Deutsche Bischöfe an Silvester

Für mehr Toleranz und mehr Zusammenhalt

Corona, Kriege und Naturkatastrophen: In den Predigten zum Jahresabschluss blicken die deutschen Bischöfe auf die großen Ereignisse des Jahres zurück. Doch auch die kleinen Hoffnungsgedanken dürfen nicht unvergessen bleiben.

Gemeinschaft ist Heimat / © Rawpixel (shutterstock)

Der Limburger Bischof Bätzing erklärte, es sei die "vornehmste Aufgabe" der Christen, trotz Corona-Pandemie, Kriegen, Naturkatastrophen und Hungersnöten Gott zu loben. "Dagegen spricht nicht, wenn einem dabei Tränen der Sorge und Trauer in die Augen schießen", sagte er laut Redemanuskript am Silvesterabend in Frankfurt am Main. Es sei nicht nur ein Jahr großer Zumutungen gewesen, betonte er: "Wir haben persönlich und im Miteinander manch Gutes erfahren."

Für den Gottesdank empfehle die Kirche Georg Friedrich Händels "Dettinger Te Deum". Das gemeinsame Singen des Kirchenliedes heile und stärke den Glauben, erklärte der Bischof. Würde das Lied, das sich auch Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) zu ihrem Abschied
wünschte, nicht gesungen, "da würde etwas fehlen, da würde vielen eine Lücke im Herzen bleiben", sagte der Bischof. Jenen Gläubigen, die am letzten Tag des Jahres in einer Kirche am feierlichen Gesang oder Gebet des Liedes teilnehmen, werde vollkommener Ablass gewährt.

Bischof Genn: "Wo Menschen leiden und in Not sind"

Der Münsteraner Bischof Felix Genn sagte, die Kirche sollte besonders da präsent sein, "wo Menschen leiden und in Not sind". Genn würdigte zudem im Gottesdienst in Münster das Engagement von Menschen, die sich mit den Opfern der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz solidarisch gezeigt und ihnen geholfen hätten.

In dem Dienst von Glaube, Hoffnung und Liebe sei oft mehr Kirche als in dem, was äußerlich an Skandalen oder großen positiven Events berichtet werde, monierte Genn. 

Bischof Dieser: Freiheit durch Internet-"Dämonen" bedroht

Zum Jahreswechsel hat Aachens Bischof Helmut Dieser auf die Gefahren von Internetkommunikation hingewiesen. Besonders der "Troll-Dämon" sowie der "Cancel-Dämon" bedrohten die Freiheit, sagte Dieser am während des Silvestergottesdienstes im Aachener Dom. Durch den "Troll-Dämon" würden unzählige Verdrehungen und Lügen weltweit verbreitet, während der "Cancel-Dämon" eine einzige Auffassung durchsetzen wolle und die Meinungsfreiheit beschneide.

"Der Troll-Dämon ist ein Massenverwirrer und -lügner. Er macht Freiheit unmöglich", sagte Dieser laut Redemanuskript. "Auch der Cancel-Dämon schürt Angst, und er lässt nicht gelten, dass neue Erkenntnisse hinzukommen, die alles in ein anderes Licht rücken könnten. Und damit verhindert er das gemeinsame Dazulernen." Gott wolle den Menschen in Freiheit von den Dämonen führen, die im Gewand ihrer jeweiligen Zeit aufträten.

Erzbischof Becker: Begrenztheit der Lebenszeit anerkennen

Unterdessen rief der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker dazu auf, die Begrenztheit der eigenen Lebenszeit anzuerkennen. "Es ist viel wert, dass wir wissen, wo wir hingehören", sagte Becker laut Redetext im Paderborner Dom.

Der Erzbischof kritisierte das Bestreben, die eigene Vergänglichkeit zu verdrängen. Von Gottes Gnaden sei der Mensch eingeladen und aufgefordert, "seine Tage zu zählen" und diese wie kostbare Perlen entgegenzunehmen.

