Historiker vermutet Absprachen hinter Papst-Entscheidung zu Marx

Es "kratzt am Bild von der heiligen Kirche"

Es wird weiter spekuliert: Der Historiker Thomas Großbölting vermutet Absprachen hinter der vergleichsweise raschen Entscheidung des Papstes zum Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx als Erzbischof von München und Freising.

Kardinal Reinhard Marx / © Harald Oppitz (KNA)
Kardinal Reinhard Marx / © Harald Oppitz ( KNA )

"Zuerst hätte ich nicht gedacht, dass die Entscheidung so schnell fällt. Das deutet darauf hin, dass es vermutlich schon im Vorfeld Absprachen gegeben hat sowohl zum Schreiben von Marx wie auch zur Reaktion des Papstes", sagte er im Interview des "Spiegel" (Freitag).

Schnelle Reaktion des Papstes

Auch sei die schnelle Reaktion von Papst Franziskus "ein deutliches Signal, dass Franziskus das Thema der sexualisierten Gewalt in der Kirche zur Chefsache gemacht hat". Insgesamt überrasche es ihn, dass das Angebot zum Amtsverzicht vom Papst nicht angenommen worden sei, betonte der Wissenschaftler, der zurzeit für das Bistum Münster eine unabhängige Missbrauchsstudie erstellt.

Auf die Frage, ob Marx in seinen unterschiedlichen Funktionen als ehemaliger Bischof von Trier, Erzbischof von München sowie als langjähriger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz für den sexuellen Missbrauch in der Vergangenheit mitverantwortlich sei, sagte Großbölting: "Soweit bekannt, ist er kein Täter. Aber er ist natürlich seit vielen Jahren und Jahrzehnten in leitender Stellung in der Kirche tätig." Er sei als "hoher Funktionär der katholischen Kirche tief verstrickt in diese Täter-Institution".

Der Kardinal sei seit 2010 aber auch einer derjenigen, die sich entschieden für eine konsequente Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche einsetzten. "Seinem Handeln nach ist ihm das ein tief verankertes persönliches Anliegen. Auf dieser Linie liegt auch sein Rücktrittsangebot: ein starker symbolischer Akt, um das Thema nach vorn zu bringen", so der Historiker. Der Papst stärke nun Marx und auch dessen Anliegen der konsequenten Aufarbeitung. Allerdings stelle sich auch die Systemfrage.

Kein Affront gegen Franziskus

Das Rücktrittsgesuch von Marx wertete Großbölting nicht als Affront gegenüber Franziskus. Allerdings: "Wenn ein Kardinal wie Marx von seinem Amt zurücktreten will, wird dadurch das Amt in gewisser Weise entheiligt, es wird profan." Jeder Rücktritt eines Bischofs und Kardinals "kratzt am Bild von der heiligen Kirche".

Insgesamt sei er davon überzeugt, so der Historiker, "dass die Kirche sich insbesondere dem Problem der sexualisierten Gewalt stellen muss". Für einen grundlegenden Wandel allerdings, der die katholische Kirche wieder handlungsfähig mache in der modernen Gesellschaft, sehe er derzeit keine Anzeichen: "Und es fehlt mir auch die Fantasie dafür, mir dies in der nahen Zukunft vorzustellen."

Quelle:
KNA
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