Studie: Depressive Menschen leiden massiv unter Corona-Maßnahmen

Engpässe bei Versorgung von psychisch Kranken

Die Corona-Krise belastet fast jeden. Menschen mit Depressionen sind besonders herausgefordert - und vielfach schlechter versorgt als üblich. Fachleute fordern Nachbesserungen.

Depressionen betreffen viele Menschen (dpa)
Depressionen betreffen viele Menschen / ( dpa )

Meditationsapps, Online-Kurse gegen Schlafstörungen, die Telefonseelsorge: Angebote, die aus der Ferne gegen Sorgen und Depressionen helfen können, haben während der coronabedingten Einschränkungen einen Aufschwung erlebt. Mehrere Krankenkassen stellten entsprechende Programme kostenfrei zur Verfügung, ebenso die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Ein vollwertiger Ersatz für eine Behandlung mit Antidepressiva oder Face-to-Face-Psychotherapie sei das aber nicht, sagt deren Vorsitzender Ulrich Hegerl: "Eine akute Gefährdung lässt sich oft nur im direkten Gespräch erkennen."

Arzt- und Therapeutenbesuche sind unterdessen möglich - zeitweise haben Patienten aber darauf verzichtet, auch aus Angst vor einer Corona-Infektion. 13 Prozent der depressiv erkrankten Menschen nahmen Arzttermine nicht wahr: Das ist ein Ergebnis des am Dienstag von der Depressionshilfe vorgestellten Deutschland-Barometers Depression. 30 Prozent der Befragten berichteten zudem von ausgefallenen Terminen, jeder Zehnte konnte einen stationären Aufenthalt nicht wie geplant antreten.

Große Einschränkungen für psychisch Erkrankte

Hochgerechnet auf die Bevölkerung hätten mehr als zwei Millionen depressiv erkrankte Menschen "eine Einschränkung ihrer medizinischen Versorgung mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen durch die Corona-Maßnahmen erlebt", kritisierte Hegerl. Es brauche künftig "eine Balance zwischen Leid und Tod, die durch die Corona-Maßnahmen einerseits möglicherweise verhindert und andererseits konkret verursacht werden". Eine öffentliche Diskussion darüber fehle; fest stehe jedoch, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen "durch die Maßnahmen gegen Corona große gesundheitliche Opfer abverlangt werden".

Die Angst vor einer Covid-19-Infektion mache depressiven Menschen weniger zu schaffen als die Auswirkungen von Isolation, fügte Hegerl hinzu. Besonders hätten sie im Frühjahr unter einer fehlenden Tagesstruktur gelitten: Dies gaben 75 Prozent an (gegenüber 39 Prozent der Allgemeinbevölkerung). Auch blieben 48 Prozent tagsüber eher im Bett; 80 Prozent erklärten, sich zu wenig bewegt zu haben. In diesen Fällen drohe ein Teufelskreis, warnte Hegerl: Eine fehlende Tagesstruktur erhöhe das Risiko, sich zurückzuziehen - und lange Bettzeiten könnten Depressionen wiederum verstärken. 43 Prozent der Befragten berichteten zudem von mehr Streit.

Depressive fühlten sich stärker belastet

Ein Großteil der Allgemeinbevölkerung (58 Prozent) gab demnach an, dem veränderten Leben durch die Krise auch Positives abgewinnen zu können - etwa, den Frühling bewusster erlebt zu haben. Unter depressiv erkrankten Menschen sagten dies nur 38 Prozent. Viele fühlten sich zudem bis in den Sommer hinein belastet: im Juli etwa noch 68 Prozent der depressiv Erkrankten (Allgemeinbevölkerung: 36 Prozent).

Experten sehen allerdings auch Menschen gefährdet, die bislang nicht psychisch erkrankt waren. Die Maßnahmen hätten insgesamt zu einer "erhöhten Ängstlichkeit, Depressivität, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit in der Bevölkerung geführt", sagte der Psychiater Klaus Lieb kürzlich der "Welt" unter Verweis auf von ihm durchgeführte Befragungen.

Fast 70 Prozent emotional belastet

Eine Umfrage für die "Welt am Sonntag" ergab, dass sich fast 70 Prozent der Deutschen emotional belastet fühlen, weil sie sich um die Gesundheit von Angehörigen sorgen. 55 Prozent erklärten, sie litten unter der Unsicherheit, wie es in den kommenden Monaten weitergehe. Auch die Einschränkungen des Handlungsspielraums, der Verlust sozialer Kontakte und Sorgen um die eigene Gesundheit belasten einen großen Teil der Bevölkerung, hieß es. 15 Prozent nannten finanzielle Schwierigkeiten als Bürde.

Lieb gibt aber zu bedenken, dass Menschen oft zu mehr in der Lage seien, als sie selbst glaubten. Helfen könne es, eine feste Tagesstruktur aufrecht zu erhalten, ausreichend zu schlafen, soziale Kontakte zu pflegen und auf sich selbst zu achten. Auch zu starker Medienkonsum habe laut Studien «eindeutig» die Angst und Verunsicherung gesteigert. Hegerl rät zudem dazu, im Rahmen der Möglichkeiten aktiv zu bleiben. Manchen Menschen gelinge es auch, sich in der Krise auf «das Wichtige im Leben» zu besinnen: ein guter Ansatz, sagt der Experte.

Autor/in:
Paula Konersmann
Quelle:
KNA