Wenn Päpste heimlich aus dem Vatikan "flüchten"

"Früher war das üblich"

Papst Franziskus hat damit überrascht, spontan einen Plattenladen in Rom zu besuchen. Früher war sowas gar nicht ungewöhnlich, erzählt Vatikanexperte Ulrich Nersinger. Früher haben Päpste auch mal den Leuten in den Kochtopf geschaut.

Papst Franziskus geht im Gebet mit Sicherheitsbeamten die Via del Corso entlang in Rom / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Franziskus geht im Gebet mit Sicherheitsbeamten die Via del Corso entlang in Rom / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

DOMRADIO.DE: Warum hat der Papst einen Plattenladen besucht?

Ulrich Nersinger (Vatikanexperte): Soweit wir unterrichtet sind, hat er den Laden besucht, weil er die Besitzerin und ihre Kinder kennt. In der Zeit als er noch Kardinal war, ist er wohl häufiger Besucher dort gewesen. Er hat sich für klassische Musik interessiert, heißt es und hat ein gutes Verhältnis zu dieser Familie aufgebaut. Er hat versprochen, wenn er mal Papst ist, kommt er auch vorbei. Das hat er jetzt gemacht. Er hat, soweit wir den Informationen trauen können, auch den Laden gesegnet. Der muss wohl renoviert worden sein.

DOMRADIO.DE: Er soll eine Schallplatte unterm Arm gehabt haben, als er wieder aus dem Plattenladen rausgekommen ist. Meinen Sie, das war klassische Musik, die er da hatte?

Nersinger: Er hat zwei musikalische Vorlieben. Man weiß, dass er der klassischen Musik sehr zugeneigt ist - und natürlich auch wie andere Argentinier dem Tango. Aber ich vermute erst mal, dass das jetzt doch klassische Musik war.

DOMRADIO.DE: Hat er mal erzählt, ob er auch schon mal Tango getanzt hat?

Nersinger: Ja, das hat er bei Pressekonferenzen erzählt. Das wundert mich eigentlich nicht, denn das ist ja vielleicht kein argentinischer Nationalsport, aber doch etwas, was den Argentiniern im Blut liegt.

DOMRADIO.DE: Ob er das noch heimlich macht, werden wir wohl hier nicht klären können.

Nersinger: Das glaube ich nicht. Das hängt aber dann eher mit seinem Alter und der Gesundheit zusammen. Wenn man ihn anschaut, hat er beim Gehen ja nun doch manchmal erhebliche Probleme.

DOMRADIO.DE: Aber das war jetzt auch gar nicht sein erster spontaner Besuch in einem Laden in Rom, oder?

Nersinger: Nein, er hat schon einmal einen Optiker aufgesucht. Er hat, soweit ich informiert bin, einen orthopädischen Schuhmacher aufgesucht und natürlich auch schon mal die ein oder andere Familie. Mich wundert das eigentlich nicht. Für die Neuzeit kommt uns das etwas seltsam vor bei den Päpsten. Aber wenn man mal in die Vergangenheit schaut, sagen wir mal im 19. Jahrhundert, also bis zum Ende des Kirchenstaates, war das eigentlich fast eine Normalität.

DOMRADIO.DE: Da gingen die Päpste einkaufen?

Nersinger: Es gibt zwei Sachen, die auch belegt sind und nicht nur Anekdoten sind. Der ehemalige italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti hat erzählt, dass seine Tante, glaube Jahrgang 1854, noch als Kind sonntagmorgens eine große Chance hatte, dem Papst auf der Via Guilia in Rom zu begegnen, auch die Hand zu geben. Das war fast normal.

Was aber noch schöner ist: Papst Pius IX. hatte teilweise eine ähnliche Unbefangenheit wie Franziskus. Wir wissen, wenn er sich in der Sommerresidenz Castel Gandolfo aufhielt, hatten die Nobelgardisten täglich einen Rapport niederzuschreiben. Daher wissen wir, dass der Papst dann auch unangemeldet in die Wohnungen ging und bis in die Küche vordrang und sogar dann schon mal am Herd den Deckel hochhob und schaute, was die Leute da gerade kochten.

Wenn er merkte, dass die Leute irgendwie auch in finanziellen Schwierigkeiten waren, hat er manchmal auch einen kleinen Beutel Geld dagelassen. Also das war früher durchaus üblich und ich denke, da steht der jetzige Heilige Vater so ein bisschen in der Tradition dieser Päpste der alten Zeit.

DOMRADIO.DE: Warum ist das denn heute so unüblich? Meinen Sie, das liegt ausschließlich an der Sicherheitslage oder gibt es da noch andere Gründe?

Nersinger: Da gibt es mehrere Gründe. Der eine Grund ist natürlich, dass die Päpste sich von 1870 bis 1929 als Gefangene des Vatikans sahen und es ihnen ja damals kaum möglich war, den Vatikan zu verlassen. Das ist einer der Gründe.

Und dann hat sich das doch so in der Etikette festgesetzt, dass der Papst nicht einfach durch Rom spaziert. Das ist ganz selten nur passiert. Wir haben das bei Paul VI. schon mal erlebt, dass er einen kranken Kardinal aufgesucht hat. Wir haben das auch bei Johannes Paul II. gesehen, der dann ja später auch Skiurlaub in den Abruzzen machte.

DOMRADIO.DE: Zu Papst Franziskus: Meinen Sie das war sein letzter spontaner Ausflug oder lässt er sich das nicht nehmen?

Nersinger: Das wird er sich nicht nehmen lassen, vermute ich. Es ist natürlich auch immer, das muss man auch hinzufügen, mit Sicherheitsbedenken der Leute verbunden, die für ihn zuständig sind. Ob es nun die Schweizergarde oder die Gendarmarie ist oder auch die italienischen Sicherheitsorgane. Das ist natürlich immer ein Fall, bei dem man natürlich große Sicherheitsbedenken hat.

Aber ich denke, da wird der Papst darüber hinweggehen. Solange es ihm die Gesundheit erlaubt und auch die Pandemie, mit den einzelnen Vorschriften, an die er sich ja nun doch streng halten möchte und auch tut, wird er nicht davor zurückschrecken, solche Ausflüge zu machen.

Das Interview führte Heike Sicconi.

Vatikanexperte Ulrich Nersinger (EWTN)
Vatikanexperte Ulrich Nersinger / ( EWTN )
Quelle:
DR
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