Der Herr hält unsere Hand" enthält bisher unveröffentlichte Predigten von Benedikt XVI., die er während seiner Amtszeit als Papst, aber auch in den ersten Jahren nach seinem Rücktritt im kleinen Kreis hielt. Hat er da anders gepredigt als wenn er vor Tausenden Gläubigen auf dem Petersplatz oder beim Weltjugendtag sprach?
Erzbischof Georg Gänswein (seit 2024 Apostolischer Nuntius für Litauen, Estland und Lettland, ehemaliger Privatsekretär von Papst Benedikt XVI.): Der Unterschied lag darin, dass es bei uns in der Kapelle kein Mikrofon gab, im Gegensatz zu Großveranstaltungen. Aber in Stil und Inhalt gab es keinen Unterschied, Benedikt hat im kleinen Kreis genauso gepredigt wie vor großen Menschenmengen.
DOMRADIO.DE: Der frühere Vatikansprecher Federico Lombardi schreibt in seiner Einleitung zu dem Buch, dass diese bislang unveröffentlichten Predigten "diskret" aufgezeichnet wurden. Das heißt, Benedikt wusste nichts davon?
Gänswein: Ja, darüber habe ich Pater Lombardi informiert: Benedikt wusste nichts von den Aufzeichnungen. Ich war damals überzeugt: Wenn wir das Geschenk haben, Benedikt in einem kleinen Kreis predigen zu hören, sollten wir das aufzeichnen, wofür auch immer. Das war 2005, im ersten Jahr seines Pontifikats, und ich wusste damals nicht, wofür diese Predigten eines Tages gut sein würden. Benedikt wusste bis zu seinem Tod nichts von der Aufzeichnung seiner Predigten.
DOMRADIO.DE: Im vorliegenden Buch sind die Predigten zur Fasten- und zur Osterzeit enthalten. Gibt es eine Predigt, die Sie besonders beeindruckt hat?
Gänswein: Es sind sehr viele Predigten, die mich beeindruckt haben, aber in besonderer Weise ist es die Predigt im Ostertriduum, sie findet sich in dem Buch auf Seite 121: Die Emmaus-Geschichte, die Papst Benedikt in seiner Predigt in Castel Gandolfo ausgelegt hat, unter dem Titel "Emmaus. Immer Karfreitag und immer Ostern". Diese Predigt hat er im März 2013 gehalten, das war der erste Monat nach seinem Rücktritt, da waren natürlich die Emotionen noch in besonderer Weise vorhanden.
Mir sind seine Predigten sehr wichtig, ich lese sie regelmäßig im Laufe des liturgischen Jahres, sie sind wie ein Vademecum für mein geistliches Leben. Es ist für mich eine große Inspiration, Auslegungen von Bibeltexten mit dieser geistlichen Tiefe zu lesen. Das tut meinem geistlichen Leben gut, aber es inspiriert mich auch für meine eigene Predigttätigkeit.
DOMRADIO.DE: Sie haben Benedikt Jahrzehnte begleitet, schon als junger Seminarist haben Sie seine Texte gelesen. Sehen Sie im Laufe der Jahre eine Veränderung oder Entwicklung in seinen Predigten?
Gänswein: In den bislang unveröffentlichten Predigten sind um die 30 enthalten, die er als regierender Papst gehalten hat. Alle anderen hat er als Emeritus gehalten. Da sehen Sie keinen Unterschied. Die Kontinuität in der Verkündigung des Wortes Gottes, dieses Mannes, der sein Leben lang das Wort Gottes gelesen, meditiert, studiert und gepredigt hat, ist für ihn sozusagen zur zweiten Natur geworden. Darin liegt der große Schatz, den er uns weitergegeben hat.
Natürlich hat eine Predigt immer einen Anlass, einen Zielpunkt, auf den das Wort Gottes hin ausgelegt wird. Aber es gibt keinen Sprung in der Art und Weise, wie Benedikt das Wort Gottes ausgelegt hat. Er hat nicht versucht, politisch zu predigen oder bestimmte politische Schwerpunkte zu setzen. Er wollte das Wort Gottes in einer verständlichen und hilfreichen Form vermitteln, die den Menschen das tägliche Leben leichter macht.
DOMRADIO.DE: Das heißt, dass - wie häufig geschrieben - Joseph Ratzinger nach 1968 eine deutliche Wandlung von einem eher liberalen Konzilstheologen zu einem konservativen Verteidiger des katholischen Glaubens vollzogen haben soll, können Sie in seinen Predigten nicht nachvollziehen?
