Wie erinnern an Millionen Opfer des NS-Vernichtungskrieges?

Erste Konturen eines Gedenkortes in Berlin

​Mit dem Überfall auf Polen entfesselte Deutschland am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg. Für viele Europäer folgten bis 1945 Tod, Gewalt und Terror. In Berlin läuft die Suche nach angemessenen Formen des Erinnerns.

Gedenken an Pogromnacht / © Martin Gerten (dpa)
Gedenken an Pogromnacht / © Martin Gerten ( dpa )

Fast acht Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs klaffen nach Ansicht von Historikern und Politikern immer noch Lücken in der öffentlichen Erinnerung an die NS-Zeit.

Zwar wurden in Berlin nach der Wiedervereinigung einige neue Gedenkstätten errichtet, allen voran das Holocaust-Mahnmal für die ermordeten Juden Europas.

Aber immer noch fehlt etwa ein Ort, der jenen Menschen gewidmet ist, die dem Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten vor allem im Osten Europas zum Opfer fielen.

Verwirrung in der Politik

Im vergangenen Herbst stellte der Bundestag die Bundesregierung mit zwei Beschlüssen vor eine besondere Herausforderung. In einem ersten Votum sprachen sich die Parlamentarier für die Einrichtung eines Ortes aus, an dem aller Opfer der Vernichtungskriege gedacht werden soll.

Wenig später stimmte eine Mehrheit der Abgeordneten für einen überfraktionellen Antrag, der ein Denkmal für die polnischen Opfer favorisiert. Seit einigen Monaten beraten nun Experten, wie die beiden inhaltlich nicht aufeinander abgestimmten Beschlüsse umgesetzt werden können.

Vorarbeiten eines "Polen-Denkmals"

Dabei sind nach Ansicht von Beobachtern die Vorarbeiten für das sogenannte "Polen-Denkmal" am weitesten gediehen. Im Februar setzte das Außenministerium eine aus 12 deutschen und vier polnischen Experten bestehende Kommission ein, die bis zum Spätsommer ein Konzept vorlegen will.

Es gehe darum, Erinnerung, historische Beschäftigung mit einem komplexen Thema und Bildung miteinander zu verknüpfen, erläutert Claudia Weber in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur.

Ergänzung statt Konkurrenz

Die in Frankfurt/Oder lehrende Historikerin will das Nebeneinander der beiden Gedenk-Konzepte nicht kleinreden. Sie sagt aber auch, dass sie die Projekte und die Überlegungen der jeweiligen Fachleute als einander ergänzend ansieht.

"Eine Konkurrenz sollten wir vermeiden, und beide Expertengruppen stehen in Kontakt miteinander, um Überschneidungen von vornherein zu begrenzen." Nach dem, was hinter den Kulissen zu hören ist, scheint das ein für die meisten unmittelbar Beteiligten vorerst gangbarer Weg zu sein.

Enttäuschung in der Ukraine

Gleichwohl müssen Befürworter des "Polen-Denkmals" weitere Überzeugungsarbeit leisten. Sie verweisen wie Historikerin Weber auf eine "enge deutsch-polnische Verflechtungsgeschichte" und das besondere Verhältnis der beiden Nachbarstaaten.

Der ukrainische Botschafter in Berlin sieht das anders. Insgesamt hätten mindestens acht Millionen Einwohner seines Landes durch den deutschen Vernichtungs- und Versklavungskrieg ihr Leben verloren, sagte Andrij Melnyk dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

"Wir Ukrainer sind sehr enttäuscht, dass der Bundestag unsere Bitte abgelehnt hat, eine Gedenkstätte in Berlin für die ukrainischen NS-Opfer zu errichten, obwohl gleichzeitig ein gesonderter Erinnerungsort für polnische Kriegsopfer etabliert wurde."

Ein Ort für alle?

Auch auf Ebene der Parteien herrscht weiter Diskussionsbedarf. Anders als Außenminister Heiko Maas (SPD) plädierte beispielsweise dessen Parteifreund und Europa-Staatsminister Michael Roth in einem auf t-online veröffentlichten Gastbeitrag für einen Erinnerungsort, an dem aller Opfer der nationalsozialistischen Besatzungsherrschaft gedacht wird.

Beim Erinnern dürfe man keine neuen Spaltungen entstehen lassen, warnte Roth.

Nicht nur zur Kranzniederlegung gut

Die Debatte dürfte spätestens nach der Bundestagswahl Ende September weitergehen. Noch sind viele, auch ganz praktische Fragen offen.

Selbst der als Standort in der Vergangenheit oft genannte Askanische Platz unweit der Kriegsruine des Anhalter Bahnhofs ist keineswegs gesetzt. Bis das Mahnmal tatsächlich steht, werden wohl auch die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs gestorben sein.

Eine Zäsur in der Erinnerungskultur, mit der sich Claudia Weber und die anderen Fachleute ebenfalls werden auseinandersetzen müssen. Die Historikerin betont: "Nichts liegt uns ferner, als ein schlichtes Denkmal zu ersinnen, an dem am Ende ein- oder zweimal im Jahr ein Kranz niedergelegt wird, und das war's dann."

Autor/in:
Joachim Heinz
Quelle:
KNA
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