Erzbischof Heße: Erfahrung mit eigener Lebenszeit gemacht

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße erinnerte an die Einzigartigkeit des Augenblicks. Jeder einzelne Augenblick sei kostbar und unwiederholbar, sagte er während des Silvestergottesdienstes im Hamburger Dom. Persönlich habe er im zu Ende gehenden Jahr "eine eigene Erfahrung mit meiner Lebenszeit gemacht".

Nachdem er Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten hatte und in eine monatelange Auszeit gegangen war, hätten plötzlich keine Termine mehr in seinem Kalender gestanden. "Entschleunigung in ihrer reinsten Form: von Hundert auf Null!", resümierte Heße.

Während dieser Monate sei seine Zeit "eher in die Tiefe" gegangen. Er habe zum Beispiel Exerzitien gemacht sowie viele andere Erfahrungen, die er "vor allem über mich selber gewinnen durfte". Im September sei dann sein Vater verstorben. Der Tod sei eine Botschaft an ihn: "Auch ich bin vergänglich."

Bischof Bode: Herbe Herausforderung in Zukunft

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sieht "herbe Herausforderungen" auf sein Bistum zukommen. Während seiner Silvesterpredigt im Osnabrücker Dom sprach er von "einem deutlichen Rückgang der Ressourcen auf allen Ebenen", etwa was die Priesterzahlen oder die Finanzen angehe.

Bode forderte einen vernünftigen Umgang mit kirchlichen Gebäuden und kluge Überlegungen, wie engagierte Menschen so wirken könnten, "dass das gemeinsame Kirche-Sein von Haupt- und Ehrenamtlichen, von Männern und Frauen, von Jungen und Alten gelingt".

Bischof Wilmer: Flüchtlingssituation in Belarus ist "skandalös"

Angesichts der Situation an den Außengrenzen der Europäischen Union ruft der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer die Christen zu gesellschaftlichem Engagement auf. "Dass in den Wäldern zwischen Polen und Weißrussland Migranten in der Hoffnungslosigkeit verharren müssen, ist skandalös", sagte er beim Gottesdienst zum Jahresabschluss im Hildesheimer Mariendom.

"Sie frieren, sie hungern und sie sterben als Spielball von Machtinteressen. Vor unserer Haustür." Derart großes Leid zu sehen und nicht zu helfen, widerspreche der christlichen Botschaft und den europäischen Idealen, so Wilmer laut Redemanuskript.

Wiener Kardinal: Mehr Zusammenhalt im kommenden Jahr 

In der polarisierten Situation rund um die Impfpflicht und die Corona-Schutzmaßnahmen plädiert der Wiener Kardinal Christoph Schönborn für das sachliche Gespräch und versöhnliche Gesten. Es gelte, sich nicht mit tiefen Gräben abzufinden, sondern sie zu überwinden, erklärte der Wiener Erzbischof im Interview mit den "Salzburger Nachrichten" am Freitag. Als konkretes Beispiel dafür nannte er einen gelungenen Brückenschlag zwischen Kirche und Sozialdemokratie in Österreich.

Notwendig sei es, die Impfgegner und Coronaleugner jetzt in ihren Ängsten abzuholen, so Schönborn. Diese Ängste und Abwehrhaltungen seien mit bloßen Argumenten schwer zu überwinden. Skeptisch zeigte sich der Wiener Erzbischof gegenüber der Idee von Gegendemonstrationen von Impfbefürwortern. Dabei bestünde die Gefahr, dass sich Demo und Gegendemo gegenseitig hochschaukeln.

Insgesamt wünsche er sich, "dass es uns im neuen Jahr noch mehr und besser gelingt, als Gesellschaft zusammenzuhalten", sagte der Kardinal. "Diese Herausforderung meistert man besser, wenn man das Ziel gemeinsam anstrebt. Die Nachkriegsgeneration ist dafür ein Vorbild. Da wurde auch gestritten, aber sie haben miteinander geredet und sich zusammengestritten", betonte Schönborn.

Bischof Meier: Kritik an Bundesregierung

Der Augsburger Bischof Bertram Meier hat das Programm der neuen Bundesregierung bemängelt. Zwar wolle er die Ampel-Koalition nicht vorschnell kritisieren, sagte Meier in seiner Silvesterpredigt im Augsburger Dom.

