Ersetzen Selbstspielautomaten die Organisten?

Wenn die Orgel von alleine erklingt

"Stell' dir vor, die Orgel spielt, aber niemand ist da" – vor allem in Diaspora-Gegenden gibt es immer weniger Organistinnen und Organisten. Gleichzeitig werden die Selbstspielautomaten immer besser. Kann das die Lösung sein?

Soweit ist es noch nicht: Roboter werden noch nicht zum Orgeldienst eingesetzt. / © maxuser (shutterstock)
Soweit ist es noch nicht: Roboter werden noch nicht zum Orgeldienst eingesetzt. / © maxuser ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Im Rheinland und anderswo gibt es noch überwiegend genug Menschen, die sonntags die Orgel spielen. Sie haben sich im Bistum Hildesheim hingegen intensiv mit Selbstspielsystemen für die Orgel beschäftigt. Warum?

Dr. Stefan Mahr, Kirchenmusikreferent und Leiter des Orgel- und Glockenwesens im Bischöflichen Generalvikariat in Hildesheim.  (privat)
Dr. Stefan Mahr, Kirchenmusikreferent und Leiter des Orgel- und Glockenwesens im Bischöflichen Generalvikariat in Hildesheim. / ( privat )

Dr. Stefan Mahr (Kirchenmusikreferent und Leiter des Orgel- und Glockenwesens im Bischöflichen Generalvikariat in Hildesheim): Das hat sehr stark mit der sogenannten Diaspora-Situation unseres Bistums zu tun.

Unser Bistum ist im Vergleich zum Beispiel mit dem Erzbistum Köln ein zwar sehr großes Flächenbistum, aber mit sehr wenigen Menschen, die auf die Fläche verteilt sind. Insgesamt sind es aktuell nur noch knapp 600.000 Gläubige.

Außerdem sind wir ein Bistum, in dem kirchenmusikalische Strukturen keine alte Tradition haben, vor allem keine hauptamtlichen Strukturen. Diese wurden erst nach dem Krieg, eigentlich erst in den 1960er und 70er Jahren langsam aufgebaut und sie wurden nicht sehr umfänglich ausgebaut.

Wir haben also nicht im Ansatz die Zahlen an hauptamtlichen Kirchenmusikern, an Ausbildern, wie das zum Beispiel in anderen Bistümern der Fall ist.

Hildesheimer Dom / © telesniuk (shutterstock)

Die Folge ist, dass wir über Jahre mit einer großen Zahl an ehren- und nebenamtlichen Kräften den gesamten Orgeldienst im Bistum bestreiten konnten. Aber diese Personen werden weniger. Die Ausbildungsstruktur ist nicht ideal, das heißt, wir haben auch weniger Nachwuchs.

Und die Personen, die bisher diesen Orgeldienst noch sehr stark leisten, sind mehr und mehr in der Situation, dass sie sagen: Was passiert in zehn Jahren? Und genau in dieser Situation haben wir Orgeln aus den 1960er und der 1970er Jahren in den Gemeinden, die jetzt dringend umfangreiche Sanierungsmaßnahmen benötigen.

Stefan Mahr

"Die Gemeinden fragen sich: Wollen wir so viel Geld in unsere Orgel stecken, wenn absehbar keiner mehr da sein wird, der sie spielen kann?"

Das bedeutet einen enormen Einsatz von Geld, der notwendig wird. Damit ist natürlich die Frage der Gemeinden verbunden: Wollen wir, sollen wir, müssen wir so viel Geld in unsere Pfeifenorgel stecken, wenn da doch keiner mehr ist oder absehbar keiner mehr da sein wird, der sie spielen wird?

DOMRADIO.DE: Wie muss man sich denn diese neuen, verbesserten Spielsysteme für die Orgel überhaupt vorstellen? Ältere Systeme hat man auf die Tastatur, auf die Manuale der Orgel aufgesetzt. Aber das sind ältere Systeme. Wie sehen die heutigen aus?

Mahr: Wenn wir auf die Anfänge der Orgel schauen, auf das Orgel-Werk, auf das "Organum", dann ist das ja eigentlich ein Werkzeug, es ist de facto eine Maschine, die nur durch den Spielenden zum Leben erweckt wird. Und dass es eine Maschine ist, dass es ein Werkzeug ist, hat zur Folge, dass man es eigentlich auch mechanisch bedienen kann.