Gänswein: Die Aufteilung in den frühen, progressiven und in den späteren, konservativen Ratzinger ist ein Narrativ, das von bestimmter Seite in die Welt gesetzt wurde. Das ist nicht nur meine persönliche Meinung. Wer seine Texte liest - nicht nur die Predigten - egal, ob es sich um Texte aus den 1960er oder 1990er Jahren handelt, der wird keinen Bruch, sondern die Kontinuität finden.
DOMRADIO.DE: Wie sind seine Predigten entstanden? Hat sich Benedikt lange darauf vorbereitet?
Gänswein: Papst Benedikt hat immer eine Woche vor der Predigt, am Sonntagabend, den Text aus der Heiligen Schrift für den kommenden Sonntag gelesen und die Woche darüber meditiert. Grundlage war immer der griechische Urtext des Evangeliums.
Sie hätten sein Neues Testament sehen sollen, es war wie ein Malbuch: Sehr viele Bleistift-Eintragungen, Hinweise auf Auslegungen bei den Kirchenvätern usw. Er hat regelmäßig die Evangelien-Kommentare von Augustinus, Hieronymus oder Thomas zu Rate gezogen.
Das Fundament war die Heilige Schrift, und danach hat er die Tradition der Kirche konsultiert, die in den Kirchenvätern zu Wort kam. Aus dieser Zusammenschau entstand die Predigt, die er am Sonntag gehalten hat. Die Predigt hat er schriftlich vorbereitet. Er hat dann aber immer frei - ohne Manuskript - gepredigt.
DOMRADIO.DE: Und das gelang ihm bis ins hohe Alter, auch als seine körperlichen Kräfte weniger wurden?
Gänswein: Die Predigten in dem vorliegenden Buch hat er zwischen dem 80. und 90. Lebensjahr gehalten. Was ihm am Ende Schwierigkeiten bereitete, war die Stimme. Er hatte keine Kraft mehr, zu predigen. Die letzte Predigt, die aufgezeichnet wurde, stammt vom April 2017. Er konnte nicht mehr so laut und vernehmlich sprechen, dass man ihn gut verstehen konnte; daraufhin hat er das Predigen eingestellt.
DOMRADIO.DE: Benedikt war ein Mann des Wortes - wie ist er damit umgegangen, dass ihm mit schwindenden körperlichen Kräften im Alter ausgerechnet die Stimme versagte?
Gänswein: Papst Benedikt hat einmal in seinem sehr feinen Humor gesagt: "Der liebe Gott hat mir die Stimme genommen. Offensichtlich habe ich in meinem Leben zu viel geredet, und er will, dass ich jetzt nur noch zuhöre." Er hat sich in diese für ihn sehr bittere Erfahrung hineingefügt und sie angenommen. Man kann sich vorstellen, wie schwer es ihm fiel: Ein Mann des druckreifen Wortes, hat sich Gottes Fügung zu beugen. Und das tat er.
Darin kann er uns auch ein Vorbild sein: Es gibt viele Dinge, die wir anstreben, und nicht bekommen. Sich in der Einsicht zu üben, nachzugeben und sich dem Willen Gottes zu fügen, das ist etwas Wesentliches für das Leben.
DOMRADIO.DE: Benedikt hatte das Papstamt nie angestrebt. War sein Rücktritt 2013 für ihn eine Erleichterung?
Gänswein: Auf jeden Fall! Nachdem die Last des Papstamtes von seinen Schultern genommen wurde, ist er noch mal richtig aufgelebt. Ich werde nie vergessen, wie er mir einmal gesagt hat: "Ich hätte nie gedacht, dass der Weg von der Tür unseres kleinen Klösterchens zur Himmelspforte des heiligen Petrus so lang ist." Und das war im vierten Jahr nach seinem Amtsverzicht. Er hatte wohl damit gerechnet, dass er maximal noch ein Jahr leben werde, bevor ihn der liebe Gott dann zu sich holen würde. Aber da hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
DOMRADIO.DE: Ihr eigenes Buch "Nichts als die Wahrheit" aus dem Jahr 2023 hat für Schlagzeilen gesorgt. Manche haben darin eine Abrechnung mit Papst Franziskus gelesen. Was war Ihre Absicht, das Buch zu schreiben?
