Bundeswehr erhält im kommenden Jahr jüdische Militärseelsorger

Freude über neue Zugehörigkeit und Selbstverständlichkeit

Im Ersten Weltkrieg gab es schon einmal Rabbiner in der deutschen Armee. Jahrzehnte nach der Schoah soll die Tradition wiederbelebt werden. In Berlin wurde dazu jetzt ein wichtiger Schritt vollzogen.

Soldaten der Bundeswehr / © Jörg Hüttenhölscher (shutterstock)
Soldaten der Bundeswehr / © Jörg Hüttenhölscher ( shutterstock )

Nach rund 100 Jahren Pause werden jüdische Soldaten im Dienste Deutschlands bald wieder durch Militärrabbiner betreut. Einen entsprechenden Staatsvertrag über eine jüdische Militärseelsorge schlossen am Freitag Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, in Berlin auf dem jüdischen Gemeindetag.

Beide sprachen von einem wichtigen Signal - der Zugehörigkeit zu Armee und Gesellschaft, aber auch gegen rechte und judenfeindliche Tendenzen in der Bundeswehr. Die Unterzeichnung des Staatsvertrags sei ein "starkes Zeichen für eine vielfältige und für eine offene Bundeswehr, die stolz darauf ist, dass auch jüdische Kameradinnen und Kameraden in der Bundeswehr zu Hause sind", sagte Kramp-Karrenbauer. Rechtsextremismus habe in der Bundeswehr keinen Platz. Das Judentum sei ein "unverrückbarer und unverzichtbarer Teil Deutschlands", es gehöre selbstverständlich dazu.

Starkes Signal

Für Zentralratspräsident Schuster war es ein "historischer Tag". "Ebenso wie die Bundeswehr ein Teil des demokratischen Deutschlands ist, ist dies auch die jüdische Gemeinschaft", sagte er. "Wer sich als Teil einer demokratischen Gesellschaft versteht, möchte und sollte auch Verantwortung übernehmen." Die Bundeswehr solle zudem ein "positives Spiegelbild der Gesellschaft" sein. Die Einführung von Militärrabbinern sei "ein Signal für die Verankerung der Bundeswehr in unserer Gesellschaft und für die Stärke der Demokratie".

Im Laufe des kommenden Jahres sollen die ersten neuen Militärrabbiner ihre Arbeit aufnehmen. Zuvor muss der Bundestag ihrer Einführung noch zustimmen. Zehn Rabbiner sind zunächst geplant, ein Militärrabbinat für die Verwaltung soll in Berlin angesiedelt werden. Zu den Aufgaben der Geistlichen wird neben der Seelsorge im Inland und bei Auslandseinsätzen auch der lebenskundliche Unterricht zur berufsethischen Bildung aller Soldaten gehören.

"Den Horizont der Soldaten zu erweitern, trägt zum inneren Frieden in der Bundeswehr ebenso bei wie zum Frieden in unserer Gesellschaft", sagte Schuster. Er sei überzeugt davon, dass "Soldaten, die sich mit einem Rabbiner austauschen und jüdische Feiertage einmal selbst miterlebt haben, weniger anfällig sind für antisemitische Ressentiments".

Seelsorge in der Bundeswehr

Die Militärrabbiner werden die gleichen Aufgaben übernehmen wie die evangelischen und katholischen Seelsorger. Unter den rund 180.000 Soldaten der Bundeswehr dienen Schätzungen zufolge etwa 90.000 Christen, 3.000 Muslime und 300 Juden. Die Religionszugehörigkeit der Soldaten wird nur auf freiwilliger Basis erfasst, daher gibt es keine exakten Zahlen.

Dass Juden in der Bundeswehr dienen, war nach dem Holocaust lange Zeit nicht so selbstverständlich wie heute und vor der NS-Zeit. Im Ersten Weltkrieg standen rund 100.000 Soldaten jüdischen Glaubens für Deutschland unter Waffen, etwa 12.000 fielen. Feldrabbiner begleiteten damals die kämpfenden Soldaten. In der Bundesrepublik waren Juden dann von der Wehrpflicht ausgenommen - aus gutem Grund. Nach den Verbrechen der Wehrmacht wollten die allermeisten Juden verständlicherweise erst einmal keinen Dienst in einer deutschen Armee leisten. Inzwischen sei das Vertrauen in Deutschland und auch in seine Armee aber wieder gewachsen, erklärte Schuster.

Während sich die Vertreter des jüdischen Lebens in Deutschland über das Signal einer jüdischen Seelsorge in der Bundeswehr freuen, pochen Vertreter der Muslime weiter auf eine eigene Regelung. Gespräche darüber führt die Bundesregierung bereits. Allerdings gestaltet sich die Einführung von Militärimamen schwieriger, da die Muslime in Deutschland durch viele unterschiedliche Verbände vertreten werden. Es fehlt ein passender Ansprechpartner, wie auch Kramp-Karrenbauer sagte. Daher sei es noch ein weiter Weg.

Autor/in:
Alexander Riedel
Quelle:
KNA