Der britische Kardinal Timothy Radcliffe räumt einer baldigen Einführung des Frauenpriestertums kaum Chancen ein. Es brauche einen weltkirchlichen Konsens, sagte der Dominikaner in einem Interview mit dem österreichischen Sender ORF, das am Wochenende ausgestrahlt wurde. Von diesem sei man aber "noch weit entfernt". Denn außerhalb Europas und Lateinamerikas seien derzeit nur kleine Schritte in diese Richtung möglich.
So seien die zentralen Konfliktlinien der katholischen Kirche derzeit auch weniger zwischen Progressiven und Traditionalisten zu finden. Vielmehr gehe es um unterschiedliche kulturelle Prägungen. "Die wirklich entscheidende Frage ist, wie wir interkulturell handeln und einander zuhören", so Radcliffe. Gerade der westliche Blick müsse lernen, Stimmen aus anderen Weltregionen einzubeziehen.
Zu den innerkirchlichen Reformdebatten sagte der frühere Generalmeister des Dominikanerorden, dass die Weltsynoden-Versammlungen 2023 und 2024 gezeigt hätten, dass viele Teilnehmende anfangs von einer Art parlamentarischem Kräftemessen ausgegangen seien. Im Verlauf der Beratungen sei aber deutlich geworden, dass es weniger um Abstimmungen als um Haltungen gehe; insbesondere um die Bereitschaft zum Zuhören über kulturelle Grenzen hinweg.
Homosexuelle in der Kirche willkommen heißen
Radcliffe äußerte sich auch zu homosexuellen Partnerschaften und Sexualität. Es stimme nicht, dass er ein Kämpfer für die Rechte von Homosexuellen sei. "Ich will nicht für Rechte kämpfen, sondern Menschen willkommen heißen und sagen 'hier seid ihr willkommen'."
Papst Franziskus ernannte Radcliffe im Dezember 2024 zum Kardinal. Beim Konklave im Mai 2025 war er der einzige Teilnehmer ohne Bischofsweihe.