Erzbischof Burger plädiert für deutsche Aufbauhilfe in Kamerun

Junge Menschen im Fokus

Das Hilfswerk Misereor nimmt bei der Fastenaktion 2026 junge Menschen in Kamerun in den Blick. Misereor-Bischof Stephan Burger hat dort viele von ihnen getroffen und erlebt, wie schwierig sich ihr Berufseinstieg gestaltet.

Autor/in:
Katrin Gänsler
Ein Auszubildender erklärt seine Arbeit. Links steht Andreas Frick, Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor, und daneben Stephan Burger, Erzbischof von Freiburg, in Douala (Kamerun). / © Katrin Gänsler (KNA)
Ein Auszubildender erklärt seine Arbeit. Links steht Andreas Frick, Hauptgeschäftsführer des Bischöflichen Hilfswerks Misereor, und daneben Stephan Burger, Erzbischof von Freiburg, in Douala (Kamerun). / © Katrin Gänsler ( KNA )

KNA: Herr Erzbischof, Sie haben während eines Besuchs in Kamerun mehrfach über Solidarität gesprochen. Hat diese Welt angesichts der Kriege, Konflikte und ungleichen Verteilung noch genügend davon?

Erzbischof Stephan Burger (Erzbischof von Freiburg, Vorsitzender der bischöflichen Kommission für Entwicklungsfragen): Ich wünsche mir, dass Solidarität weiterhin umgesetzt und gelebt wird. Ich bedauere sehr, dass das längst nicht immer so ist. 

Stephan Burger, Erzbischof von Freiburg / © Julia Steinbrecht (KNA)
Stephan Burger, Erzbischof von Freiburg / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Je mehr ich die Arbeit der Weltkirche erlebe und in andere Länder reise, desto mehr erfahre ich, wie notwendig das Miteinander ist. Daher kommt mein großer Wunsch, Solidarität zu leben und andere zu bitten, das auch zu tun.

KNA: Kamerun besuchen Sie anlässlich der Misereor-Fastenaktion 2026. Diese stellt gezielt junge Menschen in den Mittelpunkt. Was haben Sie bei Ihren Gesprächen erlebt?

Burger: Sie sind Persönlichkeiten, die etwas erreichen, etwas bewirken wollen, auch für ihr Land. Das Leben liegt vor ihnen. Die Frage ist: Wie gelingt es, diese Hoffnung nicht zu enttäuschen und sie beim Aufbau des Landes zu unterstützen? Dazu gehören viele Faktoren, nicht zuletzt die politischen Voraussetzungen. Das ist in Kamerun aber nicht gegeben. Dennoch hoffe ich, dass die jungen Menschen nicht resignieren, sondern ihre Ziele verwirklichen.

 © Kathrin Harms (MISEREOR)

KNA: Wie zentral ist es, Jugendliche und junge Erwachsene konkret auf dem Weg ins Berufsleben zu begleiten?

Burger: "Hier fängt Zukunft an" heißt das Motto der diesjährigen Fastenaktion. Bei den Projekten erleben wir, wie junge Menschen gefördert und ermutigt werden, ihren Weg zu gehen. Dabei haben sie Erfolgserlebnisse und erreichen etwas. Diese Botschaft ist mir wichtig: Wir können sie beim Aufbau ihres Landes und ihres Lebens unterstützen.

KNA: Das heißt, die Projekte, die Misereor fördert, führen zu mehr Resilienz und Unabhängigkeit?

Burger: Unbedingt. Man könnte noch viel mehr junge Menschen mit einbeziehen. Das zu sehen, spornt an, an dem Motto dranzubleiben.

Stephan Burger

"Niemand verlässt gerne und freiwillig sein familiäres Umfeld. Die Menschen wollen hier Zukunft haben."

KNA: In Deutschland herrscht oft ein anderes Bild vor: Junge Menschen aus Afrika wollen nach Europa migrieren, weil das Leben dort bequemer ist.

Burger: Niemand verlässt gerne und freiwillig sein familiäres Umfeld. Die Menschen wollen hier Zukunft haben. Erst wenn es nicht mehr anders geht, versucht man, sich anderweitig zu orientieren. Ich bedauere, dass bei uns Migration ausgespielt und behauptet wird: Leute sind nur auf ihre Vorteile bedacht. Nein, es geht um Existenzsicherung, ums Überleben. Die beste Fluchtursachenbekämpfung ist deshalb die Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den Heimatländern und nicht die Abweisung an unseren Grenzen.

Die Brüder Silas Teyim (l.), Gesicht der Misereor-Fastenaktion 2026, und Ulrich Gansop halten eine Spendenbox der diesjährigen Misereor-Fastenaktion in den Händen in Douala (Kamerun). / © 	Katrin Gänsler/KNA (KNA)
Die Brüder Silas Teyim (l.), Gesicht der Misereor-Fastenaktion 2026, und Ulrich Gansop halten eine Spendenbox der diesjährigen Misereor-Fastenaktion in den Händen in Douala (Kamerun). / © Katrin Gänsler/KNA ( KNA )

KNA: Gibt es eine Begegnung auf der Reise, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Burger: An dem Abend, an dem wir in Douala ankamen, fand auf dem Platz der Kathedrale eine Gebetsnacht mit 2.000 Jugendlichen statt. Sie haben gebetet und gesungen. Dieses Gemeinschaftserlebnis war für mich wahnsinnig berührend und bereichernd. Es zeigte auch: Die jungen Menschen sind nicht allein, sondern haben gemeinsame Vorstellungen und Träume und dürfen diese teilen. Das stärkt ungemein.

KNA: Für die Fastenaktion reisen auch Kameruner nach Deutschland, um über ihren Alltag zu berichten. Wie wichtig ist dieser Austausch?

Burger: Wenn Gäste zur Fastenaktion nach Deutschland kommen, ist das immer ein berührendes Erlebnis. Bei allen Problemen, die jedes Land, auch Deutschland, hat, zeigen uns die Gäste: Sie sind durch den Glauben gestärkt und tragen Hoffnung im Herzen. Das geben sie uns mit. Für mich ist das eine wichtige Botschaft in unsere Gesellschaft hinein.

KNA: Was bringen Sie persönlich von einer solchen Reise mit zurück?

Burger: Ich merke nach diesen Reisen: Wir machen es uns in Deutschland manchmal zu leicht. Wir denken in Kategorien und fällen schnell Pauschalurteile. Aber diese vielschichtige, differenzierte Wirklichkeit vergessen wir. Diese Reisen lehren mich also, nicht mit Urteilen oder Vorurteilen an die Dinge heranzugehen. Stattdessen müssen wir den Menschen zuhören und sie erleben.

Das Interview führte Katrin Gänsler.

Quelle:
KNA