Das heißt, es gab schon über die Jahrhunderte hinweg Instrumente, die ein Selbstspielsystem mit Walzen oder ähnlichem hatten, ich denke auch beispielsweise an Flötenuhren.

Klaviatur und die Register einer alten Orgel der Firma Orgelbau Klais / © Andreas Kühlken (KNA)
Klaviatur und die Register einer alten Orgel der Firma Orgelbau Klais / © Andreas Kühlken ( KNA )

In den 1980er Jahren kam dann das erste Mal ein System auf den Markt, das man auf die Manual-Klaviatur aufsetzen konnte und das dann mittels Drückern die Tasten bedient hat. Das heißt aber, man musste tatsächlich die Register selber ziehen, man hatte kein Pedal, also man hatte kein Bass-Fundament zur Verfügung. Das war alles noch sehr eingeschränkt.

Dieses System hat aber zum Beispiel für die Orgelbauer die Möglichkeit gegeben, dass sie nicht mehr zu zweit zum Stimmen kommen mussten, sondern dass bei einer Wartung nur ein Orgelbauer gekommen ist. Und dieser konnte dann diesen sogenannten Orgamaten aufsetzen und für solche Arbeiten nutzen.

Das wurde weiterentwickelt zu einer Organola und hat dann tatsächlich auch Kirchenlieder begleiten können, aber eben noch mit all den Einschränkungen, die es da gegeben hat.

Heute sind wir einen ganzen Schritt weiter. Die neuen Systeme befinden sich in der Orgel. Das heißt, sie können in die Steuerung der Orgel von innen eingreifen, sie sind nicht mehr von außen aufgesetzt. Die gesamte Orgel kann so zum Beispiel komplett über eine elektrische Registertraktur gespielt werden.

DOMRADIO.DE: Man könnte aber ja auch sagen: Na gut, wenn die Orgel nicht live gespielt werden kann, da kann ja die Gemeinde mal ohne Orgel singen, ohne Instrumente. Oder zum Beispiel gibt es ja in vielen Kirchen auch Keyboards, die dann über die Lautsprecher zu hören sind.

Mahr: Das ist im ersten Moment eigentlich eine vor allem für Berufsmusiker ganz logische Folge: Wenn die Orgel nicht funktioniert oder sie niemand spielen kann, dann soll doch jemand einfach anstimmen und man singt gemeinsam à cappella. Beziehungsweise es geht ja auch, wenn die Orgel mal nicht spielen kann, dass jemand mit einem anderen Instrument den Gesang begleitet.

Stefan Mahr

"Die Orgel als Begleitinstrument für den Gottesdienst hat in keiner Form ausgedient."

Das ist ja sogar "kirchenoberlich" erlaubt, also kein Problem. Die Praxiserfahrung, die ich mache, wenn ich in der Orgel-Fachberatung im Bistum unterwegs bin, ist, dass genau in den Gemeinden, in denen die Organisten fehlen, meist eine große Angst vor dem à cappella-Singen besteht und auch meist eine nur geringe Zahl von Musikern mit anderen Instrumenten da ist. Und es ist bei ganz vielen Gemeinden ein enormer Wunsch da, die Orgel zu hören.

Also hat die Orgel als Begleitinstrument für den Gottesdienst bei diesen Gemeinden in keiner Form ausgedient, sondern man wünscht sich, dass sie weiterhin erklingt. Deswegen kommt dann häufig der Rückgriff auf diese Systeme.

DOMRADIO.DE: Sie haben es gerade angesprochen, dieses flexible Reagieren auf das Geschehen im Gottesdienst. Das ist ja eigentlich eine große Stärke der Orgel, beziehungsweise geübte Organistinnen und Organisten können diese Stimmung im Gottesdienst aufgreifen und dann umsetzen. Aber das kann natürlich ein Selbstspielautomat nicht leisten. Oder kann man das doch technisch irgendwie auffangen?

Mahr: Nein, die Emotions- und die Reaktionsfähigkeit und das Mitfeiern des Organisten, der Organistin kann ein Automat in keiner Form ersetzen. Das muss man ganz klar sagen.

