Vatikanische Sportmannschaft sieht Olympia als "Fernziel"

"Es geht nicht um Medaillen oder Siege"

Während sich Sportfreunde überall auf Olympia und die EM vorbereiten, feiert auch das päpstliche Leichtathletikteam erste Erfolge: Beim ersten internationalen Turnier gab es sogar eine Silbermedaille. Bis Olympia ist es aber noch ein weiter Weg.

Ordensschwester Marie-Theo Puybareau, Athletin des Sportvereins des Vatikans "Athletica Vaticana" / © Cristian Gennari (KNA)
Ordensschwester Marie-Theo Puybareau, Athletin des Sportvereins des Vatikans "Athletica Vaticana" / © Cristian Gennari ( KNA )

DOMRADIO.DE: Die vatikanische Sportmannschaft "Athletica Vaticana" - wie kann man sich diese Mannschaft vorstellen?

Stefan von Kempis (Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan/Vatican News): Das ist ein Leichtathletikverband, der sich vor ein paar Jahren im Vatikan gegründet hat. Amateure, die einfach zunächst Lust am Laufen hatten und dann ist das auf andere Disziplinen ausgeweitet worden. Die Vereinsfarbe ist gelb-weiß, wie die Farben des Vatikansstaats. Und seit 2017 stehen diese Läufer unter der Schirmherrschaft des Päpstlichen Rates für die Kultur, der sich auch für das Thema Sport zuständig fühlt. Denn der zweite Mann des Rates, ein spanischer Priester, ist selber passionierter Läufer.

Die haben eine Kooperation mit dem italienischen Leichtathletik-Verband und sind seit 2019 der erste offiziell anerkannte vatikanische Sportverein. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Vor allen Dingen, wenn man bedenkt, dass der Heilige Stuhl, noch bevor er in den 1930er Jahren zum Vatikan wurde, sogar mal eine Marine hatte.

2019 hat auch bei einem Marathon in Messina, das ist in Sizilien, zum ersten Mal ein Priester eine Silbermedaille geholt und stand für den Vatikan auf dem Treppchen. Man sagt immer, am Anfang der Gründung sei das Fernziel Olympia gewesen. Das ist aber wirklich ein sehr weit entferntes Fernziel, denn das sind alles Amateure, passionierte Leute, die gerne Sport machen. Aber mit Profisport hat das noch nichts zu tun.

DOMRADIO.DE: Wer sind denn die Mitglieder in diesem vatikanischen Sportverband?

Kempis: Das sind alles Vatikan-Angestellte, ganz gemischt, jung, alt, Laien, Kleriker, Priester - Bischöfe sind nicht dabei - männlich, weiblich. 60 Leute, auch Schweizergardisten, natürlich auch Leute von Radio Vatikan, Vatican News, auch Angestellte der Vatikanischen Museen. Da denkt man immer, die stehen den ganzen Tag rum und bewachen die Sixtinische Kapelle. Nein, erfährt man dann, die laufen auch mal ganz gerne.

Übrigens: Die Mannschaft hat zwei afrikanische Muslime als Ehrenmitglieder, das sind Migranten. Damit will der Verein, der ohnehin auch sehr moralisch auftritt, ein Zeichen setzen für seine Freundschaft zu Migranten.

DOMRADIO.DE: Nun gab es das erste internationale Turnier, an dem das Team des Vatikans teilgenommen hat. Wie hat sich die Mannschaft geschlagen?

Kempis: In den eigenen Einschätzungen waren die "Athletica Vaticana" -  Sieben Sportlerinnen und Sportler waren dabei - vom ersten Turnier sehr angetan. Sie haben Punkte gemacht, vor allem beim Frauen-Speerwurf und beim 3000-Meter-Lauf. Aber sie sagen selber: Uns ging es vor allem darum, Brücken der Freundschaft zu bauen und nicht zu sehr darum, ob man auf dem Treppchen steht.

Diese sieben Sportlerinnen und Sportler haben für den Vatikan am Speerwurf für die Frauen teilgenommen und bei den Männern am 400-Meter-Lauf, 3000-Meter-Lauf und am Staffellauf. Der Staffelstab wurde übrigens vorher in einer Audienz von Papst Franziskus signiert. Das war also ein ganz besonderer Staffelstab, der da weitergegeben wurde.

DOMRADIO.DE: Was war das denn für ein Turnier?

Kempis: Ein Turnier, offen gesagt, von dem ich selber vorher noch nie gehört hatte: Games of the Small States of Europe, also die Meisterschaft der europäischen Kleinstaaten. Das fand in San Marino statt, für Italien also und auch für den Vatikan problemlos zu erreichen. Bei diesen Kleinstaaten von Europa sind immerhin auch so Schwergewichte dabei wie Albanien, Armenien, Zypern, Malta, Kosovo. Also ganz so klein müssen die Staaten gar nicht sein wie der Vatikan, um daran teilzunehmen. Die Athletica Vaticana hatten eigentlich schon 2019, also bei ihrer Gründung auf eine Teilnahme gesetzt. Das ging damals aber nicht, mit der Begründung der Vatikan habe noch nicht mal ein Nationales Olympisches Komitee. Darum wurden 2019 der Vatikan und übrigens auch die Färöer Inseln ausgeschlossen. Diesmal, 2021, scheint das aber kein Problem gewesen zu sein.

DOMRADIO.DE: Es heißt die Vatikansportler wollen bei ihren Wettbewerben auf Medaillen verzichten. Wie das denn?

Kempis: Das ist eine gute Frage, ich frage mich selber auch, wie das gehen soll. Die Athletica Vaticana haben vor dem Turnier in San Marino angekündigt: Wenn es jemand von uns aufs Treppchen schafft, dann verzichten wir und reichen die Medaille an den Nächstplatzierten weiter. Ob die das jetzt konkret gemacht haben, weiß ich gar nicht, offen gesagt, aber ich vermute schon.

Es geht dem vatikanischen Leichtathletik-Verband gar nicht um große Medaillen, um große Siege und auch nicht nur um das Dabeisein, sondern sie haben der Sache auch sozusagen einen theologischen Boden untergezogen. Denn ihr Motto lautet "Simul currebant", das heißt auf Deutsch: Sie liefen zusammen. Das ist diese berühmte Szene aus dem Johannes-Evangelium, als Jesus auferstanden ist und Petrus und Johannes rennen am Morgen der Auferstehung zusammen zum Grab. Johannes ist schneller als Petrus, der vielleicht etwas behäbigere Fischer, der auch lange im Boot sitzen musste. Aber Johannes wartet am Eingang des Grabes Jesu auf den Zurückgebliebenen und lässt dann Petrus als ersten rein ins Grab. Das ist eine Szene, die sehr detailliert, geradezu auffallend detailliert geschildert wird im Johannes-Evangelium und dieses Warten des Erstplatzierten, des Siegers im Lauf auf den zweiten und ihm den Vortritt lassen, das ist die Haltung, um die sich dieser vatikanische Leichtathletikverband bemüht.

Das Interview führte Johannes Schröer.

Stefan von Kempis (privat)
Stefan von Kempis / ( privat )
Athletica Vaticania / © Cristian Gennari (KNA)
Athletica Vaticania / © Cristian Gennari ( KNA )
Athleten des Sportvereins des Vatikans "Athletica Vaticana" / © Cristian Gennari (KNA)
Athleten des Sportvereins des Vatikans "Athletica Vaticana" / © Cristian Gennari ( KNA )
Quelle:
DR
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