Auf Ischia kommt die Botschaft von der Auferstehung auf acht Beinen daher. Das beliebte "Engelrennen" ("Corsa dell"Angelo") mobilisiert am Ostersonntag ganz Forio, den größten Ort der Insel im Golf von Neapel. Die über 400 Jahre alte Tradition, eine Mischung aus Prozession und religiösem Schauspiel, stellt symbolisch und hochemotional die Begegnung der Gottesmutter mit ihrem auferstandenen Sohn dar.
Mysterienspiel seit den Anfängen um 1620
Schon am Morgen nach der ersten Messe liegt gespannte Vorfreude über dem süditalienischen Küstenort. Das Spektakel nimmt an zwei verschiedenen Orten Aufstellung: Oben vor der Kirche Santa Maria Visitapoveri sammeln sich Männer in strahlendweißen Gewändern und himmelblauen Überwürfen um die Statue des Christus und des Erzengels Gabriel. Vorweg tragen sie die historische türkisfarbene Standarte und das Kreuz der Erzbruderschaft Santa Maria Visitapoveri, die das Mysterienspiel seit den Anfängen um 1620 organisiert. Die Farben der Gewänder, Blau für die Himmelskönigin und Weiß für ihre Reinheit und Jungfräulichkeit, strahlen mit dem Osterhimmel um die Wette.
Nun schultern acht Träger den goldenen Engel, eine Kopie der 1618 geschaffenen Holzstatue aus der Werkstatt von Vincenzo Mollica, und den Auferstandenen. Unter Sang und Klang von Touristen, Gemeinde und Blaskapelle geht es hinab zum zentralen Corso von Forio. Erst nahe dem Brunnen kommt der Zug zum Stehen.
Nur vier Familien dürfen die Statuen tragen
Unterdessen warten an der Kreuzung vor der Basilika Santa Maria di Loreto, nur einige Dutzend Meter vom Brunnen entfernt, aber außer Sichtweite, die Muttergottes und der Jünger Johannes.
Das Recht, die Heiligenfiguren auf den Schultern zu tragen, gebührt nur vier Familien in Forio, wird von Generation zu Generation vererbt und kann im entscheidenden Moment verloren gehen. Doch der ist noch weit.
Erst einmal beginnt die wahre Mission des Engels - und seiner Träger: Jetzt heißt es losrennen und der trauernden Muttergottes frohe Kunde bringen. Unter den anfeuernden Rufen der dicht gedrängten Menge eilen die vier Männer in wehenden Gewändern zu Maria, die mit einem weißen Spitzenschleier bedeckt ist. Der Engel auf seinem Podest scheint zu hüpfen, die Träger schwitzen.
"Wir sind für das hier geboren"
Bloß nicht stolpern auf dem unebenen Pflaster, nur nicht mit einem Zuschauer zusammenstoßen oder gar die kostbare Last fallenlassen. Vor Maria angekommen, muss sich der liebliche Erzengel vor ihr verbeugen. Für seine beiden vorderen Träger heißt das: Knie Richtung Boden, Rücken krümmen, und das mit fast hundert Kilo Last auf den Schultern, wie einer der Männer sagt. Ob er vorher Sonderschichten im Fitnessstudio eingelegt hat? Der Mittzwanziger schüttelt gemessen den Kopf: "Wir sind für das hier geboren."
Geprobt wird dennoch mindestens einen Monat vor Ostern unter den Trägern der Familienclans, die zwecks Entlastung immer aus mehreren Quartetten bestehen. Sie trainieren vor allem Balance und das synchrone Bewegen. Denn gerät nur einer aus dem Gleichgewicht, drohen alle wie Dominosteine übereinander zu purzeln.
Erstmals "tragende Rolle" für Frauen
Jahrhundertelang hielt man Frauen beim Engelrennen nur zum Schmücken der Statuen für würdig. Ostern 2025 dann die Premiere: Als allererste Frau erhält die junge Felicia eine "tragende Rolle" im "Team Madonna"; ein Tribut an den Zeitgeist und auch an die abnehmende Zahl von Engagierten. Viele wollen sich nicht mehr über Wochen verpflichten.
Doch nun gilt es erst einmal, Maria das Unglaubliche zu verkünden: Dein Sohn hat den Tod besiegt, er ist auferstanden. Dazu stimmt ein rustikaler Chor aus Fischern und Handwerkern die österliche Antiphon "Regina Coeli" an, jenen uralten lateinischen Gesang, der in der katholischen Kirche von Ostersonntag bis Pfingsten gebetet oder gesungen wird: "Freue dich und frohlocke, Himmelskönigin, Alleluja, denn der Herr ist wahrhaft auferstanden, Alleluja", singen die Männer, nicht sehr melodisch, aber laut und voller Inbrunst. Sie verkörpern die einst wichtigsten Einnahmequellen in dem Küstenort.
Noch glaubt Maria weder ihnen noch dem goldenen Engel, der in der Rechten einen Ölzweig hält. Wieder rennen die Männer zurück zur Christusstatue und zu den wartenden Menschen um Forios Pfarrer Don Beato Scotti. Wieder heißt es, den Rücken tief hinunter Richtung Boden beugen, diesmal vor dem Gottessohn.
Aller guten Dinge sind drei
Doch auch an Ostern auf Ischia sind aller guten Dinge drei. Nach der dritten Verkündigung schenkt Maria dem Erzengel endlich Glauben: Ihr Sohn ist wahrhaft auferstanden. Zugleich spielt sich unter dem Glockenturm der Basilika das ergreifendste Spektakel ab: Im Moment ihrer Erkenntnis fällt der Schleier von der Madonna ab, der aber keinesfalls zu Boden gleiten darf. Die Glocken der zahlreichen Kirchen in Forio läuten, von den umliegenden Balkonen regnet es bunte Papierschnitzel und Blütenblätter auf die österliche Szene herab. Der Chor singt sein "Alleluja" noch eine Spur kräftiger, alle stimmen ein, ob Touristen oder Ischitaner. Die Luft ist erfüllt von Jubelrufen, Gesängen und Applaus.
Angeführt vom Engel werden Johannes und die Muttergottes nun feierlich zum wartenden Christus getragen. Die Madonna ist mit ihrem Sohn vereint, Don Beato Scotti schwenkt enthusiastisch das Weihrauchfass vor beiden Statuen, während Gabriel und Johannes nach erfolgter Mission den beiden gegenüberstehen.
Historische Standarte mit Federbusch
Der Osterbraten ist aber zeitlich noch in weiter Ferne: Noch über eine Stunde werden die vier Statuen in einer Prozession durch den Ort getragen, bis hinauf nach San Vito und hinunter zum Meer geht es, um wirklich allen die Frohe Botschaft zu bringen.
Doch außer der abschließenden Ostermesse in der Basilika wartet noch ein weiterer spannender Moment: Das Familienoberhaupt von Team Engel muss sich mit der historischen Standarte vor Gabriel verbeugen, ohne dass der lange, schwere, mit Federn geschmückte Stab den Boden berührt; ansonsten verlöre sein Clan das Tragerecht an eine andere Familie.
Doch auch in diesem Jahr endet der Moment höchster Konzentration glücklich: Weder Federn noch Holzstab touchieren die Erde. Erst jetzt heißt es wirklich auf Ischia: Buona Pasqua.