"Doch eine Fußnote sei erlaubt: In seiner ersten Regierungserklärung entfaltete der neue Bundeskanzler die Agenda seiner 'Fortschrittskoalition' und erklärte, was Fortschritt sei: Ganz oben der technische Fortschritt, es folgen ökologischer, sozialer und kultureller Fortschritt. Vier Perspektiven des Fortschritts, doch eines fehlt mir: Wo bleibt der moralische Fortschritt, der Fortschritt des Humanum?"

Der Bischof betonte: "Aller Fortschritt nützt nichts, wenn dabei der Mensch auf der Strecke bleibt: nichts zum Lebensschutz - weder im Koalitionsvertrag noch in der Regierungserklärung. Wir wagen nicht 'mehr Fortschritt', wenn damit ein Rückschritt der Menschlichkeit einherginge."

Präses Kurschus: Toleranz und Versöhnung

Von der Nächstenliebe dürfe niemand ausgeschlossen werden, sagte die EKD-Ratsvorsitzende und westfälische Präses Annette Kurschus laut Predigttext am Freitag in Siegen. Viele wollten klare rote Linien ziehen und forderten das Ende der Gesprächsbereitschaft.

"Doch wenn wir bei der Frage nach der Nächstenliebe diejenigen ausklammern, die uns nerven und provozieren und angreifen, machen wir uns die Sache zu einfach", mahnte Kurschus. Hinter festen Standpunkten auf beiden Seiten werde oft Ratlosigkeit versteckt. Ein kleines Virus mit seinen Varianten mache ausnahmslos alle zur vulnerablen Gruppe, unterstrich Kurschus.

Präses Latzel: Hoffnung zentraler Schlüssel

Der rheinische Präses Thorsten Latzel erklärte in seiner Botschaft zum Jahreswechsel, angesichts der andauernden Corona-Pandemie und den privaten Problemen, die jeder Mensch mit sich trage, sei Hoffnung der "zentrale Schlüssel, um kollektive Stresszeiten bestehen zu können.

Menschen können viel ertragen, wenn sie etwas haben, das ihnen Zuversicht gibt. Eine stärkende Perspektive über die aktuelle Situation hinaus", sagte der leitende Geistliche der Evangelischen Kirche im Rheinland in Düsseldorf in seinem theologischen Impuls zum Jahreswechsel.

Bischof Bätzing (DR)
Bischof Bätzing / ( DR )
Felix Genn, Bischof von Münster / © Harald Oppitz (KNA)
Felix Genn, Bischof von Münster / © Harald Oppitz ( KNA )
Helmut Dieser, Bischof von Aachen, 2020 / © Julia Steinbrecht (KNA)
Helmut Dieser, Bischof von Aachen, 2020 / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Erzbischof Stefan Heße (l.) im Gespräch / © Harald Oppitz (KNA)
Erzbischof Stefan Heße (l.) im Gespräch / © Harald Oppitz ( KNA )
Bischof Heiner Wilmer im Gespräch / © Harald Oppitz (KNA)
Bischof Heiner Wilmer im Gespräch / © Harald Oppitz ( KNA )
Bischof Bertram Meier im Bischofshaus in Augsburg / © Dieter Mayr (KNA)
Bischof Bertram Meier im Bischofshaus in Augsburg / © Dieter Mayr ( KNA )
Michael Gerber, Bischof von Fulda / © Arne Dedert (dpa)
Michael Gerber, Bischof von Fulda / © Arne Dedert ( dpa )
Kardinal Christoph Schönborn / © Paolo Galosi/Romano Siciliani (KNA)
Kardinal Christoph Schönborn / © Paolo Galosi/Romano Siciliani ( KNA )
Annette Kurschus / © Harald Oppitz (KNA)
Annette Kurschus / © Harald Oppitz ( KNA )
Thorsten Latzel / © Henning Schoon (KNA)
Thorsten Latzel / © Henning Schoon ( KNA )
Quelle:
KNA , epd , DR