Gotteslob in Kirchenbänken / © Julia Steinbrecht (KNA)
Gotteslob in Kirchenbänken / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Bei allen technischen Möglichkeiten, die es heute gibt, und bei all' dem Praktischen, was da möglich ist: Dieser entscheidende Punkt, die Komponente der Emotion, der Persönlichkeit und vor allem das Mitfeiern des Gottesdienstes und damit das Erspüren einer Atmosphäre und das Weiterführen oder das leicht Korrigieren oder in eine andere Richtung Bringen einer Atmosphäre im Gottesdienst, das ist tatsächlich nur dem Menschen möglich.

DOMRADIO.DE: Wie haben denn Gemeinden bislang reagiert, wenn bei ihnen so ein solch modernes Selbstspielsystem eingebaut worden ist?

Mahr: Lassen Sie mich die Frage umdrehen: Es waren die Gemeinden, die das Selbstspielsystem haben wollten. Von meiner Seite würde ich niemals einer Gemeinde ein Selbstspielsystem "andrehen" wollen. Denn für mich ist das Allerwichtigste, dass ein Mensch eine Pfeifenorgel spielt und dass ein Mensch im Gottesdienst diesen Dienst übernimmt. Der Wunsch kam immer von den Gemeinden. Und der Wunsch war immer verbunden mit einer Notsituation.

Zum Beispiel hat die Orgel der Gemeinde aus den 1960er Jahren ein Problem, dass Steuerelemente anfangen zu kokeln und eigentlich müssten wir sie stilllegen. Jetzt kommt der Kostenpunkt und es heißt, wir brauchen 60.000 oder 70.000 Euro, um diese Orgel komplett zu ertüchtigen. Der Organist ist aber 80 Jahre alt, die Organistin 82 Jahre alt.

Blick auf die Pfeifen im Inneren einer Orgel. / © Dominik Michalek (shutterstock)
Blick auf die Pfeifen im Inneren einer Orgel. / © Dominik Michalek ( shutterstock )

Die Gemeinde sagt aber: Wir möchten im Gottesdienst unsere Orgel hören. Und dann kommt die Anfrage: Herr Mahr, wir wären bereit, dieses Geld auszugeben, um die Orgel für die nächste Generation instand zu setzen. Aber die Bedingung für diese Instandsetzung ist der Einbau eines Selbstspielsystems – unabhängig davon welches –, damit unsere Orgel auch dann spielen kann, wenn wir niemanden mehr für den Orgeldienst haben.

DOMRADIO.DE: Wie funktioniert das dann konkret? Muss dann einer unten in der Gemeinde sitzen und mit einer Art Fernbedienung auf die Orgel zeigen? Oder muss sogar jemand nah bei der Orgel dabei sein und dann das entsprechende Lied irgendwie eingeben, damit die Orgel spielt?

Mahr: Die heutigen Selbstspielsysteme sind nutzerfreundlich. Das heißt, die Systeme funktionieren über eine Fernbedienung, die ähnlich dem klassischen Lied-Anzeiger funktioniert und die auch den Liedanzeiger tatsächlich mit eingebaut hat.

Stefan Mahr

"Durch den ganzen Gottesdienst kann eine Person führen, die explizit nicht musikalisch vorgebildet sein muss."

Das heißt, jemand, der sich in das System einweisen lässt, ist in der Lage, sich unten in die Gemeinde zu setzen, den kompletten Liedplan des jeweiligen Gottesdienstes in diesen Apparat einzugeben. Die Orgel wird durch den Apparat gesteuert, auch das Ein- und Ausschalten des Instruments ist damit möglich. Durch den ganzen Gottesdienst kann eine Person führen, die explizit nicht musikalisch vorgebildet sein muss.

DOMRADIO.DE: Und gibt es auch schon Erfahrungswerte? Sind die Gemeinden damit wirklich zufrieden?

Mahr: Die Erfahrungswerte, die ich jetzt habe, sind so, dass die Gemeinden die Systeme nutzen. In einigen Gemeinden ist auch wirklich der traurige Fall eingetreten, dass die Prognose richtig war, dass die Orgel fertig war und kurz danach die Organisten verstorben sind. Das ist wirklich so passiert. Und die Gemeinden nutzen dort vor Ort dann dieses System.

Ich merke aber aus den Rückmeldungen auch, dass es durch die renovierten Orgeln auch immer wieder Anfragen von Menschen gibt, die dort in den Orten oder in der Umgebung leben und sagen: Ach, die Orgel ist schön, da würde ich doch gerne auch mal spielen.