Gänswein: Meine Absicht war, über die Jahrzehnte, die ich Benedikt begleitet habe, zu schreiben, so, wie ich ihn erlebt habe. Es gab und gibt unzählige Narrative, Stereotype und falsche Bilder, die immer weiter tradiert worden sind. Darin wird eine sehr einseitige und teilweise negative Sicht auf Papst Benedikt geworfen.
Wer behauptet, das Buch sei eine Abrechnung, der hat es nicht gelesen. Leider waren es vor allem die Negativ-Schlagzeilen über das Buch, die die Menschen beeinflusst haben, ohne dass sie den Inhalt des Buches kannten und nicht wussten, worum es geht. Ich kann nur empfehlen, das Buch zu lesen, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.
DOMRADIO.DE: Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Papst Leo?
Gänswein: Sehr gut. Wir kannten uns aus der Zeit, als er Generalprior der Augustiner war und ich Benedikts Sekretär: Da gab es verschiedene Begegnungen. Dann sahen wir uns zehn Jahre nicht, weil er in Peru war, zunächst als Missionar, dann als Bischof. Und als ich Rom verließ, kam er zurück, als Präfekt.
Wir haben uns erstmals im letzten Juni in Rom getroffen, und ich hatte im Dezember, also vor zwei Monaten, eine Privataudienz bei ihm. Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden.
DOMRADIO.DE: Wird es denn ein weiteres Predigtbuch von Benedikt geben? Haben Sie noch mehr Audioaufnahmen in der Schublade?
Gänswein: Es gibt einen zweiten Band zu Advent und Weihnachten, der im Herbst bei Herder erscheinen wird. Und dann folgen noch zwei Bände mit Predigten zu den übrigen Sonntagen. Aber danach ist, was die Predigten von Benedikt betrifft, nichts mehr da. Dann ist die Schatzkammer leer.
DOMRADIO.DE: 2003 wurden Sie Benedikts Sekretär, das blieben Sie bis zu seinem Tod. Sie haben ihn fast drei Jahrzehnte begleitet. Was fehlt Ihnen am meisten seit seinem Tod?
Gänswein: Es fehlt mir der tägliche Umgang, das tägliche Beisammensein, das in seinen letzten Lebensjahren aufgrund seiner abnehmenden Kräfte sehr vertraut wurde. Aber es war klar: Es kommt der Tag, an dem der liebe Gott ihn zu sich heim ruft und wir ohne ihn in dieser Welt leben müssen. Aber ich spüre die Verbindung und ich bete regelmäßig zu ihm. Seine geistliche, spirituelle Präsenz ersetzt mir die leibliche.
DOMRADIO.DE: Seit 2024 sind Sie der Nuntius für Estland, Lettland und Litauen. Wie ist diese neue Aufgabe, die in einer Region stattfindet, die in der Nachbarschaft zu Russland, auch im geopolitischen Fokus steht?
Gänswein: Ich hatte zwar als Präfekt des Päpstlichen Hauses viel Kontakt mit Staats- und Regierungschefs, und auch mit Apostolischen Nuntien, die zu Papstaudienzen kamen, aber ich war nie vor Ort. Das ist für mich in meinem Alter eine total neue Erfahrung, und ich bin nach wie vor dabei, Volk, Mentalität, Eigenheiten und Besonderheiten der baltischen Völker kennenzulernen.
Jeder dieser drei baltischen Staaten ist eine kleine Welt für sich. Ich war gerade eine Woche in Estland, das ist ganz anders als hier in Litauen, wo 80 Prozent der Bevölkerung katholisch sind. In Estland sind es bei einer Million Einwohnern gerade mal 8.000. Die geopolitische Situation ist natürlich etwas, das uns tagtäglich begleitet und womit wir fertig werden müssen.
DOMRADIO.DE: Was ist Ihre Botschaft an die Menschen, die in Angst vor dem Nachbarn Russland und einem Krieg leben?
Gänswein: Es ist die christliche Botschaft, in besonderer Weise das Vertrauen auf Gottes Vorsehung, die Hoffnung, die aus dem Glauben kommt, und die uns im Glauben zugesagt ist. Den Blick nicht nach unten richten, sondern nach vorne und nach oben. Das ist der wichtigste Punkt, und das ist meine Aufgabe, der ich versuche, gerecht zu werden.
Das Interview führte Ina Rottscheidt.