DOMRADIO.DE: Ist es eigentlich bei diesen neuen Selbstspielsystemen so, dass vorher das Lied einmal komplett eingespielt werden muss? Oder reicht es, Noten einzuprogrammieren?

Mahr: Beide Wege sind möglich. Ich kann bei diesen Systemen natürlich das Ganze so machen, dass ich es über ein ganz normales Notensatz Programm, über MIDI entsprechend einspeichere.

Aber es gibt eben auch die Option, dass ein Mensch die Musik einspielt und dass die dann entsprechend nur abgespielt wird – bis dahin, dass ich dann in der Live-Situation an dem Gerät die Tempi, die Lautstärke verändern kann.

Ich kann beispielsweise Register dazu nehmen in der Orgel, oder ich kann zum Beispiel auch eine Art Sammelpause machen. Ich drücke dann einen Knopf, wenn die Gemeinde gesanglich nicht hinterherkommt, dann wartet das Orgelspiel, ich lasse den Knopf los, das Orgelspiel geht weiter und die Gemeinde wird dann in gewisser Weise geführt. Das ist aber nicht so leicht. 

DOMRADIO.DE: Wir reden ja zurzeit viel über künstliche Intelligenz. Könnte es nicht auch irgendwann so sein, dass dann eine KI die Musik erstellt und via Stereolautsprecher diese Musik abspielt und man sich die Orgel "dazwischen" spart? Mit anderen Worten: Könnte dieser Trend nicht dann doch der Totengräber von Live-Orgelmusik werden?

Mahr: Ich denke, dass die Entwicklung von künstlicher Intelligenz und auch die einfache technische Entwicklung weiter voranschreiten wird und mit Sicherheit werden sich die Selbstspielsysteme auch weiter verbessern gegenüber dem heutigen Stand.

Stefan Mahr

"Was ich nicht glaube, ist, dass man diesen ungeheuer beeindruckenden 3D-Klang einer echten Pfeifenorgel in irgendeiner Form elektronisch ersetzen kann."

Was ich nicht glaube, ist, dass man diesen ungeheuer beeindruckenden 3D-Klang einer echten Pfeifenorgel, dass man den in irgendeiner Form elektronisch ersetzen kann. Wenn überhaupt nur mit fast den gleichen Kosten, die man benötigt, um eine Pfeifenorgel zu bauen, also indem man ungeheure Rechner-Leistungen und große Mengen an Lautsprechern installiert.

Ich glaube nicht, dass Selbstspielsysteme am Ende dazu führen, dass Pfeifenorgeln ersetzt werden. Wohl aber muss man sorgfältig gucken und sich fragen: Was tut man, dass es die Systeme gar nicht braucht? Was muss ich machen, damit es genügend Menschen gibt, die dieses wunderbare Instrument Orgel spielen wollen; dass es genügend Menschen gibt, die bereit sind, in der Liturgie, im Gottesdienst, im Konzert das Instrument in hoher Qualität zu spielen?

Das geht vom Thema Ausbildung über das Thema Qualität des Orgelbaus, Unterstützung von Orgelrenovierungen, das geht bis hin zu der Nachwuchsgewinnung in jüngsten Jahren, dass wir schon Kinder für das Instrument begeistern.

Das Interview führte Mathias Peter.

Die Marienorgel wird durch ein neues Instrument ersetzt

2018 ergab eine umfassende Untersuchung, dass die Orgel in der Marienkapelle des Domes dringend erneuert werden muss. Das aktuelle Instrument, das Woche für Woche etwa 45 Gottesdienste begleitet, hat über die vielen Jahre an technischer und klanglicher Qualität stark eingebüßt – mit bloßen Reparaturen können diese Mängel nicht mehr behoben werden.

Die neue Marienorgel soll einerseits eine tragende Rolle in der Liturgie der Marienkapelle übernehmen, andererseits mit ausreichend Klang die Konzerte im Hochchor unterstützen.

Simulation: Die neue Marienorgel soll in der Höhe ausfahrbar sein / © Bild Simulation: Architekturbüro Mecanoo (KKD)
Simulation: Die neue Marienorgel soll in der Höhe ausfahrbar sein / © Bild Simulation: Architekturbüro Mecanoo ( KKD )
Quelle:
DR